Terrorprozess

Hamburger Islamist gesteht

| Lesedauer: 4 Minuten

Prozessauftakt gegen Mitglied der „Hamburger Reisegruppe": Deutsch-Afghane Ahmad S. gibt einige Vorwürfe zu und macht Angaben zu mutmaßlichen islamistischen Mitstreitern.

Ein als Al-Qaida-Mitglied angeklagter Deutsch-Afghane, der lange Zeit in Hamburg wohnte und sich hier radikalisierte, hat zum Auftakt eines weiteren Terrorprozesses in Koblenz einen Teil der Vorwürfe eingeräumt. Der 37 Jahre alte Deutsch-Afghane Ahmad S. bestätigte am Montag vor dem Oberlandesgericht (OLG), er sei nach Pakistan gereist, habe am „Heiligen Krieg“ (Dschihad) teilnehmen und beim Terrornetzwerk Al-Qaida mitmachen wollen. „Wir wollten kämpfen. Wenn es dazu gekommen wäre, dann hätten wir auch gekämpft.“

Mitwirken in Propagandafilm

Er räumte auch ein, in einem Propagandafilm mitgewirkt zu haben. Dort war er mit Maschinengewehr zu sehen, die Aufnahme war aber unkenntlich gemacht worden. Er habe vorgehabt, zu Al-Qaida zu gehen, sagte der Mann, der sich vor Gericht freundlich und auskunftsbereit gab.

Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, er sei Mitglied bei Al-Qaida und der Islamischen Bewegung Usbekistan (IBU) gewesen. Er habe ein Netzwerk von Al-Qaida in Europa mit aufbauen und möglicherweise Anschläge in Deutschland unterstützen sollen. Oberstaatsanwalt Ullrich Schultheis sagte, der Angeklagte sollte für weitere, bisher unbekannte Aufträge zur Verfügung stehen. „Es liegt jedoch nahe, dass es sich dabei um terroristische Anschläge handeln sollte.“

In den ersten Stunden des Prozesses schilderte Ahmad S. seinen Lebensweg und machte Angaben zu mutmaßlichen islamistischen Mitstreitern. In einer Verhandlungspause sagte er im Beisein seines Anwalts, ihm sei bewusst, dass er bestraft werde. „Ich bin aber froh, dass es nun endlich losgeht.“ Vor seiner Überführung nach Deutschland war Ahmad S. fast ein Jahr lang in einem Gefangenenlager der USA im afghanischen Baghram festgehalten worden.

Rechtsanwalt Michael Rosenthal kündigte an, Ahmad S. werde weitere umfängliche Angaben machen. Anders als von der Bundesanwaltschaft dargelegt, sei Ahmad S. aber nicht an Kämpfen beteiligt gewesen. Ahmad S. sagte am Rande der Verhandlung: „Ich kann keiner Fliege etwas zuleide tun.“

Die Aussagen von Ahmad S. nach seiner Festnahme hatten deutsche Sicherheitsbehörden aufgeschreckt und den damaligen Innenminister Thomas de Maizière (CDU) nach weiteren Hinweisen Ende 2010 zu einer Terrorwarnung veranlasst. Ahmad S. war den Informationen zufolge gemeinsam mit seiner Ehefrau, seinem jüngeren Bruder und weiteren Hamburger Glaubensbrüdern ausgereist. Sie bildeten die selbst von ihnen so genannte „Hamburger Reisegruppe“, eine Islamistenzelle.

Kontakt zu Mounir al-Motassadeq gestanden

Der Angeklagte sagte vor Gericht, er habe Kontakt zu Mounir al-Motassadeq gehabt und ihn kennengelernt, als er selbst auf dem Hamburger Flughafen arbeitete. Motassadeq verbüßt als Helfer der Todespiloten vom 11. September 2001 in Hamburg eine 15-jährige Haftstrafe. Andere aus diesem Umfeld kenne er nur aus dem Fernsehen, sagte der Angeklagte. Als Motassadeq 2002 in Wuppertal in Haft war, habe er ihn nicht besucht, sondern nur dessen Vater dorthin gefahren.

Der heute 37-Jährige kam nach eigenen Angaben 1990 mit einem Teil seiner Familie nach Deutschland, machte in Hamburg seinen Realschulabschluss und musste dann ein Gymnasium nach kurzer Zeit wegen Visa-Problemen wieder verlassen. Von 1997 bis 2006 habe er für einen Reinigungsdienst am Flughafen gearbeitet und sich dann mit einem Reisebüro selbstständig gemacht.

Im Jahr 2007 begann dann offenbar die Radikalisierung des Ahmad S. In der mittlerweile geschlossenen Hamburger Taiba-Moschee kniete er auf Teppichen, auf denen schon Attentäter der Anschläge des 11. September gebetet hatten. Laut Anklage blieb Ahmad S. bis Juli 2010 bei al-Qaida. Er soll in Telefonaten von „wohlriechenden“ Leichnamen der Märtyrer geschwärmt haben.

Lange Haftstrafe wahrscheinlich

Seinem, des Dschihadistenlebens müde, in die Hansestadt zurückgekehrten Bruder berichtete er, „Tore“ erzielt zu haben: „Tore schießen“, so soll Ahmad S. später eingeräumt haben, beziehe sich auf das Schießen und Töten von Feinden.

Wenn das Gericht die Vorwürfe gegen ihn für korrekt erachtet, muss Ahmad S. mit einer langen Haftstrafe rechnen. Es sieht nicht gut aus für ihn. In abgehörten Telefonaten sprach er freimütig über die Zeit in den Terrorcamps – auch das dürfte ihn veranlasst haben, vor Gericht diesen Teil seiner persönlichen Geschichte einzuräumen.

Der Prozess wird an diesem Dienstag fortgesetzt.

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