Schlammschlacht im Süden

In South Carolina geht es um Vernichtung

Kaum verschleierter Rassismus, bösartige Angriffe auf Konkurrenten, falsche Behauptungen: Vor der Vorwahl der US-Republikaner in South Carolina wird es schmutzig.

Foto: dpa

Wenn Terry O'Neill die Hand des Allmächtigen führen könnte, würde er sich seinen Kandidaten klonen: Die Sittlichkeit des „Heiligen“ Rick Santorum, die Durchtriebenheit Newt Gingrichs, das Prophetencharisma Herman Cains, und, in Gottes Namen, die Managergeschmeidigkeit Mitt Romneys , wenngleich nur murrend, ergäben den idealen Mann, der Obama schlagen und Amerika retten würde.

Nun steht der frühere Gynäkologe und Geburtshelfer aus Massachusetts im Tea-Party-Kongress in Myrtle Beach und sucht die irdische Ersatzlösung. Cain war sein Mann, „man hat ihn in eine Falle gelockt“. Seine Frau Bobby nickt traurig. Terry O'Neill (73) gibt Teenagern Lateinunterricht, wenn er nicht als Tea-Party-Aktivist in Bluffton nahe Hilton Head unterwegs ist. Er ist ein gebildeter Mann. Eine andere Religion oder Hautfarbe sind nicht sein Problem.

Das ist mehr, als man von etlichen anderen auf dem Kongress und von mindestens einem Kandidaten der Republikaner sagen kann. Auf einem der Büchertische liegt, neben Autoaufklebern „It's the spending, stupid“ („Es sind die Staatsausgaben, Dummkopf“) und Ratgebern zur Schulwahl, leuchtend blau das Bilderpamphlet „The New Democrat“ von „Dr. Truth“. Auf dem Deckel turnt Barack Obama als grinsender Affe, er trägt eine rote Schleife und eine Pelzmütze sowjetischen Angedenkens mit einem roten Stern samt Hammer und Sichel. Für 20 Dollar kann man die Abenteuer des Präsidentenaffen, der an die US-Karikaturen von „Japs“ im Zweiten Weltkrieg erinnert, erwerben.

Ständig wird die Verfassung beschworen

Was das Ehepaar O'Neill von derlei Propaganda hält, bleibt ihr Geheimnis. So wie die Erklärung, warum aufgeklärte, weit gereiste Leute sich von einem Hass auf Obama vergiften lassen, der sie schier um den Verstand bringen kann. Für die O'Neills verkörpert er das Fremde, Ungewisse, Gefährliche, Antiamerikanische.

Tags darauf wird Rick Santorum als Gast des Kongresses für die O'Neills und wohl 300 Tea-Party-Anhänger das Verfassungsrecht „persuit of happiness“, die Suche nach Glück, als seinen moralischen Imperativ interpretieren. Die Gründerväter hätten nicht Hedonismus im Sinn gehabt, sondern „zu tun, was moralisch richtig“ war, Gottes Willen. Die O'Neills applaudieren freudig. Dann kommt Newt Gingrich und legt das Recht, sein Glück zu machen, aus als die beständige Suche nach „Weisheit und Tugend“. Wieder spenden die O'Neills Beifall.

Es wird in diesen Tagen in South Carolina ständig die Verfassung beschworen, nicht als historisches, großartiges Dokument seiner Epoche. Sondern als ein Buch der Bibel, das vergessen wurde und das allein Amerika die Richtung weisen kann. Die Gründerväter werden angerufen wie Apostel, die den Willen Jesu an Amerika vollstreckten. Santorum, Gingrich und Ron Paul predigen diese Flucht zurück nach vorn in die Reinheit der frühen Republik. Die Gegenwart, globalisiert, säkularisiert, gar islamisiert, ist furchtbar. Und ganz Barack Obamas Schuld.

In South Carolina kämpfen Politiker traditionell, um zu vernichten, nicht nur zu siegen. So war es 2000, als John McCain, der gegen George W. Bush führende Kandidat der Republikaner, plötzlich ein „illegitimes Kind“ angehängt bekam. Ein dunkelhäutiges dazu. Es war ein böses Spiel mit der Erinnerung an Zeiten, als weiße Herren im Süden Kinder mit Sklavinnen zu zeugen beliebten. Die Tochter der McCains, adoptiert in Bangladesch, kostete die Nominierung.

Gegen die Gouverneurin Nikki Haley, Tochter von Sikh-Einwanderern und Darling der Tea Party, wurden Gerüchte von Seitensprüngen lanciert. Einem Senator soll 2008 ein illegaler Arbeiter bei der Renovierung seines Hauses untergeschoben worden sein, um ihn zu Fall zu bringen. Die Sitten sind noch rauer geworden, seit die Arbeitslosigkeit auf 9,9 Prozent, in manchen Regionen auf über 20 Prozent gestiegen ist. Rassismus gedeiht als latenter Virus.

Getarnter Rassismus

Am besten versteht sich Newt Gingrich, der Südstaatler aus Georgia, auf den politischen Code, der Rassismus tarnt: „Food stamps“, staatliche Coupons für Nahrungsmittel, die rund 46 Millionen Bedürftige in den USA beziehen, steht für arme Schwarze. Wenn er Obama in South Carolina unablässig den „schlimmsten Foodstamp-Präsidenten“ schimpft, trifft die Assoziation doppelt: arme Schwarze, die von einem halbschwarzen Präsidentendealer mit Almosen abhängig gemacht werden, um ihre Stimmen für seine Wiederwahl zu erpressen.

Gingrich versteht es meisterhaft, sich zum Anwalt der Befreiung der Schwarzen vom Joch der Sozialhilfe aufzuschwingen: Obama ist demnach der Rassist, nicht Gingrich, der ihnen zur Selbsthilfe verhelfen will. Bei einer TV-Debatte herrscht Gingrich den schwarzen Moderator Juan Williams, der ihn auf diese Herabsetzung der Schwarzen anspricht, an wie einen frechen Schuljungen. Sein „Juan“ (Williams hatte ihn als Mister Speaker adressiert) ist hier Code für „boy“. Tausende weiße Zuschauer in der Halle in Myrtle Bewach springen begeistert auf und applaudieren einem, der sagt, wie es ist. Wie es immer war.

Gingrichs Umfragewerte schießen in die Höhe

Es ist das Verfolgungsrennen Newt Gingrichs, das die Vorwahlen in South Carolina am Samstag spannend macht. Mitt Romney führt bequem. Doch Gingrichs Umfragewerte schießen nach der TV-Debatte in die Höhe; von 15 Prozent (zu Romneys 37) auf 26 zu 31. Während Ron Paul und Rick Santorum zurückfallen, sagt Gingrich seinen Sieg voraus über einen Umfaller aus Massachusetts, der alles einmal gewesen sei: liberal, moderat und – zurzeit – erzkonservativ. Und der obendrein als Superreicher nichts von den Nöten der kleinen Leute begreife.

Ob vor dem Tea-Party-Kongress oder in einem brasilianischen Steak House, im warmen Zelt der evangelikalen „Koalition für Glauben und Freiheit“ oder in der TV-Debatte: Newt Gingrich gibt sich als Staatsmann und rechtmäßiger Erbe Ronald Reagans, dem er einst zur Seite stand und so half, „16 Millionen Jobs“ zu schaffen. Gingrich würde auf der Stelle die US-Marine durch die Straße von Hormus schicken, um dem Iran zu zeigen, wer das Sagen hat. Er schäme sich für die Feigheit Präsident Obamas, der Amerika schwach mache und seinen Feinden ausliefere.

Vergleich mit den "Nürnberger Gesetzen"

Romneys staunenswertes Kunststück in South Carolina ist die Mobilisierung von (weißen) Habenichtsen für noch mehr Steuersenkungen für das reichste eine Prozent der Bevölkerung. Rick Santorum seinerseits hat keine Skrupel, Mitgefühl für seine schwerbehinderte, dreijährige Tochter Bella vor einer konservativen Müttergruppe in Hass auf Obama und dessen Gesundheitsreform umzuwidmen. Wegen Obama müsse seine Kleine „nachweisen, dass sie die Behandlung wert, dass sie eine gute Investition ist“.

Santorum spielt ohne irgendeinen Nachweis mit dem entsetzlichen Verdacht, der Präsident wolle Kinder sterben lassen, die er nicht für lebenswert erachte. Zwei Stunden später sagt ein graumähniger Anhänger Ron Pauls, das Anti-Terror-Gesetz Obamas laufe auf die „Nürnberger Gesetze“ hinaus. Es ist ein Lieblingsmenetekel der extremen Rechten: Barack Obamas KZ's für freisinnige, patriotische Regimegegner.

Ausgerechnet South Carolina wird ein sicheres Urteil nachgesagt. Seit 1980 hat es den Republikaner zum Sieger gekürt, der dann die Nominierung errang. Wenn Newt Gingrich dort nicht mindestens einen starken zweiten Platz belegt, müsste er sich fragen, was die Plackerei noch soll. Sein Vortragshonorar (60.000 Dollar) ist gewiss schon auf 100.000 angeschwollen, seine zwei Dutzend Bücher verkaufen sich wie noch nie.

Es mag für ihn einen anderen Grund geben, nicht die Waffen zu strecken: Anders als bei früheren Wahlkämpfen werden die Delegierten eines Staates nicht mehr sämtlich dem Wahlsieger zugeschlagen, sondern proportional gutgeschrieben. Es lassen sich allerlei Tauschgeschäfte mit Loyalitäten vorstellen.

Terry und Bobby O'Neill sorgen sich um ihre Kinder und Kindeskinder. Sie haben hart gearbeitet und ein gutes Leben gelebt. Nun müssen sie, wie es das Motto ihrer Tea Party verlangt, auf ihre alten Tage den Angriff auf persönliche Freiheit (freedom) und die Freiheit ihrer Gesellschaft (liberty) abwehren helfen.

Barack Obama ist ihr Feind. Nicht Mitt Romney mit seinen Millionen auf den Cayman-Inseln und einem niedrigen Steuersatz wie dem eines Hilfsarbeiters. Nicht Newt Gingrich, auch ein Multimillionär, der schon immer käuflich war für die Meistbietenden. Die O'Neills sehnen sich zurück in eine Zeit, die sie verstanden. Als Amerika nach innen Anstand hatte und Sittlichkeit und draußen die (freie) Welt beherrschte.

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