Fall Timoschenko

Düsteres Vorspiel zur EM in der Ukraine

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Foto: AFP

Kurz vor der EM in der Ukraine geht es nicht um Fußball, sondern um das Schicksal von Timoschenko. Der DFB schließt aber einen Boykott aus.

Die Patienten, um die sich an diesem Freitagmittag alles dreht, ist nicht anwesend. Ihr Krankenbett steht rund 1200 Kilometer von der Charité entfernt, in der Ukraine. in einer anderen Welt. Es gibt nur Röntgenbilder, die die Wirbelsäule Julia Timoschenkos zeigen. Hochgehalten von Charité-Chef Karl Max Einhäupl. Wenn es nach ihm ginge, würde seine Patientin schon längst in einem Krankenbett in seiner Klinik liegen.

„Seien Sie ein den humanitären Werten verpflichteter Präsident und lassen Sie sie zur Behandlung in das europäische Ausland ausreisen“, appellierte Professor Einhäupl an den ukrainischen Staatschef Viktor Janukowitsch. „Wir haben erhebliche Zweifel, dass eine Therapie der Patientin in der Ukraine erfolgreich durchzuführen ist.“ Einhäupl, der im Februar mit einem Kollegen auf Kosten von Timoschenkos Familie in die Ukraine gereist war und einen Bandscheibenvorfall diagnostiziert hatte, hält es für notwendig, mit Kollegen binnen sieben Tagen in die Ukraine zu reisen und den akuten Zustand Timoschenkos erneut zu überprüfen. „Sie ist jetzt auch unsere Patientin“, sagte Einhäupl. „Frau Timoschenko hat uns gebeten, ihre Behandlung zu übernehmen. Sie hat auf uns einen sehr verzweifelten Eindruck gemacht.“

Ein Gericht hatte Timoschenko im Oktober vergangenen Jahres zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt, weil sie in ihrer Zeit als Ministerpräsidentin Verträge über Gaslieferungen mit Russland geschlossen haben soll, die für die Ukraine von Nachteil waren. Der Gesundheitszustand der Politikerin ist längst zu einem Politikum geworden. Ein Politikum, dass sich sechs Wochen vor der Europameisterschaft auch auf die Welt des Fußballs ausgeweitet hat. Sportler und Funktionäre sollten die Gelegenheit nutzen, sich für die Einhaltung der Menschenrechte in der Ukraine einzusetzen, sagte Wolfgang Grenz, Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland, Morgenpost Online. „Dabei sollten sie nicht nur Julia Timoschenkos Freilassung fordern. In der Ukraine werden regelmäßig Festgenommene von der Polizei geschlagen, es gibt Berichte über Folter zur Erpressung von Geständnissen. Das sollten die Sportfunktionäre klar und deutlich ansprechen – und zwar nicht nur hinter verschlossenen Türen.“

Fünfter Sportminister in fünf Jahren

Für die Uefa hätte es kaum schlimmer kommen können. Zwar schwebt Timoschenkos traurige Situation bereits seit Monaten wie ein Damoklesschwert über der Kontinentalmeisterschaft, doch spätestens seit Freitagnachmittag, als in der Industriemetropole Dnjepropetrowsk vier Bombenanschläge verübt worden sind, kann das Thema nicht mehr beiseite geschoben werden.

Bundespräsident Joachim Gauck hatte ein Treffen mit seinem Amtskollegen bereits aus Protest abgesagt, und EU-Kommissarin Viviane Reding forderte alle Politiker zu einem Boykott der EM auf. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich erwägt genau das. Der CSU-Politiker sagte, er habe ein Problem damit, als Sportminister bei Fußballspielen während der EM zu sitzen, und zu wissen: „Da wird Kilometer entfernt jemand nicht nach den Regeln behandelt, die wir uns gemeinsam gegeben haben in der zivilisierten Staatenwelt.“

Die Uefa aber windet sich im Ringen um eine klare Position. Kurz vor dem EM-Start will der Verband alles vermeiden, was das Verhältnis zum Gastgeberland Ukraine verschlechtern könnte. Andererseits graut es den Funktionären in Nyon auch davor, sich zum Handlanger des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch zu machen, der sich vom 8. Juni an der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit sicher sein kann. Uefa-Präsident Michel Platini sagte der Morgenpost: „Als die EM 2007 vergeben wurde, war Julia Timoschenko gerade dabei, an die Regierungsspitze aufzusteigen. Natürlich ist es schwierig, wenn die politischen Verhältnisse instabil sind. Die Ukraine hat gerade den fünften Sportminister in fünf Jahren. Aber was sollen wir machen? Die EM nicht in Länder wie die Ukraine vergeben, weil nicht alles so gefestigt ist wie in westeuropäischen Demokratien? Das ist keine Lösung.“

DFB unterstützt Haltung der Bundesregierung

Auch beim Deutschen Fußball-Bund wird derzeit intensiv beraten, wie mit der schwierigen Situation umgegangen werden soll. Dem DFB reicht es nicht, den von der Uefa vorgegebenen Sermon nachzubeten. Nach Morgenpost-Informationen soll der europäische Verband allen EM-Teilnehmern empfohlen haben, sich aus politischen Diskussionen rauszuhalten. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hingegen drängt Präsident Platini seit Wochen, klar Position zu beziehen.

Der DFB steht seit Beginn des Jahres in regem Austausch mit dem Auswärtigen Amt und dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Markus Löning. „Wir unterstützen die Haltung der Bundesregierung nach einer optimalen ärztlichen Betreuung für Julia Timoschenko ohne Wenn und Aber. Der Fußball muss sich an die Seite der Politik stellen, wenn es um Grundwerte im menschlichen Miteinander geht“, sagte Niersbach. Einen EM-Boykott der deutschen Mannschaft schloss der DFB-Präsident allerdings kategorisch aus: „Das widerspräche dem Anspruch des Sports mit seiner völkerverbindenden, integrativen Kraft und der Idee des fairen Wettbewerbs. Ich erinnere daran, dass Verlierer der Olympiaboykotts 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles letztlich die Sportler waren.“

Die Schmerzen von Julia Timoschenko sind in den vergangenen Monaten derweil chronisch geworden. Obwohl die ehemalige Ministerpräsidentin seit ihrer Inhaftierung Anfang Oktober über starke Rückenschmerzen geklagt hatte, war erst drei Monate später ein Kernspin-Gutachten erstellt worden. „Ob das Vorenthalten einer Therapie eine gezielte Maßnahme war oder mangelnde diagnostische Sicherheit, dazu kann ich mich nicht äußern“, sagte Professor Einhäupl. Klar sei aber, dass Timoschenko auch nach dem unzweifelhaften Befund Anfang Januar keine optimale Therapie erhalten habe. Laut Timoschenkos Aussagen habe man ihr Schmerzmittel nur dann verabreicht, wenn sie sich im Gegenzug zu einer Vernehmung bereit erklärt habe. Die Benutzung eines Rollators habe man ihr verweigert, obwohl sie darum gefleht habe.

Bandscheibenvorfall ist chronisch

Vor zwei Wochen hatten Einhäupl und Haas die Patientin erneut besucht und festgestellt, dass der Bandscheibenvorfall chronisch geworden ist. Außerdem hatten sie die Klinik in Charkiw besucht, die die ukrainischen Behörden für eine Therapie vorgesehen hatten. Zwar sei das Krankenhaus gut ausgestattet und man habe „motiviertes, freundliches und, soweit überprüfbar, kompetentes Personal“ vorgefunden. Jedoch fehlten einige zur Rehabilitation notwendige Dinge, wie etwa ein Warmwasser-Schwimmbecken, lautete das Fazit. Frau Timoschenko habe außerdem kein Vertrauen zu den ukrainischen Ärzten, sagte Einhäupl, „und ich kann ihre Argumente nachvollziehen.“

Der Hungerstreik Timoschenkos sei in den ersten Tagen und Wochen nicht lebensbedrohlich, so Einhäupl. Jedoch werde sie aufgrund der erheblichen Stresssituation ihre Reserven schneller aufbrauchen. Außerdem nehme sie nun bereits über Monate Schmerzmittel, die auf Dauer den Magen-Darm-Trakt schädigten. Hinzu komme eine erhöhte Trombosegefahr, da die Patientin nun bereits sieben Monate bettlägerig sei. Noch ist sie zu weit weg, als dass der Arzt mehr tun könnte.

( Freia Peters und Lars Wallrodt )

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