Israel-Schelte

Friedensbewegung stellt sich hinter Günter Grass

Das israelische Einreiseverbot für Grass stößt auf Kritik – auch in Israel. Die deutsche Friedensbewegung verteidigt sogar seine Thesen.

Foto: DAPD

Nach seiner Israel-Schelte bekommt Literaturnobelpreisträger Günter Grass Rückendeckung aus der deutschen Friedensbewegung. Nicht der Schriftsteller gehöre an den Pranger, sondern diejenigen Politiker, die weiter an der „Eskalationsschraube“ im Nahen und Mittleren Osten drehten, indem sie den Iran mit Wirtschaftssanktionen immer mehr in die Enge trieben, erklärte der Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag, Peter Strutynski, am Montag in Kassel. „Die logische Folge des Sanktionsregimes aber heißt Krieg.“

Dass Israel über 250 Atomsprengköpfe besitze, dem Atomwaffensperrvertrag nicht beigetreten sei sowie keine Kontrollen zulasse und offen das Für und Wider eines „Präventivkriegs“ gegen Iran diskutiere, „sind Tatsachen, die Günter Grass auf seine Weise ins rechte Licht gerückt hat“, erklärte er.

Das „Netzwerk Friedenskooperative“ bezeichnete das von der israelischen Regierung ausgesprochene Einreiseverbot für Grass in Folge seines umstrittenenen Gedichts zur israelischen Atompolitik als „unsouveräne Reaktion“. Damit würde auch jede Möglichkeit ausgeschlossen, dass der 84-Jährige sich Streitgesprächen in Israel stellen könnte.

Der viel diskutierte Vorstoß von Grass biete „die Möglichkeit für einen Ideenwettbewerb um eine friedliche Lösung des Atomkonflikts Israels und des Westens mit dem Iran“, hieß es weiter. Das habe der Ostermarsch-Mitbegründer Andreas Buro für die Dachorganisation „Kooperation für den Frieden“ in einer Antwort auf Grass ebenfalls in Gedichtsform postuliert.

Einreiseverbot wegen Vergangenheit bei der Waffen-SS

Grass hatte Israel in seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ unter anderem vorgeworfen, mit seiner Iran-Politik und Atomwaffen den Weltfrieden zu bedrohen. Der israelische Innenminister Eli Jischai verhängte ein Einreiseverbot gegen den deutschen Literaturnobelpreisträger. Das Gedicht des 84-Jährigen sei ein Versuch, „Hass gegen den Staat Israel und das israelische Volk“ zu schüren, sagte der Minister der „Jerusalem Post“.

Jischai erinnerte zudem an den Dienst von Grass in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges in der Waffen-SS. Dies ist nach einem Bericht der israelischen Zeitung „Haaretz“ letztlich der Grund dafür, dass Grass jetzt in dem Land zur „unerwünschten Person“ erklärt wurde.

Politik- und Kulturszene im Innen- und Ausland reagierten überwiegend mit harscher Kritik auf das Gedicht. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte der „Bild am Sonntag“, es sei absurd, Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen. Der FDP-Politiker warnte zudem vor einer Verharmlosung des iranischen Atomprogramms.

Auch der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (91) ging mit dem Gedicht des Nobelpreisträgers scharf ins Gericht: „Das ist eine Gemeinheit, so etwas zu publizieren“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung„. “Außerdem ist es auch noch großer Unsinn.“ Das Werk von Grass sei immer von Attacken geprägt gewesen. Reich-Ranicki: „Er war immer zum Angriff bereit.“

Der Berliner Bischof Markus Dröge warf Grass vor, in seinem Israel-Gedicht Ursache und Wirkung zu verwechseln. „Nicht das Existenzrecht des Iran, sondern Israels ist bedroht. Einem Staat das Existenzrecht abzusprechen, ist vergleichbar mit einer Morddrohung. Unter zivilisierten Staaten ist dies eine Ungeheuerlichkeit“, sagte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz Morgenpost Online.

Grass präzisiert Kritik

Grass erklärte unterdessen in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, er würde nun seine Kritik präziser formulieren. Er hätte deutlicher zum Ausdruck bringen sollen, dass er die Politik der derzeitigen Regierung Israels habe treffen wollen: „Die kritisiere ich: Eine Politik, die gegen jede UN-Resolution den Siedlungsbau fortsetzt. Ich kritisiere eine Politik, die Israel mehr und mehr Feinde schafft und das Land mehr und mehr isoliert.“

Israels Ex-Botschafter kritisiert das Einreiseverbot

Der früherer israelische Botschafter in Berlin, Avi Primor, kritisierte die Entscheidung Israels: „Ich halte das für falsch“, sagte er in den ARD-„Tagesthemen“ am Sonntag. Primor sagte zu der Entscheidung Jischais: „Ich glaube, dass der Innenminister gar nichts von Deutschland versteht.“ Jischai betreibe Innenpolitik, das Einreiseverbot für Grass sei populistisch motiviert. Ein Antisemit sei der deutsche Schriftsteller nicht. Dennoch sei sein Gedicht lächerlich, weil Iran hundertmal größer sei als Israel.

Hamburger Autorenvereinigung will die Auseinandersetzung um das jüngste Gedicht von Grass in der Literaturszene lassen. „Dass sie in den politischen Bereich überschwappt, mag einem Autor, der erkennbar Lust am Streit hat, vielleicht nicht ungelegen kommen“, sagte der Sprecher der Autorenvereinigung Peter Schmidt am Montag mit Blick auf das von Israel verhängte Einreiseverbot für den Literaturnobelpreisträger.

Aber hier gehe es um mehr als die Befindlichkeit eines Günter Grass, betonte Schmidt. „Hier geht es um die Freiheit der Kunst, die ein Charakteristikum demokratisch verfasster Staaten ist. Und die sollte auch gelten, wenn ein Kunstwerk nur mit mühevoller Vorstellungskraft und Verwendung von geistigen Gehhilfen als solches wahrnehmbar ist.“ Die Hamburger Autorenvereinigung wurde 1977 als Schriftstellerverband gegründet. Ihr gehören Autoren wie Siegfried Lenz oder Günter Kunert an.