Gastkommentar

Das Märchen vom Hans im Glück

Der Präsidentenschüler, der vor seinen Lehrern aus der Medienwelt um Empathie wirbt, hat das höchste Amt, ganz passend zum Krisenszenario, in dem wir leben, in einen Stresstest geschickt, von dem es sich so schnell nicht erholen wird.

Wenn die Schlachtfelder sich leeren, die Truppen abgezogen sind, werden wir etwas Neues spüren: Die Geschichte, wie Hans im Glück zum Präsidenten ohne Fortune wurde, ist eine unendlich traurige Story. Einen Vorgeschmack auf diese neue Gefühlslage gab der Tag nach dem TV-Auftritt des Präsidenten, der 5. Januar 2012. Da verspielte der unglückliche Hans im Glück eine Chance, die ihm Fortuna, die Göttin der Tüchtigen, unverhofft zuspielte. Diese Chance passte glänzend in sein eben erst vorgetragenes Konzept, er werde sein Verhältnis zur Presse neu ordnen. Es war seine Hauptgegnerin „Bild“, die mit ihrem Dementi zu seiner Behauptung, er habe die „Bild“-Geschichte nur aufschieben wollen, die Steilvorlage lieferte. „Mag sein, dass meine Erinnerung an diese verfehlten Sekunden äußerster Erregung, die ich ja bereits als schweren Fehler bekannt habe, nicht zuverlässig ist“, hätte der Präsident umgehend auf das „Bild“-Dementi antworten können. Die Absicht, die Mailbox öffentlich zu machen, wäre erst einmal ohne Boden gewesen.

Wer sich als Opfer auch nur denken kann, darf sicher sein: Er wird das Opfer werden, eines Tages. Wulff hat in Kanzlerschaftsdebatten mehrfach versichert, er sei kein Alphatier. Also erklärt er das Schloss Bellevue zur alphafreien Zone.

Fortune würde reichen, mag er gedacht haben, der Hans im Glück; denn damit hatte das Leben ihn bisher zuverlässig versorgt. Der Zugriff auf Sonderkonditionen, mit denen er seine eigenen Handlungsgrenzen regelmäßig überschreiten konnte, gehörte zum Berufsalltag des Spitzenpolitikers, der den Ausblick in noch größere Bewegungsspielräume durch einen Freundeskreis offenhielt. Man sollte, so hatte Wulff vor Jahren ganz im Sinne der für Top-Politiker geltenden Gesetze gesagt, auch den Anschein meiden, dass da einer vom andern profitiere. Er habe kein Gesetz gebrochen, sagt der Präsident heute im Mediengespräch – ohne zu ahnen, dass es dessen für den Verlust der Aura des Amtes überhaupt nicht bedarf.

Der Präsidentenschüler, der vor seinen Lehrern aus der Medienwelt um Empathie wirbt, hat das höchste Amt, ganz passend zum Krisenszenario, in dem wir leben, in einen Stresstest geschickt, von dem es sich so schnell nicht erholen wird. Wulff definiert das Amt recht unbefangen neu: als Lernstrecke im Wulff-Format. Er verspricht „Lernfortschritte“ und verweist auf seine Leistungen: „Ich habe mich entschuldigt.“ Zu dem unwiderstehlich überlegenen Satz, der Präsidentenformat gehabt hätte, findet er nicht: „Ich bitte um Entschuldigung.“ Entschulden, auch im moralischen Sinne, können uns nämlich nur die andern. Wulff macht das selbst.

Er trifft auch die Entscheidung zu seiner Verweildauer im hohen Amt selbst – und teilt sie mit.

Man dürfte eben nicht gleich bei der ersten Herausforderung weglaufen, erklärt der Präsidentenschüler seinen Lehrern. Dass er selbst die Herausforderung verkörpert, kommt ihm nicht in den Sinn. Das höchste Amt im Staate wankt unter der Herausforderung, vom Besitzer nicht verstanden zu werden. Es geht dabei nicht um Unfehlbarkeit, die niemandem zugemutet wird, sondern um den Respekt des Amtsinhabers vor der Würde des Amtes. Es ist eben nicht das Beutestück des Jägers, sondern der Inbegriff einer Staatsidee, die am Anfang unserer Freiheitsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg stand. Dem operativen Polittrubel entzogen, sollte das Amt seinen Inhaber verpflichten, den Werten zu dienen, die vom Verletzlichsten handeln, das ganz vorn in unserer Verfassung steht: der Würde der Menschen. Das hohe Amt braucht daher den Schutz durch seinen Verwalter, weil es an dieser Verletzlichkeit teilnimmt.

Es geht um mehr als Transparenz, „die man weitertreiben muss“, wie Wulff mit einem Unterton von Tadel bemerkte. Das Amt sei schwieriger geworden, sagte er auch. Für jeden seiner Nachfolger ganz sicher. Es geht um Glaubwürdigkeit, die Vertrauen schafft, hohe Güter, die fliehen wie das Glück, wenn man glaubt, sie flögen einem zu.

Darum ist diese Geschichte von Hans im Glück ein trauriges Märchen; die Story vom Präsidenten ohne Fortune die noch traurigere Wahrheit.

Gertrud Höhler (70) war Professorin für Literatur an der Universität Paderborn. Bekannt wurde sie unter anderem durch ihre Beraterfunktion für Politiker wie Helmut Kohl.