Newt Gingrich

Mit Obama-Attacken zum überraschenden Sieg

Sein deutlicher Sieg in South Carolina gibt Newt Gingrich Rückenwind. Doch für eine Vorentscheidung ist es zu früh: Angeblich ist seine Wahlkampfkasse leer.

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Es war die Nacht des Newt Gingrich. Kaum stand sein überraschend deutlicher Sieg bei den Primaries in South Carolina über den Favoriten Mitt Romney fest, nahm der Kämpfer den Präsidenten ins Visier.

Siebenmal wolle er Barack Obama zu je dreistündigen Fernsehdebatten herausfordern, tönte Gingrich, „und ich bin einverstanden, dass er seinen Teleprompter benutzen kann“.

Harte Attacken und schlagfertige Konter

Der robuste Gingrich selbst, das war die Botschaft, muss seine populären Botschaften nirgends ablesen. In der Tat versteht sich der 68-jährige Historiker auf harte Attacken und schlagfertige Konter. Seinen Triumph über Romney darf der einstige Sprecher des Repräsentantenhauses nicht zuletzt auf starke Fernsehdebatten in der entscheidenden Finalwoche der Primaries in dem Südstaat zurückführen.

Verglichen mit ihm blieb der vom Parteiestablishment gestützte und finanzstarke Romney, der in South Carolina allein für rund vier Millionen Dollar Anzeigen schalten ließ, farblos und fahl.

Ungewöhnlich blass schien der 64-jährige Romney auch, als er vor seinen Anhängern die Niederlage eingestand, Gingrich gratulierte und doch den Ton für den nun beginnenden finalen Zweikampf in der Kandidatenkür hörbar verschärfte.

„Unser Präsident hat die Nation gespalten, einen Klassenkampf gestartet und das System des freien Unternehmertums angegriffen, um das die Welt Amerika beneidet“, rief Romney und fügte mit Blick auf Attacken Gingrichs gegen seine Vergangenheit als Mitgründer und Chef eines Investmentunternehmens hinzu: „Wir können den Präsidenten nicht besiegen mit einem Kandidaten, der sich dem Angriff auf das freie Unternehmertum angeschlossen hat.“

Nur bei den Bestverdienern lag Romney vorn

40,4 Prozent (in absoluten Zahlen: 243.153) der registrierten Republikaner-Wähler in South Carolina stimmten am Samstag für Gingrich. Romney kam mit 27,8 Prozent (167.279) auf abgeschlagen auf den zweiten Platz. Rick Santorum, konservativer Ex-Senator aus Pennsylvania, erreichte 17 Prozent (102.055) und der libertäre Ron Paul, Kongressabgeordneter aus Texas, 13 Prozent (77.993).

In dem ländlich geprägten South Carolina, dessen Arbeitslosenquote mit knapp unter zehn Prozent noch über dem US-Durchschnitt (8,5 Prozent) liegt, votierten sowohl die unteren wie auch die mittleren und höheren Einkommensgruppen mehrheitlich für Gingrich. Nur bei den Bestverdienern mit einem Jahreseinkommen oberhalb von 200.000 Dollar lag Romney vorn.

Wähler, die sich als sehr religiös einstufen, spielen in South Carolina eine große Rolle. Santorum, der erst vor wenigen Tagen zum offiziellen Sieger des Caucus in Iowa am 3. Januar ausgerufen worden war, hatte auf ihre Stimmen gehofft. Aber Evangelikale wie Katholiken stimmten für Gingrich.

Dass sich der Parteiveteran zweimal scheiden ließ, inzwischen in dritter Ehe lebt und vom lutherischen zum katholischen Glauben konvertierte, störte diese Klientel erkennbar wenig. Gingrich lag bei Männern wie Frauen vorn und widerlegte damit die Einschätzung, zumindest Frauen würden ihm die Scheidungen verübeln.

Auch Wähler, die sich als „konservativ“ und „sehr konservativ“ verorten, liefen am Ende zu Gingrich über. Der einstige Gegenspieler des demokratischen Präsidenten Bill Clinton bekam zudem die Mehrheit der sich als unabhängig einstufenden Wechselwähler.

Romney punktete bei den Moderaten. Aber sie allein werden nicht ausreichen, um Romney wieder auf die Siegerstraße zu führen. Mindestens die gemäßigt Konservativen müsste der Multimillionär mit dem mormonischen Glauben seinem Konkurrenten wieder abjagen.

Einer der reichsten Männer der USA

In einer CNN-Fernsehdebatte der vier Kandidaten am Donnerstag hatte es zwei folgenreiche Momente gegeben. Zum einen reagierte Romney reserviert auf die Forderung, er möge seine Steuererklärungen der letzten Jahre offen legen.

Dass Romney zu den reichsten Männern der USA gehört und sein Geld vor allem durch Investment-Geschäfte in dem Durchschnittsamerikanern nur bedingt sympathischen Wall-Street-Milieu verdiente, würde ihm Republikaner-Wähler wohl ebenso nachsehen wie seine Konten in der Steueroase Cayman Islands.

Aber Transparenz muss sein, wenn jemand ins Weiße Haus will – zumal ausgerechnet Mitts Vater George Romney diese Praxis einführte. Der Ex- Gouverneur von Michigan veröffentlichte als vorübergehender Präsidentschaftsbewerber in den 60er-Jahren seine Steuerunterlagen gleich für zwölf Jahre. Mittlerweile heißt es, Romney werde seine Steuerbescheide noch in dieser Woche im Internet veröffentlichen.

Angriff in eine Medienschelte umwandelt

Gingrich konnte in der Fernsehdebatte hingegen punkten, als er einen Angriff auf seine Person in eine Medienschelte umwandelte. Am selben Tag hatte seine zweite Ehefrau dem Fernsehsender ABC in einem Interview erzählt, Gingrich habe ihr vor Gesprächen über eine Scheidung eine „offene Ehe“ vorgeschlagen, in der er seine längst begonnene Beziehung mit seiner jetzigen Gattin Callista fortsetzen könne.

Ob er auf diese Vorwürfe „gern antworten würde“, fragte CNN-Moderator John King zum Auftakt der aus Charleston übertragenen Debatte. „Nein“, sagte Gingrich und fügte unter Applaus hinzu: „Aber ich will.“

Dann zog er vom Leder. Die Vorwürfe einer Ex-Ehefrau zu nutzen, um daraus zwei Tage vor den Primaries „eine signifikante Frage in einer Präsidentschaftskampagne zu machen, ist verachtenswerter als alles, was ich mir vorstellen kann“, rügte Gingrich.

Als ein defensiver King einwarf, es sei ja ein anderer TV-Sender gewesen, der das Thema aufbrachte, ließ Gingrich den nächsten Schlag folgen: Er möge sich gefälligst nicht hinter anderen verstecken, verlangte Gingrich, und er sei es leid, dass die etablierten Medien Obama schützten, indem sie republikanische Kandidaten angriffen. Da klatschte das Saalpublikum begeistert.

Offenkundig belasten die Scheidungen Gingrich nicht mehr besonders. Die amerikanische Öffentlichkeit missbilligt sein Verhalten aus christlicher Warte, aber sie ist, ebenso christlich motiviert, zur Vergebung bereit. Gingrich hatte in der Lewinsky-Affäre noch die „charakterliche Verfehlung“ Clintons gerügt, aber inzwischen davon Abstand genommen, sich als moralisches Vorbild aufzuspielen.

Seine Wahlkampfkasse soll leer sein

Seit 1980 gewann der Sieger der Primaries von South Carolina auch die republikanische Nominierung. Von derartiger Klarheit ist die „Grand Old Party“ diesmal weit entfernt. Am 31. Januar stehen in Florida die nächsten Primaries an. Gingrich will das Momentum seines überraschenden Erfolges nutzen.

Sein Team hofft, dass Santorum bald ausscheidet und die dann übliche Empfehlung für einen der übrig gebliebenen Kandidaten – und somit sein konservatives Wählerpotenzial – Gingrich zugute kommt. Zudem muss Gingrich jetzt eilig Geld einsammeln, angeblich ist seine Wahlkampfkasse leer.

Romney verfügt hingegen weiterhin über finanzstarke Sponsoren. Aber trotz seines Sieges elf Tage zuvor in New Hampshire und seinem starken zweiten Platz im konservativen Iowa hat er die Basis nicht auf seine Seite gezogen.

Romney kommt bislang auf 14 feste Delegiertenstimmen für den Wahlkongress Ende August, Gingrich nun auf 23 – beide haben noch einen weiten Weg, um die notwendigen 1144 Wahlmänner hinter sich zu versammeln. Eines aber ist klar: Auf der Zielgeraden wird der Zweikampf zwischen Romney und Gingrich noch brutaler.