Joachim Gauck

"Überwältigt und auch ein wenig verwirrt"

Nach zähen Ringen sind Union, SPD, FDP und Grüne einig: Joachim Gauck soll der Bundespräsident werden. In Umfragen war er der Favorit. In einer ersten Reaktion zeigte sich der Bürgerrechtler ergriffen.

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Joachim Gauck soll neuer Bundespräsident werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gab ihren Widerstand gegen den Favoriten von SPD und Grünen auf. Nach „intensiven Überlegungen und Abwägungen“ habe sich die Koalition mit Rot-Grün auf den früheren Bürgerrechtler geeinigt, sagte Merkel am Sonntagabend bei einer gemeinsamen Pressekonferenz der Parteichefs im Kanzleramt. Gaucks Lebensthema sei die „Idee der Freiheit in Verantwortung“, erklärte Merkel. Dies verbinde sie als Ostdeutsche – „bei aller Verschiedenheit“ – mit Gauck. „Unsere Sehnsucht nach Freiheit hat sich 1989/90 erfüllt.“

Trotz des zähen Ringens innerhalb der Regierungskoalition und der späten Einigung hatten viele Beobachter Gauck als Präsident erwartet. Und Gauck selbst – er hatte lange auf diesen Tag warten müssen. Bei den Deutschen genießt er hohes Ansehen. Gauck ist mit 49 Prozent für knapp die Hälfte der Bundesbürger ein geeigneter Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. Das ergab aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap für die ARD.

In einer ersten Reaktion sagte ein sichtlich ergriffener Gauck: „Das ist natürlich für mich ein besonderer Tag.“ Am meisten bewege es ihn, dass ein Mensch, der noch im finsteren Krieg geboren worden sei und 50 Jahre in einer Diktatur gelebt habe, an die Spitze des Staates gerufen werde. Er könne „in der Verwirrung meiner Gefühle keine Grundsatzrede“ halten, sagte Gauck. Er sei "überwältigt und auch ein wenig verwirrt". Er wolle dazu beitragen, dass die Menschen bereit seien, neu Verantwortung anzunehmen und nicht nur Zuschauer und Begleiter der öffentlichen Dinge zu sein.

Schon vor anderthalb Jahren hatte seine Nominierung bei den Bürgern und im Internet Begeisterungsstürme ausgelöst. Dem Freiheitsprediger Joachim Gauck flogen die Herzen der Bundesbürger zu und auch im Regierungslager wurden Sympathien für ihn deutlich.

Der im Kriegsjahr 1940 als Kapitänssohn in Rostock geborene Gauck wollte in der DDR eigentlich Journalist werden, erhielt aber keinen Studienplatz für Germanistik. Kein Wunder, hatte er sich doch der Pionierorganisation ebenso verweigert wie der Jugendorganisation „Freie Deutsche Jugend“. Also studierte er nach dem Abitur evangelische Theologie und wurde später Pfarrer.

Schwarz-Gelb am Randes des Scheiterns

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte Morgenpost Online: „Es ist eine große gemeinsame Leistung von Union, SPD, FDP und Grünen, sich mit Gauck auf einen gemeinsamen Kandidaten zu einigen, der dem Amt Anerkennung und Respekt zurückgeben kann.“ Bahr sagte weiter: „Das ist ein Angebot an die Bevölkerung und ein Signal gegen die Parteienverdrossenheit. Alle Beteiligten haben Mut bewiesen.“ Zuvor stand die Koalition am Rande des Scheiterns. Kanzlerin Merkel machte innerhalb der Unionsspitze deutlich, dass sie Gauck nicht unterstützen wolle. Die FDP-Spitze um Philipp Rösler hielt aber an Gauck fest. Damit hätte die Union in der Bundesversammlung, die den Präsidenten wählt, keinen eigenen Kandidaten durchbringen können.

relatedlinksDie FDP hatte sich völlig überraschend einstimmig hinter Gauck gestellt und damit die Union düpiert. Der FDP-Vorstoß löste heftige Reaktionen im Unionslager aus. Die Lage war verfahren, weil die FDP zugleich auch die von der Union vorgeschlagenen Anwärter Klaus Töpfer und Altbischof Wolfgang Huber, ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, nicht haben wollte. Der ehemalige CSU-Chef Erwin Huber sagte der Morgenpost: „Das wäre eine große Koalitionskrise geworden. Das war sehr gefährlich.“

Das Verhältnis der beiden Ostdeutschen Merkel und Gauck gilt als angespannt. Der Gründungschef der Stasiunterlagen-Behörde hatte 2010 gegen den am Freitag zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff kandidiert und erst im dritten Wahlgang verloren.

Bundespräsident Wulff war am Freitag nach gerade einmal 20 Monaten Amtszeit zurückgetreten. Die Staatsanwaltschaft Hannover leitete gegen ihn ein Ermittlungsverfahren ein. Der frühere niedersächsische Ministerpräsident steht im Verdacht, Vergünstigungen von befreundeten Unternehmern angenommen zu haben. Die Bundesversammlung muss bis zum 18. März ein neues Staatsoberhaupt wählen. Seiten 2 und 3