Integration

Sarrazin fühlt sich durch Muslim-Studie bestätigt

Die aufsehenerregende Studie des Bundesinnenministeriums über "Lebenswelten junger Muslime" hat einen heftigen Streit über Integration in Deutschland ausgelöst. Berlins ehemaliger Finanzsenator Sarrazin sieht seine Analysen bestätigt.

Foto: AFP

Eine vom Bundesinnenministerium in Auftrag gegebene Studie zu "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland" sorgt für heftigen politischen Streit. Thilo Sarrazin kommentierte die Studie gegenüber Morgenpost Online mit den Worten: „Ich empfehle Sigmar Gabriel diese Studie als Fortbildungslektüre. Sie bestätigt glänzend die Analysen meines Buches und ist eine Aufforderung an die großen Parteien, die Wirklichkeit der muslimischen Einwanderung mit mehr Realismus und weniger Wunschdenken zu sehen.“

Die Befragung von insgesamt 1050 Muslimen mit und ohne deutschen Pass ergab, dass rund ein Viertel der Befragten der Integration skeptisch gegenübersteht. Unter Muslimen ohne deutschen Pass sind das 48 Prozent, unter denen mit Pass 22 Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass fast 80 Prozent der jungen Muslime mit Pass und knapp über 50 Prozent derer ohne Pass die Integration positiv sehen. Unter den Skeptikern gibt es eine streng religiöse, antiwestliche Gruppe, zu denen 15 Prozent der deutschen und 24 Prozent der nicht deutschen Muslime zählen. Zu fast 80 Prozent lehnen aber auch sie terroristische Gewalt gegen Zivilisten ab.

Negative Rolle der Medien

Übereinstimmend sehen junge Muslime die Medien als integrationshemmend an. Deutsche Medien setzten zu oft den Islam mit Terror gleich. Die Befragung der 14 bis 32 Jahre alten Muslime fand in den Jahren 2009 und 2010 durch die Universität Jena statt.

Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zeigte sich erstaunt, dass 24 Prozent der jungen Muslime Abneigungen gegen den Westen hegen. „Die Zahl fand ich überraschend hoch“, sagte der CSU-Politiker. Im Grundsatz habe er aber schon damit gerechnet, dass es bei manchen „diese Tendenz gibt“. Friedrich streicht aber zugleich heraus, dass die meisten gut integriert seien. „Die Muslime in Deutschland lehnen Terrorismus kategorisch ab“, resümiert der Minister.

Die Integrationsbeauftragte des Bundeskabinetts, Maria Böhmer (CDU), kritisierte die Studie. Die Aussagekraft sei wegen methodischer Mängel „mehr als begrenzt“. Die Studie sei „nicht repräsentativ für die Muslime in Deutschland“. So seien nur sechs Mehrgenerationsfamilien befragt worden. Was die Studie zeige, sei „die Heterogenität der Gruppe der jungen Muslime in Deutschland“.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sagte: „Bürger, die islamgläubig sind, leben heute ganz selbstverständlich in Deutschland und sind hier zu Hause.“ Man brauche keine Debatte, „die ein Zerrbild des Einwanderungslandes Deutschland vermittelt“.

Aydan Özoguz, Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, sagte Morgenpost Online: „Die wiederholte Untersuchung von Islam und Gewalt verwundert mich. Außerdem geht es bei dieser Studie nur um radikale Aussagen. Es geht nicht um Handlungen. Die 75Prozent, die nicht radikal oder extremistisch eingestellt sind, dürfen nicht vergessen werden.“ Die Vizefraktionschefin der Grünen im Bundestag, Ekin Deligöz, äußerte sich ähnlich. Die Radikalisierung einzelner Jugendlicher rühre von „vielen Ablehnungserfahrungen“: „Der Bundesinnenminister soll auch ein Integrationsminister sein und kein Sicherheitsminister.“

Professor Rauf Ceylan, der in Osnabrück islamische Religionslehrer ausbildet, kritisierte die Studie. Ceylan sagte: „Schlagzeilen wie ‚Schock-Studie: Junge Muslime verweigern Integration' führten dazu, dass Muslime sich gegen die Gesellschaft solidarisieren.“ Die Konsequenz aus seiner Sicht: „Auch die, die mit Religion eigentlich nichts am Hut haben, bezeichnen sich dann aus reiner Opposition als streng religiös.“ Ceylan kritisiert, die Integrationsdebatte konzentriere sich zu sehr auf das Thema Religion, nachdem es zuvor vernachlässigt worden sei. „Jetzt passiert genau das andere Extrem. Man versuche die Probleme mit der Religion zu lösen und vernachlässige dabei Sprachprobleme und die schlechten Zugangschancen auf dem Arbeitsmarkt.

Hilfe wird in der Moschee gesucht

Tatsächlich sehen auch die Forscher vor allem das Ausmaß der „traditionellen Religiosität“ in einigen Zuwandererfamilien als mögliche Ursachen für Radikalisierungstendenzen. Hinzukomme die prägende Wirkung „autoritärer Einstellungen“ sowie die Wahrnehmung beziehungsweise das Erleben von „gruppenbezogener Diskriminierung“. Tatsächlich geben fast alle Befragten an, sich als Muslime von der westlichen Gesellschaft diskriminiert zu fühlen. Die Deutschen beschreiben sie häufig als distanziert abweisend. Auch in den Medien fühlen sie sich fast durchweg negativ dargestellt. Die Berichterstattung empfinden die Muslime weniger informativ und sachlich aufklärend als vielmehr manipulativ und emotionenschürend.

Einige flüchteten sich darum auch in fundamentalistische Angebote im Internet, wird in der Studie konstatiert. So besuchen vier Prozent der deutschen und 14 Prozent der nicht deutschen Muslime häufig oder sehr häufig solche Internetseiten. Viele berichten auch, dass sie, wenn sie Hilfe brauchen, diese eher in ihrer Moschee fänden.

Der Jenaer Psychologe Wolfgang Frindte, der maßgeblich an der Untersuchung beteiligt war, sagt dazu: Würden auch die Eltern- und Großelterngenerationen einbezogen, zeige sich, dass der Anteil radikaler Einstellungen sinke und sich die Muslime deutlich vom islamistischen Terrorismus distanzierten. „Religion oder Identifikation mit einer nicht deutschen Kultur sehen wir nicht unbedingt als integrationshemmend an“, sagt Frindte. Muslime radikalisierten sich eher, wenn sie den Bezug zu ihrer Herkunftskultur verlören, aber nicht von der neuen Gesellschaft aufgenommen würden.