Nordrhein-Westfalen

Der ganz große Coup des Norbert Röttgen bleibt aus

| Lesedauer: 5 Minuten

Friedrich Merz wird Norbert Röttgen im Wahlkampf unterstützen, geht aber nicht in sein Schattenkabinett. Damit ist das Wahlkampfthema nicht Wirtschaft, sondern weiter er selbst.

Norbert Röttgen hat versucht, mit einem echten Coup in die Offensive zu kommen. Der Umweltminister und Spitzenkandidat der NRW-CDU will die beliebte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) an ihrer Achillesferse treffen – der Wirtschafts- und Finanzpolitik ihrer rot-grünen Regierung. Dazu wollte Röttgen einen wort- und wirkungsmächtigen Verbündeten gewinnen: Friedrich Merz, den ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der CDU im Bundestag und nie ersetzten führenden Wirtschaftspolitiker der Union.

Merz, der für eine internationale Rechtsanwaltskanzlei arbeitet, ist zwar seit Jahren nicht mehr parteipolitisch tätig, aber nach wie vor hoch angesehen im Land und besonders in seiner CDU.

Röttgen warb um seine Unterstützung. Am Wochenende kam es zwischen den beiden sogar zu einem Vier-Augen-Gespräch in Berlin. Doch daraus entstandene Meldungen, Merz ginge ins Schattenkabinett von Röttgen, waren verfrüht. Eine Bewerbung für ein Ministeramt schloss Merz im Gespräch mit „Morgenpost Online“ aus. Zwar wolle er Röttgen unterstützen. In welcher Form, „das besprechen wir zur Zeit“, meinte Merz. In jedem Fall aber werde das Engagement „unterhalb der Ebene eines politischen Amtes“ bleiben.

Der Coup blieb also aus. Und damit ist das Thema von Röttgens Wahlkampf bisher nicht Wirtschaft oder Schulden, sondern weiter er selbst. Genauer: Seine mangelnde Bereitschaft, sich festzulegen, in jedem Fall von Berlin nach Düsseldorf zu wechseln. Hinweise verdichten sich sogar, dass er sein Ministeramt im Wahlkampf nicht niederlegen werde und auch nicht im Falle einer Wahlniederlage als Oppositionsführer nach Düsseldorf wechseln wolle. Auch wenn er gegenüber der Bild-Zeitung betonte: Er sage nicht, dass das Amt des Oppositionsführers für ihn nicht infrage komme. "Es ist nach den Spielregeln des demokratischen Wettbewerbs aber nicht das, worum gekämpft wird." Trotzdem gilt: Lediglich im Falle eines Wahlsieges wird er sicher nach Düsseldorf wechseln – als Ministerpräsident.

Die anderen Parteien haben sich auf Röttgen als Buhmann des Wahlkampfes bereits eingeschossen – in teilweise heftiger Form. Nur als „Durchgangsstation für die eigene politische Karriere“ sehe Röttgen seine Kandidatur, ätzte SPD-Chef Sigmar Gabriel: Röttgen habe die Wahl „eigentlich schon verloren gegeben“.

"Norbert, bist Du feige? Christian nicht"

Selbst der Koalitionspartner im Bund, die FDP, schonte Röttgen nicht: Bundestagsabgeordnete wie Burkhardt Müller-Sönksen posteten hämisch ein im Stile der neuen FDP-Kampagne erstelltes Plakat: „Norbert, bist Du feige? Christian nicht.“. Das bezieht sich auf Christian Lindner, den FDP-Spitzenkandidaten, der im Gegensatz zu Röttgen erklärte, für eine Oppositionsrolle zur Verfügung zu stehen.

Röttgens Getreue reagieren zunehmend aggressiv auf die nicht abreißende Debatte: „Wir lassen uns unseren Ministerpräsidentenkandidaten nicht entmannen“ sagte der Generalsekretär der NRW-CDU, Oliver Wittke. „Wir brauchen keine Ratschläge von außen“, schimpfte der Fraktionsvorsitzende Karl-Josef Laumann, „weder aus München, noch von Generalsekretären einer Splitterpartei. Zumal die Ratschläge an Dümmlichkeit nicht zu überbieten sind.“

"Wir werden das Thema nicht los"

Damit hatte Laumann einerseits den FDP-Generalsekretär Patrick Döring, andererseits den bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer gemeint. Der hatte Ende der vergangenen Woche Röttgen öffentlich aufgefordert, sich der Aufgabe in NRW „ohne Rückfahrkarte“ zu stellen.

Röttgens Problem sind aber weniger die Attacken von außen als die Diskussion in seinem eigenen Landesverband. „Es kann keinem gefallen, dass diese Frage offen bleibt“, sprach der bekannte nordrhein-westfälische Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach aus, was viele denken: „Wir werden das Thema nicht los.“

Sorge um verpatzten Wahlkampfstart

Bei der CDU in Rhein und Ruhr sind auch viele Röttgen-Anhänger enttäuscht. Sie hatten darauf gesetzt, dass sich der früh auf die Bundesebene gewechselte Politiker im Falle eines Wahlkampfes bedingungslos für das Land entscheidet. Röttgen hatte vor seiner Wahl zum Landesvorsitzenden diesen Eindruck durchaus erweckt.

Die Sorge um den verpatzen Wahlkampfstart treibt auch die Berliner Parteispitze um. Die Hinweise der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel in Richtung Röttgen gewinnen jedenfalls an Deutlichkeit. Am Freitag hatte sie Horst Seehofers Attacke nicht etwa mit den Worten zurückgewiesen, solche Fragen würden in NRW entschieden, sondern gesagt, sie wolle darüber mit Röttgen sprechen.

Sorge der Kanzlerin

Dies ist mittlerweile sowohl fernmündlich als auch am Wochenende persönlich geschehen. Röttgen zog sich in diesen Gesprächen angeblich auf die Formel zurück, sich „nicht jetzt“ für oder gegen eine Rolle als Oppositionsführer festzulegen, um den fatalen Eindruck zu vermeiden, er glaube nicht mehr an seinen Sieg.

Die Kanzlerin ist jedoch in großer Sorge, dass sich an der CDU-Basis der Eindruck verfestigt, Röttgen halte nicht sein gegebenes Wort. Diesen Eindruck müsse er zerstreuen, denn auf einer solchen Grundlage sei ein erfolgreicher Wahlkampf nicht zu führen.

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