Gedenkfeier in Berlin

Neonazi-Terror – Deutschland bittet um Verzeihung

"Heute stehe ich hier, trauere und quäle mich auch mit der Frage: Bin ich in Deutschland zu Hause?" Bei der Gedenkfeier für die Opfer des Neonazi-Terrors hielten die Hinterbliebenen bewegende Reden.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Die zwölfte Kerze nehmen Semiya Simsek und Gamze Kubasik vorsichtig in ihre Hände und tragen sie, vorbei an den 1200 Gästen im Berliner Konzerthaus, hinaus aus dem Saal – als Zeichen der Hoffnung zum Abschluss. „Wir alle gemeinsam zusammen, nur das kann die Lösung sein“, sagt Semiya, Tochter eines Opfers der Neonazi-Morde. Es geht um die Hoffnung, dass es nicht bei dieser Trauerfeier bleibt, sondern dass der Kampf gegen rechts nach draußen getragen wird.

Zehn Kerzen für die Toten der Neonazi-Mordserie, eine für weitere, ungezählte und vielleicht unbekannte Opfer rechter Gewalt – und eine für die Hoffnung, dass diese Gesellschaft lernfähig sein möge.

Dort draußen, auf dem Gendarmenmarkt, steht ein Gruppe Demonstranten: „Nein zu Rassismus in Politik, Alltag und Institutionen“, fordern sie. Drinnen sitzen die Spitzen des Staates, Angehörige der Toten, Abgeordnete, Diplomaten, Journalisten, vor allem viele Menschen, die sich engagieren gegen den Rechtsextremismus in Deutschland, dessen Gefahr von den Sicherheitsbehörden so lange unterschätzt wurde.

Das Ringen um Worte

Auf der Bühne ringt Bundeskanzlerin Angela Merkel zuerst um Worte für die Verbrechen. Die Morde seien „unbegreiflich“, sagt sie. Die Kanzlerin erzählt von ihren Emotionen beim Anschauen des Videos der Zwickauer Terrorzelle, in dem sich die Neonazis mit ihren Taten brüsten. Etwas „Menschenverachtenderes, Perfideres und Infameres“ habe sie in ihrer Arbeit noch nie gesehen – falls diese Steigerung überhaupt ausreiche, sagt sie.

„Deutschland – das sind wir alle“, sagt Merkel. „Wir alle, die in diesem Land leben. Woher auch immer wir kommen.“ Sie nimmt damit das Thema auf, das Ex-Bundespräsident Christian Wulff zu seinem eigenem gemacht hatte, als er die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland hervorhob – und nicht nur Beifall dafür erntete. Wulff hatte diese Gedenkfeier gewollt und gefördert. Er hätte die große Rede an diesem Tag halten wollen.

Nun ist es Merkel. Sie nutzt die Gelegenheit. Sie spricht die Versäumnisse der Behörden bei der Fahndung offen an, sie bittet die Angehörigen um Verzeihung für die vielen falschen Verdächtigungen. Sie thematisiert auch den Nährboden, auf dem die Nazi-Ideologie gedeiht, die „schleichende Verrohung des Geistes“. Dass Polizei und Geheimdienste jahrelang lieber an Morde im Mafia- oder Drogenmilieu glauben wollten, erwähnt sie auch.

Die Taten seien für die Angehörigen ein nicht enden wollender Alptraum gewesen, sagt Merkel. Die Gedenkfeier solle ihnen zeigen: „Sie stehen nicht länger allein mit ihrer Trauer. Wir fühlen mit ihnen.“ Zugleich versprach die Regierungschefin, in Bund und Ländern werde alles getan, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken. Wann immer Menschen ausgegrenzt, bedroht oder verfolgt würden, verletze dies die Fundamente der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und damit die Werte des Grundgesetzes. „Deshalb waren die Morde der Thüringer Terrorzelle auch ein Anschlag auf das Land. Sie sind eine Schande für unser Land.“

Die Individualität der Mordopfer ist der Kanzlerin ein Anliegen. Angela Merkel nennt jeden der zehn Toten beim Namen, sie nennt jeweils Alter, Beruf, erwähnt die Stadt, in der diese Menschen lebten, und weist auf hinterbliebene Ehepartner oder Kinder. Merkel spricht also nicht über zehn Tote, sie redet von Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil K*l*c, Yunus Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubas*k, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.

Pathos oder nur eine ausgefeilte Rhetorik ist Merkels Sache nicht. Doch ihr Entsetzen über die Morde ist spürbar, vielleicht weil sie langsamer spricht als sonst. Um eine Schweigeminute bittet Merkel, die 1200 Gäste erheben sich. „Viele von Ihnen haben äußerliche Narben davongetragen“, wendet sich Merkel an die Angehörigen der Opfer. „Wie sehr die seelischen Wunden schmerzen, das können wir nur ahnen.“

Bewegend sind die kurzen Auftritte der Angehörigen. Ismail Yozgat etwa hat seinen Sohn verloren – Halit starb in seinen Armen. Er möchte keine materielle Entschädigung, aber er wünscht sich, dass seine Straße in Kassel-Baunatal nach seinem Sohn benannt wird: Halit-Straße.

Und Semiya Simsek erinnert an ihren toten Vater, der so gerne nachts im Garten gesessen hat, in der Türkei, und den Glöckchen der Schafe gelauscht hat. Ihr Vater wurde als Krimineller, als Drogenhändler verdächtigt. „Können Sie erahnen, wie es sich für meine Mutter angefühlt hat?“

Am 9.September 2000 wurde auf Enver Simsek, Blumenhändler in Nürnberg, geschossen. Zwei Tage später erlag er seinen Verletzungen. Es dauerte elf Jahre, bis mit der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund die mutmaßlichen Täter dingfest gemacht wurden.

Es sind eindringliche Worte, die Semiya Simsek im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt findet. Sie spricht ganz am Ende, nach der Bundeskanzlerin, nach Musik und Gesang. Die junge Frau spricht ein exzellentes Deutsch, den meisten Zuhörern gehen ihre Worte unter die Haut. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, sie offenbart, wie sehr sie verletzt ist von den Ermittlungen, die diesen Namen nicht verdient haben. „Elf Jahre lang durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein“, sagt Simsek.

Gamze Kubasik, auch sie hat ihren Vater verloren, zitiert den Dichter Nazim Hikmet: „Leben wie ein Baum, einzeln und frei und brüderlich wie ein Wald. Das ist unsere Sehnsucht.“ Es ist der große Wunsch nach Gemeinsamkeit und Zusammenhalt, der diesen Tag in der deutschen Hauptstadt beherrscht. Merkel nennt es „starke Zivilgesellschaft“. Und sie sagt: „Der Kampf gegen Vorurteile, Verachtung und Ausgrenzung muss täglich geführt werden.“

In der Türkei, woher die meisten der Opfer stammten, fand die Gedenkfeier ein großes Medienecho. Außenminister Ahmet Davutoglu dankte Deutschland für die Solidaritätsbekundungen und forderte eine rückhaltlose Aufklärung der Neonazi-Morde. Eine Aufklärung sei nicht nur für die „innere Ruhe“ Deutschlands nötig, sondern auch dafür, dass sich die Türken in der Bundesrepublik sicher fühlen könnten, sagte er.

Tränen bei Brechts Bitten

Der Gedenktag sei für die Türken in Deutschland ein „wichtiger Tag“. Bei seinem jüngsten Besuch in der Bundesrepublik habe er mit deutschen Behörden Möglichkeiten zum Vorgehen gegen „rassistische Milieus“ erörtert, sagte Davutoglu. Die Türkei werde die Entwicklung weiter im Auge behalten. Der Sender CNN-Türk unterstrich, die Bundesrepublik habe zum Gedenken an die Opfer die Fahnen auf halbmast gesetzt.

In Berlin haben die Organisatoren der Gedenkveranstaltung ganz bewusst auf religiöse Symbole verzichtet. Die 14schweren Kronleuchter des prunkvollen Konzertsaales sind gedimmt, auch um die zwölf Kerzen auf der Bühne nicht zu überstrahlen.

Die Schauspieler Iris Berben und Erol Sander lesen sehr weltliche und doch starke Texte, darunter Bertolt Brechts Bitten der Kinder: „Die Häuser sollen nicht brennen. Bomber sollt man nicht kennen. Die Nacht soll für den Schlaf sein. Leben soll keine Straf sein. Die Mütter sollen nicht weinen.“ Nicht nur Iris Berben hat Tränen im Gesicht.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen