Plenarsaal

Reichstag für Bundespräsidentenwahl umgebaut

Im Berliner Reichstag geht es rund. Sonntag wird hier der neue Bundespräsident gewählt. Rund 1300 Menschen müssen dann im Plenarsaal Platz finden. Und das Stühlerücken ist nicht alles, was organisiert werden muss.

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Akkuschrauber summen, Schrauben landen in einer Box - ein blauer Sessel nach dem anderen verschwindet in einer Hülle aus Kunststoff, dick verschnürt mit Klebeband. Jeder Handgriff sitzt. „Die Abläufe gehen ins Fleisch über, ist halt wie jeder normale Umzug“, sagt Glen Rödel. Der Speditionsmitarbeiter erlebt zum zweiten Mal, wie der Bundestag für eine Bundesversammlung umgerüstet wird.

An diesem Sonntag (18. März) ist es wieder soweit. Noch kann man sich nicht richtig vorstellen, wie hier im Plenarsaal des Reichstags zur Wahl des neuen Präsidenten 620 Bundestagsabgeordnete, 620 Landesdelegierte sowie 88 Ersatzdelegierte Platz finden sollen – mehr als doppelt so viele wie im normalen Politikbetrieb.

Damit keiner stehen muss, montieren Rödel und rund ein Dutzend seiner Kollegen die fest im Boden verankerten Plenarsessel ab und ersetzen sie durch schwarze Metallstühle. Lediglich die erste Reihe bleibt stehen. „Wir arbeiten hier jetzt vier Tage durch“, sagt Rödel und hantiert weiter an einem Abgeordnetenpult.

Der Bundestag ist nun einmal Gastgeber der Wahl und deshalb muss der Umbau sein. Laut Grundgesetz ruft der Bundestagspräsident - aktuell Norbert Lammert – die Versammlung zusammen. Sie muss spätestens 30 Tage vor Ablauf der Amtszeit des Bundespräsidenten oder bei vorzeitiger Beendigung spätestens 30 Tage nach dem Rücktritt zusammenkommen.

Um ihrer Gastgeberrolle gerecht zu werden, läuft die Parlamentsverwaltung seit dem Rücktritt von Christian Wulff am 17. Februar auf Hochtouren. Denn mit dem Umrüsten des Plenarsaals ist es nicht getan, verrät Bundestagssprecher Christian Hoose: „Einladungen müssen geschrieben, Verpflegung und Hotels besorgt werden.“ Ein Plan mit 75 Punkten regelt alles von der Sitzordnung bis zum Garderobenhaken. Rund eine Million Euro koste die Veranstaltung.

Normalerweise beginnen die Vorbereitungen für die größte parlamentarische Versammlung in der Bundesrepublik mindestens ein Jahr im Voraus. Doch kurzfristig angesetzte Bundesversammlungen kennt man spätestens seit dem überraschenden Rücktritt Horst Köhlers im Jahr 2010. Vielleicht ist es deshalb so erstaunlich ruhig, während die Arbeiter Sessel und Pulte schultern und im Lastwagen verladen.

Doch nicht nur die Frage, wie man alle Delegierten im Plenarsaal unterbringt, steht im Raum. Wie zeigt man die Stärke der Fraktionen auch optisch, wie viele Plätze bekommen sie in der ersten Reihe und wo sitzt der parteilose Bundespräsidentenanwärter Joachim Gauck? Unstrittig ist, dass seine Gegenkandidatin Beate Klarsfeld in den Reihen der Linksfraktion sitzt. Von denen ist die langjährige Nazi-Jägerin schließlich nominiert worden. Ob Gauck, der gemeinsame Kandidat von FDP, SPD, Union und Grünen, bei einer der Fraktionen oder gar neben der Kanzlerin sitzt, war am Dienstag noch nicht klar.

Unstimmigkeiten gibt es noch über die Plätze von drei NPD-Wahlmännern. Sowohl die Grünen als auch die Union lehnen die räumliche Nähe zu den Rechtsextremisten ab, da sie Angehörige von Opfern fremdenfeindlicher Anschläge unter ihren Wahlleuten haben. Man suche nach einer einvernehmlichen Lösung, versichert Hoose.

Gleich nach der Wahl kehrt der Alltag wieder in den Reichstag ein. „Sonntag beginnt die Nachtschicht, wenn hier alle wieder weg sind. Dann kommen die alten Stühle wieder rein“, sagt Rödel. „Das schlaucht.“ Nicht nur ihn. Auch Hoose hätte wohl nichts dagegen, wenn die nächste Präsidentenwahl erst in fünf Jahren ist.