Protest in Athen

Griechen fürchten "Versklavung durch Deutsche"

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Foto: AFP

100.000 Menschen demonstrierten am Sonntagabend in Athen, am Rande der Proteste kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen mit mindestens 75 Verletzten. Der Wut der Griechen auf ihre eigene Regierung eskaliert - und auch die Deutschen rücken ins Visier der Demonstranten.

In Athen probt das Volk den Aufstand gegen seine eigene Regierung – und gegen Berlin. Nach Angaben von Polizei und Rettungsdienst wurden bei Protesten in der griechischen Hauptstadt mindestens 75 Menschen verletzt, darunter 30 Polizisten. Auch in den Touristenhochburgen Kreta, Korfu und Thessaloniki kam es zu Ausschreitungen.

Vordergründig ging es bei den Demonstrationen um den Protest gegen die von der griechischen Regierung beschlossenen Sparpakete. Viele jedoch empfinden die immer schmerzhafteren Einschnitte als demütigendes Diktat der deutschen Regierung. Der Ingenieur Andréas Margoudakis sagt: „Es ist nicht leicht, unter solchen Bedingungen zu leben. Bis 2020 werden wir die Sklaven der Deutschen sein.“

An die Fassade der griechischen Zentralbank hat jemand vor einigen Tagen „Bank of Berlin“ geschmiert, während bei dem Generalstreik vergangene Woche mehrere deutsche Fahnen verbrannt wurden. „Wir haben unsere Würde, und wir verlieren sie vollkommen“, klagt der Klempner Nikos. „Die internationale Gemeinschaft erpresst uns“, sagt auch die Bauingenieurin Anastasia Papadaki. „Das Problem ist, dass die Maßnahmen das Problem nicht lösen, da sie das Wachstum nicht wieder in Gang bringen.“

Mit ihrer Ablehnung der rigorosen Sparpolitik sind die Griechen nicht allein, auch unter Experten und Beobachtern mehren sich die Zweifler an dem eingeschlagenen Weg. Der Grünen-Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit sieht darin eine „Strategie der Bestrafung“ und fordert stattdessen Investitionen, um der griechischen Wirtschaft auf die Beine zu helfen. „Ich denke, das muss jetzt beschlossen werden und nicht einfach nur Sparprogramme“, sagte Cohn-Bendit.

Der Chefökonom des Europäischen Gewerkschaftsinstituts, Andreas Botsch, kritisiert, durch die Sparpolitik habe das Land in den vergangenen drei Jahren 18 Prozent seiner Wirtschaftskraft verloren. Der Wirtschaftsexperte fordert im Deutschlandradio ein Konzept mit einem „Zeithorizont von einer oder zwei Generationen, damit das Land genesen kann und zu neuen Strukturen und neuen Impulsen kommen kann“. Die aktuellen Schulden Griechenlands müssten von der Europäischen Union insgesamt übernommen werden.

Dies wäre in Deutschland und anderen Euro-Ländern jedoch politisch nicht durchzusetzen. Auch für die EU-Kommission führt an Einschnitten kein Weg vorbei. „Ich verstehe, dass die Maßnahmen sehr hart sind“, räumt ein ranghoher Kommissionsvertreter ein. Aber die Alternative – ein Austritt aus der Eurozone – wäre „vollkommen fürchterlich“. Dabei bleibt jedoch die Frage ungeklärt, ob die Griechen Ermahnungen, Sparauflagen und Kritik aus dem Ausland noch sehr viel länger ertragen werden.

Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel sieht die Belastungsgrenze für die breite Bevölkerung des Landes erreicht. „Man kann nicht immer mehr nach oben draufsatteln“, sagte Gabriel am Montag nach einer Sitzung des Parteivorstands in Berlin. Jetzt müssten diejenigen Griechen stärker herangezogen werden, die ihr Geld ins Ausland gebracht hätten. Auch eine Senkung der griechischen Militärausgaben sei denkbar.

Nach Gabriels Worten muss das Land vor allem wieder eine Perspektive erhalten. Rasch erforderlich sei deshalb ein massives Programm zum Abbau der hohen Jugendarbeitslosigkeit. Dazu kommen müsse ein auf 20 bis 30 Jahre angelegter Marshall-Plan für EU-Mitglieder im Süden, um Beschäftigung wieder in Gang zu bringen. Finanziert werden solle dieses Projekt auch durch eine Umschichtung des EU-Haushalts. Die hohen Agrarsubventionen könnten im Gegenzug abgebaut werden, meinte der SPD-Politiker.

( afp/dpa/dapd/bee )

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