Folge des Falls Wulff

In Berliner Arenen leeren sich die Logen

| Lesedauer: 5 Minuten
Gilbert Schomaker

Foto: euroluftbild.de / www.euroluftbild.de

Die Affäre um Bundespräsident Christian Wulff führt offenbar bei vielen Politikern zum Umdenken: Immer mehr Plätze in Logen und im VIP-Bereich von Konzerten, Sportveranstaltungen und Partys bleiben leer.

Nach der Affäre um Bundespräsident Christian Wulff bleiben immer mehr Plätze in Logen und im VIP-Bereich von Konzerten, Sportveranstaltungen und Partys leer. Minister, Senatoren und Abgeordnete lehnen Einladungen zu Veranstaltungen ab. Nun drohen den Betreibern solcher Logen in großen Arenen wie dem Olympiastadion oder der O2 World finanzielle Folgen.

Der Berliner Bundestagsabgeordnete Frank Steffel (CDU) bestätigte diese Entwicklung: „Es ist kein Geheimnis, dass in Berlin und anderswo immer mehr Logen und fest gebuchte Platzkontingente von Unternehmen leer bleiben, weil die eingeladenen Politiker schlicht keine Lust darauf haben, sich deshalb automatisch der Kritik auszusetzen oder gar verdächtig zu machen.“ Diese Vorsicht habe es zwar schon vor dem Fall Wulff gegeben. „Aber sie ist wegen der Schwierigkeiten, in die der Präsident geraten ist, noch mal massiv gewachsen“, so Steffel, der auch Präsident des Handballvereins Füchse Berlin ist.

„Allgemeine Unsicherheit“

Beim Entertainment-Unternehmen Anschutz-Gruppe, Betreiber der O2 World, spürt man die Verunsicherung. Weil klare gesetzliche Regelungen in Deutschland fehlten, etwa zum Tatbestand der Vorteilsnahme, gebe es eine „allgemeine Unsicherheit“, sagte Heinz Anders, Vermarktungschef der Anschutz-Gruppe. „Das macht die Vermarktung zusätzlich kompliziert“, so Anders. Die Edel-Logen in der Mehrzweckhalle kosten zwischen 100.000 und 170.000 Euro im Jahr.

Das Problem mit der Vermarktung stellt sich in der O2 World ganz aktuell. Denn die Verträge werden in aller Regel für mindestens drei Jahre abgeschlossen. Im Jahr 2008 eröffnete die Halle – jetzt laufen die ersten Verträge aus. Die Suiten haben zwölf Plätze und können von Unternehmen für alle Veranstaltungen genutzt werden.

Bei Hertha BSC sind laut Geschäftsführer Ingo Schiller die Logen und Business-Seats „gut“ ausgelastet. Die Mieter der Logen sollen aber mittlerweile Probleme haben, prominente Gäste aus Wirtschaft und Politik zu bekommen. Nach Informationen von Morgenpost Online gab es besonders in den vergangenen Wochen – im Rahmen der Affäre Wulff – viele Absagen von Politikern, die zu Fußballspielen oder Popkonzerten ins Olympiastadion eingeladen worden waren.

Dabei gibt es die Verunsicherung schon länger. Anlass war der Fall Utz Claassen. Der damalige Vorstand des Energiekonzerns EnBW hatte zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland Freikarten verschickt. Deswegen ermittelte ein Staatsanwalt. Der Bundesgerichtshof sprach Claassen später frei.

Auch einige Unternehmen haben Konsequenzen gezogen. Die Deutsche Bahn, die eine VIP-Lounge im Olympiastadion besitzt, hat klare Regeln für die Vergabe von Karten: Personen, die ein öffentliches Amt bekleiden, werden in der Regel nicht eingeladen. Die Eintrittskarten sollen an Geschäftspartner gehen. Andere Firmen haben sich aus dem Bereich ganz zurückgezogen. Der weltgrößte Bahntechnikhersteller Bombardier hat die Logen für Besucher von großen Sportereignissen bereits vor rund drei Jahren aufgegeben. Man habe Probleme gesehen, mit Einladungen zu Fußball- oder Eishockeyspielen in eine Grauzone zu geraten, hieß es im Unternehmen.

Andere Formen der Lobbyarbeit

Zudem sei die Budgetlage für Posten wie diese angespannt. Man werde andere Formen der Lobbyarbeit suchen, so ein Bombardier-Manager. Der Konzern hatte VIP-Lounges im Berliner Olympiastadion und in der Mannheimer SAP-Arena unterhalten. Auch Berlin Wasser, die Holding der Berliner Wasserbetriebe, gab einen Tisch, den man in einer VIP-Loge im Olympiastadion gemietet hatte, schon vor einigen Jahren auf.

Besonders im neuen Berliner Senat gibt es viele Politiker, die zurückhaltend auf Einladungen reagieren. „Damit muss man mit Augenmaß und differenziert umgehen“, sagte der neue Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU). Wenn der Radsportverband ihn zum Sechstagerennen einlade, gehe er hin. „Wenn mich ein Gesundheitskonzern an seinen Tisch einlädt, gehe ich nicht hin“, so Czaja. Für den Berliner Senat gibt es keine Richtlinien für den Umgang mit Einladungen. In der Regel gelte, dass man repräsentative Termine wahrnehme. Viel gesehen bei abendlichen Terminen ist beispielsweise Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) – häufig auch mit seiner Frau. Als Finanzsenator bekomme er eine Vielzahl von Einladungen. „Der Senator geht damit aber generell sehr sensibel um“, so seine Sprecherin. Die Berliner Piraten-Fraktion ist konsequent: Sie will keine Freikarten von Hertha BSC oder der Berliner Philharmonie mehr annehmen.

Für die Betreiber von Sport- und Event-Arenen birgt das veränderte Verhalten der Politiker und der mögliche Rückzug von Unternehmen aus den Logen ernste Probleme. Denn gerade die teuren VIP-Bereiche spielen in den Kostenkalkulationen der Arenen und Sportvereine eine wichtige Rolle. Auch der Sportausschuss des Deutschen Bundestags setzte sich aus diesem Anlass in seiner Sitzung am vergangenen Mittwoch mit dem heiklen Thema auseinander.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos