Debatte um Gedicht

Jerusalem hat genug vom ewigen Mahner Grass

Günter Grass darf nicht mehr nach Israel. Das geht zu weit, meinen führende Köpfe. Auch in Deutschland gibt es Kritik.

Foto: DPA

Man sollte sich die Debatte über das missratene Gedicht eines deutschen Literaturnobelpreisträgers in Israel nicht übermäßig aufregend vorstellen. Während in Deutschland Feuilleton und Politik seit einer Woche kaum ein anderes Thema kennen, als Günter Grass' mehr oder weniger poetische Verdrehung einiger eigentlich nicht besonders komplizierter weltpolitischer Sachverhalte, hielt sich die Entrüstung in Israel zunächst in Grenzen.

Der antiisraelische Ausfall des deutschen Dichters wurde eben vermeldet. Selbst eine recht nüchterne Richtigstellung aus dem Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erregte kurz vor dem Pessachfest kaum Aufsehen. Erst seit Innenminister Eli Jischai das Einreiseverbot gegen den 84-jährigen Schriftsteller verhängte und ihn zur in Israel „unerwünschten Person“ erklärte, kommt Schwung in die Debatte.

Das Gedicht von Grass sei der Versuch, das „Feuer des Hasses gegen den Staat Israel und das Volk Israel“ zu entfachen und so jene Ideen voranzutreiben, die er in der Vergangenheit „öffentlich durch das Tragen der SS-Uniform“ geteilt habe, sagte der Innenminister im Radio. Tatsächlich beschuldigt Jischai den Autor dadurch, noch heute nationalsozialistischem Gedankengut anzuhängen. Mit offener Abscheu bezeichnete er Grass als „antisemitischen Menschen“ und forderte, dem Dichter den Literaturnobelpreis abzuerkennen.

Da es in der pluralistischen Demokratie Israel nicht möglich ist, nur aufgrund eines Gedichts einen Schriftsteller zur Persona non grata zu erklären, darf Grass offiziell wegen seiner Nazi-Vergangenheit nicht mehr nach Israel einreisen. Für die Verbreitung seiner „verdrehten und lügnerischen Werke“ könne Grass im Iran gewiss ein begeistertes Publikum finden, sagte Jischai weiter, der der sephardisch-orthodoxen Schas-Partei angehört.

Außenminister Avigdor Lieberman von der rechten Partei Unser Haus Israel wollte da nicht nachstehen und bezeichnete das Gedicht als „Beleg für den Zynismus der westlichen Intellektuellen“. Grass wolle wohl nur mehr Bücher verkaufen und sei bereit, das jüdische Volk dafür ein zweites Mal „auf dem Altar wahnsinniger Antisemiten“ zu opfern. Mit seiner Aufforderung an die europäischen Regierungen, den Äußerungen des Dichters „in aller Deutlichkeit“ zu widersprechen, weil man „schon einmal gesehen hat, welche kleinen Samen antisemitischen Hasses“ zu einem Flächenbrand führen könnten, machte Lieberman Grass auch gleich zum Wegbereiter eines neuen Holocaust.

Reich-Ranicki spricht von Unsinn

In Deutschland griff unterdessen jemand, der Grass bisher nur auf der Ebene der Literatur kritisierte, in die Debatte ein: Kritiker Marcel Reich-Ranicki sagte: „Das ist eine Gemeinheit, so etwas zu publizieren“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. „Außerdem ist es auch noch großer Unsinn.“ Das Werk von Grass sei immer von Attacken geprägt gewesen.

Außenminister Guido Westerwelle sagte der „Bild am Sonntag“, es sei absurd, Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen. Der FDP-Politiker warnte zudem vor einer Verharmlosung des iranischen Atomprogramms.

Doch das Einreiseverbot für Grass stößt auch in der Bundesregierung auf Kritik. Die israelische Reaktion auf das umstrittene Gedicht sei „völlig überzogen“, sagte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) der Berliner Morgenpost. Er könne sich jedoch kaum vorstellen, „dass Herr Grass nach dem deutlichen Unverständnis in Deutschland Interesse hätte, sich in Israel zu zeigen“. Grass hatte Israel in seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ vorgeworfen, mit seinen Atomwaffen den Weltfrieden zu gefährden. Es sei „traurig anzusehen, wie jemand, der alle Debatten in Nachkriegsdeutschland miterlebt hat, von so vielen Vorurteilen und Uneinsichtigkeit bei der Kritik geprägt ist“, sagte Bahr.

Unverständnis für das Vorgehen der israelischen Regierung äußerte auch Ruprecht Polenz (CDU). „Günter Grass ist weltweit und allen voran in Deutschland zu Recht scharf kritisiert worden, sagte Polenz der Morgenpost. Die Reaktion Israels sei aber deutlich übertrieben und geeignet, dem Land international zu schaden. Mit Sorge beobachte er, „dass einige, die Israel vor ungerechtfertigten Angriffen schützen wollen, mit ihrer Reaktion über das Ziel hinausschießen – das gilt für das Einreiseverbot ebenso wie für die Forderung, Grass den Literaturnobelpreis abzuerkennen.“ Polenz mahnte: „Jeder, dem das deutsch-israelische Verhältnis am Herzen liegt, sollte jetzt nicht weiter Öl ins Feuer gießen.“ Er frage sich jedoch, warum das politische Urteil eines Schriftstellers so wichtig genommen werde. „Es ist das Urteil eines Bürgers – nicht mehr und nicht weniger“, sagte Polenz. Er könne sich daher der Empfehlung des israelischen Historikers Tom Segev nur anschließen: „Grass sollte lieber noch einen ordentlichen Roman schreiben, statt politische Statements abzugeben, die er selbst kurz danach wieder korrigieren möchte.“

Polenz warf Grass vor, Israel „in der Sache zu Unrecht angegriffen“ zu haben. Er habe mit Ausnahme der Linken auch noch niemanden gehört, der gesagt hätte, Grass habe recht mit seiner Kritik.

In Israel sind vor allem Kulturschaffende erstaunt über das Einreiseverbot. Ausgerechnet Ejal Megged, einer der wenigen politisch rechts stehenden israelischen Autoren, kritisierte Innenminister Jischai äußerst deutlich: Es sei eine Ehre, von diesem Innenminister zur Unperson erklärt zu werden, schreibt Megged auf dem Nachrichtenportal „Ynet“. Jischai wisse wohl gar nicht, wer Grass sei, habe keine einziges Wort des Autors gelesen, kenne „Die Blechtrommel“ nicht und sei ein „dummer, rassistischer, unaufgeklärter Mann“, der Israel Schande mache. Allerdings ist auch Megged von dem Gedicht selbst nicht angetan.

Der Autor A. B. Jehoschua schlägt vor, „endlich das Interesse an dem wahnsinnigen Grass zu verlieren“. Es sei „zu viel der Ehre für ihn und den von ihm verbreiteten Unfug“. Die Idee, Israel könne den Iran auslöschen, sei so „offensichtlich senil“, dass man den alternden Autor deshalb nicht am Flughafen zurückschicken müsste. Außerdem habe Grass in Deutschland bereits „einige kalte Duschen bekommen. Und das ist es, was ihm wirklich wichtig ist.“ Von Amos Oz über Joram Kaniuk bis hin zu Jehoshua Sobol ist man sich im literarischen Establishment einig, dass das Gedicht zwar eine Unverschämtheit ist, aber keinesfalls die Reaktion des Innenministers rechtfertigt.

Der Wunsch Ahmadinedschads

So druckte die Zeitung „Yedioth Aharonoth“ am Montag einen ins Hebräische übersetzten Gastbeitrag des Liedermachers Wolf Biermann, der am Sonntag bereits in der Berliner Morgenpost erschienen war und der ebenfalls für das Recht des Dichters auf freie Meinungsäußerung eintritt, ihm aber eine „literarische Todsünde“ vorwirft. Das Konkurrenzblatt „Ma'ariv“ berichtet auf einer Doppelseite noch am ausführlichsten und hat aus dem Archiv einen Artikel des 1970 verstorbenen israelischen Nationaldichters Nathan Alterman ausgegraben, in dem Alterman den deutschen Dichter anlässlich seines ersten Besuchs in Israel vor 45 Jahren verteidigt: „Das Deutschland von Grass ist nicht das Deutschland von Göbbels“, schrieb der Israeli damals.

Auch der angesehene Fernsehjournalist Zohar Israel weist in seinem Blog auf der Webseite des Fernsehsenders Kanal 2 darauf hin, dass Grass Israel schon drei Mal besucht habe. „Der Mann war schon einige Male in Israel, und das Land – so unglaublich das klingt – hat es überlebt.“ Wenn man Grass wirklich bestrafen wolle, solle man ihn als Ehrengast nach Israel einladen und ihm eine besonders intensive Tour der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem geben: „Das wird ihm eine Lehre sein.“ Der ehemalige Botschafter Israels in Bonn, Avi Primor, sagte in den ARD-„Tagesthemen“, er halte die Reaktion Jischais für „übertrieben, ein bisschen hysterisch oder populistisch – auf jeden Fall nicht gerechtfertigt“. Das Gedicht sei lächerlich, Grass aber kein Antisemit.

Schwere Geschütze fahren allerdings auch die Unterstützer des Einreiseverbots auf: Der Sprecher der rechten Organisation Im Tirzu, Amit Barak, vermutet, Grass teile den Wunsch des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, Israel von der Landkarte zu tilgen. Mit seinem Gedicht legitimiere er das „mörderische iranische Regime“. Die Worte eines deutschen Dichters, der in seiner Jugend der SS angehörte, könnten die israelische Öffentlichkeit deshalb nicht kaltlassen.