Truppen-Reduzierung

Der Anfang vom Ende in Afghanistan

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Karsten Kammholz

Der Bundestag hat erstmals beschlossen, die Truppe am Hindukusch zu verkleinern – trotz der unübersichtlichen Lage. Morgenpost Online beantwortet die wichtigsten Fragen zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan.

Der 11. September 2001 war der Anfang. Nach den Anschlägen der Al-Qaida-Terroristen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington versprach Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) Deutschlands „uneingeschränkte Solidarität“. Was das bedeutete, wurde wenige Monate später klar: Deutsche Soldaten sollten in den Einsatz nach Afghanistan. Rund 100.000 deutsche Soldaten waren inzwischen am Hindukusch, 53 starben, rund 200 wurden verletzt, mehr als 1800 schwer traumatisiert. Die deutschen Einsatzkosten: mindestens 5,5 Milliarden Euro.

Nach zehn Jahren kommt nun die taktische Wende. Der Bundestag hat mit großer Mehrheit einer erstmaligen Reduzierung der eingesetzten Bundeswehrsoldaten zugestimmt.

Das bisherige Mandat wird zugleich um zwölf Monate bis zum 31. Januar 2013 verlängert. Die Bundesregierung plant, nur noch bis zu 4900 Soldaten statt bisher bis zu 5350 am Hindukusch zu stationieren. Am 1. Februar beginnt bereits der Abzug von 100 Soldaten. 2014 will die internationale Staatengemeinschaft die letzten Kampftruppen aus Afghanistan heimgebracht haben.

Doch heißt das für die Bundeswehr, dass ihre Aufgabe am Hindukusch dann beendet ist? Morgenpost Online beantwortet die wichtigsten Fragen über den veränderten Afghanistan-Einsatz.

Warum beginnt die Bundeswehr jetzt, ihre Soldaten abzuziehen?

Deutschland geht seinen Bündnispflichten nach. Es ist eine gemeinsame Nato-Entscheidung, den Einsatz von Kampftruppen der Internationalen Schutztruppe (Isaf) bis 2014 zu beenden. Der Schwerpunkt des Einsatzes wird nunmehr auf Ausbildung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte verlegt. Diese sollen bis „spätestens Ende 2014“ in der Lage sein, die vollständige Sicherheitsverantwortung in Afghanistan wahrnehmen zu können.

Gibt die Bundeswehr bereits Pflichten ab?

Fest steht: Im Laufe des Jahres wird die Truppe um bis zu 500 Soldaten reduziert. Etwa die Hälfte der Reduzierung ergibt sich aus der Schließung des deutschen Feldlagers Feisabad, die noch vor Ende des Jahres erfolgen soll. Die Sicherheitsverantwortung ist dort bereits in dieser Woche an die afghanische Armee und Polizei übergeben worden.

Ob das Lager teilweise von Afghanen weitergenutzt oder ganz abgebaut wird, bedarf weiterer Klärung. Bereits im Frühjahr werden der Außenposten des Feldlagers Kundus in Talokan geschlossen. Hier sind ohnehin nur wenige Dutzend Soldaten stationiert.

Die momentane Hauptaufgabe der Bundeswehr in Afghanistan, nämlich Training afghanischer Soldaten, wird obendrein eingeschränkt. Von den derzeit 1700 Bundeswehr-Ausbildern könnten bis Anfang 2013 rund 200 wegfallen. Der weitere Abzugsprozess ist noch nicht definiert.

Welche Probleme sind mit dem Truppenabzug verbunden?

„Der Abzugsprozess ist kompliziert und bedarf einer langen Vorausplanung“, sagt Hans-Georg Ehrhart, Mitglied der Geschäftsleitung am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Zum Problem könne dabei werden, dass sich die Bedingungen vor Ort natürlich wieder verschlechtern könnten. „Die offiziell verkündete Verbesserung der Lage ist natürlich nur ein Schönreden der noch immer dramatischen Situation in dem Land.“ Ehrhart betont: „Je stärker die deutschen Kräfte ausgedünnt werden, umso anfälliger werden sie für Attacken durch die Taliban.“ Auf die Deutschen käme ein immenses Sicherheitsproblem zu, sollten die Taliban weiter angreifen.

Ist Afghanistan sicherer geworden?

„Der Norden ist tendenziell sicherer geworden. Von vielen anderen Regionen kann man das nicht behaupten“, sagt Sicherheitsforscher Ehrhart. Die Taliban seien nach wie vor stark. Und wie das Land schließlich befriedet werden könne, sei auch im Jahr 2012 noch nicht klar, so Ehrhart. Thomas Ruttig, Co-Vorsitzender des Afghanistan Analysts Network, bemängelte jüngst, dass auch die auf der Bonner Friedenskonferenz Ende November 2001 beschlossene landesweite Entwaffnung aller Milizen bis heute nicht erfolgt ist.

Eine Reihe von Anschlägen von einzelnen afghanischen Soldaten auf Nato-Kräfte hat zudem in den vergangenen Monaten das Misstrauen zwischen westlichen Militärs und ihren einheimischen Verbündeten verstärkt. Auch Selbstmordattentate reißen nach wie vor Zivilisten mit in den Tod. Erst gestern starben mehrere Menschen bei einem solchen Anschlag in der südafghanischen Unruheprovinz Helmand.

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