Umstrittene Aktion

Salafisten verteilen Gratis-Koran in Berlin

Die Salafisten haben ihre Koran-Aktion auf ganz Deutschland ausgeweitet. In Berlin stehen sie am Alex, Kudamm und Potsdamer Platz.

Foto: DPA

Radikalislamistische Salafisten haben am Sonnabend trotz vorheriger Kritik auch in Berlin kostenlose Koran-Exemplare verteilt. Unter großem Medieninteresse bauten einige Teilnehmer der bundesweiten Aktion „Lies!“ am Vormittag einen Stand am Potsdamer Platz auf. Zeitgleich waren auf dem Alexanderplatz und dem Kurfürstendamm Stände angemeldet, sagte die Sprecherin des Berliner Verfassungsschutzes. Laut Polizei tauchten die mit weißen T-Shirts bekleideten Salafisten dort aber bis zum Nachmittag nicht auf.

Am Potsdamer Platz sorgte die Verteilung für Diskussionen zwischen Passanten und den Radikalen, aber auch unter Passanten selbst. Viele, darunter meist Touristen, nahmen Koran-Exemplare mit. Eine 65 Jahre alte Frau aus Chemnitz sagte: „Ich will mir selber ein Bild machen.“ Auch ein Ehepaar aus Dortmund zeigte sich interessiert. „Muss man ja nicht behalten, wenn es nicht gefällt“, sagte der 52-jährige Ehemann.

Die Polizei war mit rund 20 Einsatzkräften vor Ort, um mögliche Auseinandersetzungen zu verhindern. Zuvor hatte die Behörde angekündigt, die Aktion nicht zu begleiten, da sie keine Versammlung oder Demonstration sei.

Die Organisatoren der Koran-Aktion hatten für Sonnabend in mehr als 30 Städten Info-Stände angemeldet. Allerdings fand die Aktion nach dpa-Recherchen in deutlich weniger Städten statt als im Internet angekündigt. Laut Verfassungsschutz soll das Netzwerk „Die wahre Religion“, das sich um den radikalen Kölner Prediger Ibrahim Abou Nagie gebildet hat, hinter der Aktion stecken.

Bürger protestieren

Einige Bürger protestierten mit Plakaten gegen die Aktion. Auf dem Schild einer jungen Frau war in Anspielung auf den Aktionstitel „Lies!“ zu lesen: „We don't need your lies!“ (Wir brauchen eure Lügen nicht.) Weil sich muslimische Passanten dadurch angegriffen fühlten, kam es zu lautstarken Diskussionen. Ein 40-Jähriger Iraner wies einen erzürnten Mann zurecht, dass hierzulande Meinungsfreiheit herrsche.

Eine Gruppe „Muslime für Frieden Freiheit Loyalität“ protestierte mit Flyern gegen die Koranverteilung der Salafisten. „Wir wollen zeigen, dass es auch einen friedlichen islam gibt“, sagte der 20-jährige Intisar.

Nach Angaben der Berliner Verfassungsschutzchefin Claudia Schmid geht es der Salafisten-Gruppe um Propaganda und die Rekrutierung von Anhängern. „Der Koran ist nur ein Mittel zum Zweck“, sagte Schmid. Problematisch seien nicht der Koran und seine Verteilung, sondern die Verteiler.

100 gewaltbereite Salafisten in Berlin

Die Innenminister von Bund und Ländern warnen vor dem Salafismus. Sie sehen in ihm einen potenziellen Wegbereiter islamistischen Terrors. Salafisten verstehen sich als Vertreter eines „wahren Islams“ und nehmen den Koran wortwörtlich. Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes streben sie eine Gesellschaft nach den Regeln der islamischen Rechtsordnung Scharia an. Diese widerspricht in weiten Teilen den Grundregeln demokratisch verfasster Gesellschaften.

In Berlin gibt es nach Behördenangaben rund 350 strenggläubige Salafisten. Von ihnen werden etwa 100 als gewaltbereit eingeschätzt. Verfassungsschützer warnen, dass salafistische Prediger junge Gläubige radikalisieren könnten. Fast alle Islamisten in oder aus Deutschland, die den Dschihad (Gotteskrieg) befürworten oder sich ihm angeschlossen haben, seien mit dem Salafismus in Berührung gekommen.