Agni-V-Start

Indien schafft das, was Nordkorea verpatzt hat

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Sophie Mühlmann

Foto: DPA

Der Ferne Osten rüstet auf: Indien bezeichnet sich nach dem erfolgreichen Agni-V-Start als "Raketenmacht". Das stört China.

Majestätisch dröhnte die schlanke Rakete innerhalb von wenigen Sekunden nach ihrem Start in den Himmel“, so schwärmt ein indischer Augenzeuge, „und in ihrer Flugbahn ließ sie eine dünne Spur von weißem und orangen Rauch zurück, bevor sie verschwand.“ Ganz Indien platzt nun vor Nationalstolz.

„Wir sind jetzt eine Raketenmacht“, erklärte der Chef der Entwicklungsbehörde des indischen Verteidigungsministeriums, V.K. Saraswat, auf Wheeler Island vor der Küste von Odisha im Osten des Subkontinents. Auch er konnte sein Hochgefühl nicht verhehlen. Zum ersten Mal in der Geschichte hat Indien eine selbst entwickelte Interkontinentalrakete getestet. Die Agni-V (der Name stammt aus dem Hindi und Sanskrit und bedeutet „Feuer“) startete um 8.07 Uhr Ortszeit, genauestens beobachtet von etwa 800 Wissenschaftlern und Honoratioren. „Dieser Test hat der gesamten Welt eine Botschaft gesandt“, sagte Saraswat, „Indien hat die Fähigkeit, eine Rakete dieser Klasse zu entwerfen, zu entwickeln und zu bauen.“

Schritt auf dem Weg zur Supermacht

Damit klopft die südasiatische Nuklearmacht nun beim exklusiven Kreis der Staaten an, die über atomwaffenfähige Langstreckenraketen verfügen. „Die Nation steht heute hocherhobenen Hauptes da“, erklärte Außenminister A.K. Anthony in einem Fernsehinterview. „Wir sind dem Eliteclub der Nationen beigetreten, die in der Lage sind, Interkontinentalraketen zu bauen.“ So nennt man Geschosse, die eine Distanz von 5000 Kilometern und mehr überwinden können. Zwar behauptet auch Nordkorea, mit der Taepodong-2 so ein Projektil zu besitzen, doch nach dem verpatzten Teststart der darauf beruhenden Unha-3 vergangene Woche ist das ungewisser als je zuvor. So verfügen nur die fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats mit Sicherheit über solche Raketen: die USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien. Nun ist Delhi auch dabei und damit einen Schritt weiter auf dem Weg zur Supermacht.

Ursprünglich sollte der Test bereits am Mittwoch stattfinden, doch das Wetter über der Bucht von Bengalen war allzu instabil. Gestern Morgen aber gelang den Wissenschaftlern ein wahrer Bilderbuchstart: die Agni-V raste von ihrer mobilen Abschussrampe aus kerzengerade in einen blauen Himmel, den nur einige durchsichtige Wolken trübten. In einem genau berechneten Bogen zog sie in 600 Kilometern Höhe einen Halbkreis, bevor sie etwa zwanzig Minuten später in den indischen Ozean stürzte. Dort wurde der Raketenstart von drei Schiffen verfolgt, die eigens für diesen Zweck eingesetzt worden waren. Die Besatzung berichtete später von einem Feuerball, als die Rakete zurück in die Atmosphäre eintauchte, bevor sie ihr Ziel erreichte. „Ein hundertprozentiger Erfolg“, so ein Sprecher.

Die ballistische Langstreckenrakete wiegt rund 50 Tonnen, ist 17 Meter lang und hat einen Durchmesser von zwei Metern. 80 Prozent der dreiteiligen Konstruktion stammen aus Indien – nur einige elektronische Komponenten sind importiert. Die Agni-V ist in der Lage, über eine Tonne Gewicht zu transportieren – zum Beispiel einen Satelliten, aber auch einen Atomsprengkopf. Dieses neueste Modell der Agni-Baureihe kann eine Entfernung von 5000 Kilometern überwinden. Damit ist Indien nun in der Lage, Ziele in Osteuropa, Nordost- und Ostafrika, Australien und vor allem auch in der Volksrepublik China zu treffen. „Die Agni-V kann Ziele in ganz China erreichen“, sagt Verteidigungsexperte Poornima Subramaniam vom Sicherheits-Thinktank Jane's, „und sie kann somit potenziell Kurz- und Mittelstreckenraketen für den Gebrauch gegen Pakistan und große Teile West- und Zentralchinas frei machen.“ Das Vorgängermodell, die Agni-IV mit einer Reichweite von 3500 Kilometern, war am 15. November 2011 von demselben Gelände aus erfolgreich gestartet worden.

Indiens Premierminister Manmohan Singh gratulierte den Erbauern der Rakete: „Der heutige erfolgreiche Agni-V-Start ist ein weiterer Meilenstein in unserem Streben nach verlässlicher Sicherheit und dem fortgesetzten Erforschen der wissenschaftlichen Grenzen.“

Zwei weitere Tests muss die Agni-V noch durchlaufen, dann soll sie in Serienproduktion gehen. Die Rakete soll innerhalb der nächsten zwei Jahre dem Militär zur Verfügung gestellt stehen.

Anders als bei dem in der vergangenen Woche missglückten Raketentest von Nordkorea gab es keine lautstarke internationale Kritik. Indiens Raketenprogramm wird vom Westen grundsätzlich toleriert, obwohl das Land nicht dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten ist. Erst am Mittwoch hatte die Nato erklärt, von Indien gehe keine Gefahr aus. Dank seiner boomenden Wirtschaft wird der Subkontinent auch im Kreis der führenden Industrie- und Schwellenländer immer wichtiger. Washington forderte Delhi lediglich zu Zurückhaltung auf. Indiens Erzfeind, das Nachbarland Pakistan reagierte zunächst gar nicht.

Das Ziel des indischen Muskelspiels liegt diesmal vor allem weiter östlich, in China. Schon lange strebt Delhi danach, den militärischen Vorsprung seines großen Nachbarn auszugleichen. In der Raketentechnik waren chinesische Wissenschaftler bisher weit voraus: Schon lange können die Raketen aus der Volksrepublik jeden beliebigen Ort in Indien erreichen. Doch für Indien lagen chinesische Großstädte bisher immer weit außerhalb ihrer Reichweite. Das ist jetzt anders.

Um mäßigenden Ton bemüht

Delhi bemüht sich trotz seiner eindeutigen geostrategischen Intentionen, seine neue militärische Kapazität nicht als Bedrohung erscheinen zu lassen. Schon vor dem Start bemühte sich die Entwicklungsbehörde des Verteidigungsministeriums um einen mäßigenden Ton: Die Agni-V bedeute zwar „einen Quantensprung für Indiens strategische Fähigkeiten”, so ein Sprecher der Behörde, doch er betonte ausdrücklich: „Unsere Raketensysteme dienen nur zur Abschreckung und zu unserer eigene Sicherheit. Dies ist ein Mittel zur Kriegsvermeidung und nicht gegen ein bestimmtes Land gerichtet”.

Chinas Regierung spielte mit und reagierte ebenfalls gemäßigt: „Wir sind nicht Konkurrenten, sondern Kooperationspartner“, erklärte der Sprecher des Außenministeriums, Liu Weimin. Die Beziehungen zwischen Indien und China entwickelten sich gut. Beide Seiten sollten ihr freundschaftliches Verhältnis vertiefen und „positiv“ zu Frieden und Stabilität in der Region beitragen.

Das war nicht immer so: Vor genau 50 Jahren führten die Länder einen ausgewachsenen Krieg gegeneinander, und noch immer gibt es ungelöste Grenzstreitigkeiten. Und so warnte denn auch ein chinesischer Diplomat in Delhi: „Der Agni-V-Start kann einer neuen Runde des Rüstungswettlaufs in diesem Teil der Welt Vorschub leisten.“ Seinen Namen wollte er nicht veröffentlicht wissen.

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