Anti-Folter-Komitee

Deutschland soll Kastration abschaffen

| Lesedauer: 3 Minuten

Foto: dpa

Das Anti-Folter-Komitee des Europarats ruft Deutschland auf, die freiwillige Kastration von Sexualstraftätern abzuschaffen. Derlei Eingriffe seien "verstümmelnd" und nicht "notwendig", heißt es in einem Bericht.

Das Anti-Folter-Komitee des Europarats ruft Deutschland auf, die freiwillige chirurgische Kastration von Sexualstraftätern abzuschaffen. Eingriffe dieser Art seien „verstümmelnd, unumkehrbar und nicht medizinisch notwendig“, heißt es in einem Bericht der Straßburger Experten. Laut den Erkenntnissen des Komitees gibt es in Deutschland bis zu fünf chirurgische Kastrationen jährlich. Es gelten strenge Gesetzvorschriften: Unter anderem muss der Betreffende über sämtliche Konsequenzen und Alternativen informiert werden, bevor er seine Einwilligung gibt.

Nötig ist auch ein positives Gutachten eines Ärztegremiums. „Die chirurgische Kastration ist nicht vereinbar mit internationalen Standards“, unterstrich das Komitee dennoch. Es ist nach Meinung des Gremiums nicht gewährleistet, dass der Eingriff tatsächlich die gewünschten Ergebnisse wie etwa einen niedrigeren Testosteronspiegel mit sich bringt. Auch sei fraglich, ob die Straftäter tatsächlich eine freie Entscheidung träfen: „Es kann leicht passieren, dass jemand den Eingriff hinnimmt, weil er hofft, so einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu entgehen.“

Das Komitee, das alle Europarats-Länder überwacht, hatte Deutschland im Herbst 2010 besucht. In einem Antwortschreiben führte die Bundesregierung aus, dass eine Debatte zu dem Thema im Deutschen Ethikrat oder anderen Foren erwogen werde. Sie unterstrich allerdings, dass die Kastration keine Strafe, sondern vielmehr eine Therapieform darstelle. Es gebe durchaus Hinweise auf sehr positive Langzeit-Folgen: So habe in einer Studie die Rückfallquote unter 104 Kastrierten bei drei Prozent gelegen. Dagegen sei von 53 Personen, deren Kastration abgelehnt wurde, nahezu die Hälfte rückfällig geworden.

Die Anti-Folter-Experten zeigten sich auch besorgt über Missstände in verschiedenen deutschen Gefängnissen. Für inakzeptabel halten sie etwa die Fixierung unruhiger Gefangener über mehrere Tage hinweg. Vor allem eine Fixierung am Boden mittels Metallringen lehnen sie ab. „Im nicht-medizinischen Kontext sollte die Abschaffung der Fixierung angestrebt werden“, so das Komitee.

Die freiwillige chirurgische Kastration (Orchiektomie) ist für Straftäter mit abnormem Geschlechtstrieb gedacht, bei denen die Gefahr schwerer Straftaten wie Mord, Totschlag oder Vergewaltigung besteht.

Grundlage ist das Bundesgesetz über die freiwillige Kastration aus dem Jahr 1969. Nach den Artikeln 2 und 3 kann sich ein Mann auf eigenen Wunsch und unter streng abgegrenzten Voraussetzungen chirurgisch kastrieren lassen. Das Verfahren darf nur auf Antrag des Betroffenen eingeleitet werden, der dabei von Anwälten unterstützt wird. Der Betroffene muss auch über alternative Behandlungsmethoden wie die chemische Kastration mit Medikamenten informiert werden.

Ob damit tatsächlich der Geschlechtstrieb dauerhaft gesenkt werden kann, ist wissenschaftlich nicht gesichert. Forscher verweisen auf neue Behandlungsmethoden mit Antiandrogenen und auf verschiedene Methoden der Psychotherapie, die seit 1969 entwickelt wurden. Deutschland gehört mit Tschechien zu den wenigen Ländern in Europa, in denen die freiwillige Kastration gesetzlich erlaubt ist.

( epd/dpa/bee )

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos