"Wir kommen"

Türkischer Student schreibt Buch als Antwort auf Sarrazin

Nicht erst seit Thilo Sarrazin fühlen sich viele türkische Einwanderer abgelehnt. Ein türkischstämmiger Student aus Wien antwortet ihm nun.

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Die Zielrichtung ist klar, das zeigt das provokante Buchcover: Halbmond und Stern in rot-weiß, wie die türkische Flagge. Darunter: „Wir kommen“. „Wir“ sind in diesem Fall die Türken – in Deutschland, Österreich und der Türkei. Als Antwort auf Thilo Sarrazin und die gefühlte gesellschaftliche Ablehnung bezeichnet der 25-jährige österreichische Student Inan Türkmen sein Buch. „Ich habe mir die Wut von der Seele geschrieben“, sagte er in einem Interview.

Türkmens Ausführungen sorgten in Österreich schnell für Aufsehen: Türken und türkischstämmige Menschen ziehen Europa, Deutschland oder Österreich nicht hinab in Unbildung und Islamismus, wie Sarrazin es in seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ anklingen lassen habe. Stattdessen wachse die Türkei zu einer gewichtigen Wirtschaftsmacht heran und die neue Generation der Einwanderer werde für die deutsche Mittelschicht zu einer ernsten Konkurrenz.

Die Begründungen liefert Türkmen in den Kapitelüberschriften: „Wir sind mehr“, „Wir sind jünger“, „Wir sind hungriger“ und „Wir sind stärker“. Seine Antwort auf die ängstliche Frage einer österreichischen Freundin, ob das die dritte Türkenbelagerung Wiens sei: „Wenn Du unter Türkenbelagerung verstehst, dass sich die Türken in Europa durchsetzen, dann ist es genau das.“

Die Angst sei aber unbegründet. Von dem Trend, so Türkmen, würden beide Seiten profitieren. Kulturen würden sich vermischen, die Wirtschaft in Mitteleuropa an Dynamik gewinnen. „Die Türkei ist das China Europas“, zitiert er den „Economist“. Der türkische Nachwuchs suche den Erfolg, meint Türkmen, dessen Vater Schweißer war und der selber Betriebswirtschaft studiert.

An Beispielen – oft auch unpassenden – mangelt es in dem schmalen Band nicht: In den türkischen Chefetagen arbeiteten 17 Prozent Frauen, im EU-Durchschnitt seien es nur 3 Prozent. Mehr Menschen zögen von Deutschland in die Türkei als umgekehrt, 60 Prozent der Istanbuler seien jünger als 30 Jahre, türkische Designer glänzten auf den Laufstegen in ganz Europa.

Türkmen hat Recht, wenn er vom Wirtschaftsboom spricht. Anderseits ist die Türkei ein extrem heterogenes Land. In Ost-Anatolien gibt es immer noch Orte ohne fließendes Wasser und mit einer hohen Analphabetenrate. Beim Bruttoinlandsprodukt liegt die Türkei dank ihrer 75 Millionen Einwohner (13 Millionen davon in Istanbul) auf dem 18. Platz vor Schweden oder Argentinien. Beim Pro-Kopf-BIP fallen die Türken aber weit hinter Staaten wie Griechenland, Äquatorialguinea, Gabun oder Kasachstan auf den 62. Platz zurück.

Interessanter noch als Türkmens Thesen ist der psychologische Hintergrund des Buches. Der Student schildert, wie er bei einem Besuch in Berlin als Ausländer in gebrochenem Deutsch angesprochen wird und wie in Österreich Streit oft mit „Scheiß Türke“ endet. Türkmen fühlt sich trotz perfekter Integration von der deutschen oder österreichischen Gesellschaft weder aufgenommen noch anerkannt. Aus seinem Buch spricht auch ein gekränkter türkischstämmiger Wutbürger.