"Wir sind ein Siegervolk"

Wladimir Putin inszeniert sich amerikanisch

Bei einem Wahlkampfauftritt vor zehntausenden Unterstützern hat der russische Ministerpräsident Wladimir Putin am Donnerstag vor den Gefahren eines ausländischen Einflusses gewarnt.

Tausende Menschen am Moskwa-Fluss. Sie kommen in Gruppen, mit Luftballons und Plakaten. Gleich werden sie alle zum Stadion Luschniki gehen, um dort für den Premierminister Wladimir Putin zu demonstrieren. Vor den Sicherheitsschleusen stehen Studenten Schlange. Einer von ihnen, ein kleiner Mann in einer schwarzen Pelzmütze, hält mehrere Blätter in der Hand. Darauf eine Liste seiner Kommilitonen. Er schaut, wer schon da ist, und setzt in der Liste ein Häkchen neben den entsprechenden Namen. Er studiert Pharmazeutik in Moskau und ist der Gruppenälteste. „Von uns mussten 70 Leute kommen“, sagt er. Warum? „Weil es so sein muss.“ Dann nickt er in Richtung seiner Dozenten, die nur drei Meter entfernt stehen.

„Alle Studenten sind freiwillig gekommen“, versichert ein Dozent. „Welche Liste? Ich habe keine Listen gesehen. Der junge Mann da? Das ist bestimmt ein Provokateur!“ Neben ihnen stehen Studenten der Staatlichen Universität für Verwaltung, alle tragen über den Jacken T-Shirts mit Porträts von Wladimir Putin und einem Logo der Volksfront, der Organisation, die Putin unterstützt. Seid ihr Mitglieder in der Volksfront? „Ja, wir haben es aber erst heute erfahren“, antwortet eine Studentin.

Doch die meisten in dieser Menschenmenge sind mittleren Alters. Gekommen sind sie zusammen mit ihren Kollegen aus Moskauer Kommunalbetrieben oder Behörden. Einige haben sich verlaufen und suchen gerade ihre Gruppe. Die Frage, warum sie hierhergekommen sind, möchten die wenigsten beantworten. „Ich bin gekommen wie alle“, sagt die 55-jährige Olga. Sie erinnert sich noch an Demonstrationen in der Sowjetunion. Da musste sie auch hingehen. „Aber früher war die Stimmung auf den Kundgebungen besser“, sagt sie.

Bei diesem Umzug sorgen kostenloser Tee und warme Pfannkuchen für die gute Stimmung. Das Essen wird in Zelten verteilt, die von Stadtämtern aufgestellt wurden. Die Demonstranten haben Getränke mitgebracht. Eine Männergruppe stößt mit Cognac auf den Tag der Verteidiger des Vaterlandes an. Der ehemalige Tag der Sowjetischen Armee am 23.Februar wird in Russland inoffiziell als Männertag gefeiert.

„Wir sind alle für Putin“, sagt ein etwas beschwipster Mann. „Mit ihm haben wir Arbeit und Gehalt. Alles ist gut. Schauen Sie, wir bekommen hier haufenweise Pfannkuchen.“ Er zeigt auf einen jungen Mann, der der ganzen Gruppe gerade einen großen Teller serviert.

Die Prozession nähert sich dem Stadion Luschniki. Am Straßenrand stehen Wagen des Moskauer Städtischen Radionetzes, aus denen patriotische Lieder aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs erklingen. Um das Stadion herum sind weitere Zelte aufgebaut, auf den Leinwänden werden ohne Unterbrechung Werbespots für Wladimir Putin übertragen. Das Stadion für 80000 Zuschauer ist tatsächlich fast voll. „Wie lange geht das hier noch, bis zwei?“, fragt ein Mann seinen Kollegen. Früher darf niemand gehen. Laut Polizeiangaben versammelten sich 130000 Menschen im Stadion Luschniki und drum herum.

Der Kampf gegen Napoleon

Im Stadion: Auf die Bühne, die an den amerikanischen Wahlkampf erinnert, tritt Wladimir Putin, in einer schwarzen Winterjacke. Er wird mit Jubel empfangen. „Liebt ihr Russland?“, fragt er die Menge, die ihm „Ja“ entgegenruft. Er erinnert sich an das Jubiläum der Schlacht von Borodino, die im Jahre 1812 zum Wendepunkt des Krieges gegen Napoleon wurde. „Die Schlacht um Russland geht weiter, und wir werden siegen“, sagt er. Er ruft seine Anhänger auf, nicht Richtung Ausland zu schauen und das Land nicht zu verraten. „Wir werden nicht zulassen, dass uns jemand von außen seinen Willen aufdrängt“, sagt er. Seine Rede ist voll mit Kampfrhetorik: „Wir sind ein Siegervolk, das haben wir in den Genen.“

Als Wladimir Putin von der Bühne geht, bewegt sich auch die Menge ungeduldig zum Ausgang. Auf den Parkplätzen neben dem Stadion warten die Busse, die sie hierhergebracht haben. Vorne an den Windschutzscheiben sind Zettel mit dem Plan der Gegend befestigt und Schilder mit den Parkplatznummern, die jedem Bus zugewiesen sind. Die Busse brachten Menschen aus Moskau, aber auch aus Kasan, der Hauptstadt von Tatarstan, knapp 800 Kilometer entfernt. Laut Medienberichten brachte sogar ein Sonderzug aus Jekaterinburg 800Arbeiter zur Demonstration. Für sie stand auch eine Stadtrundfahrt durch Moskau auf dem Programm.

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