Philip D. Murphy

US-Botschafter gegen mehr Finanzmarktregulierung

Der US-Botschafter in Deutschland, Philip D. Murphy, hat sich gegen eine weitere Regulierung der Finanzmärkte ausgesprochen. Der Diplomat war 23 Jahre lang bei der US-Investmentbank Goldman Sachs beschäftigt.

Foto: Amin Akhtar

US-Botschafter Philip Murphy schwärmt von Berlin. Morgenpost Online erklärte er in seinem Büro mit Blick auf das Brandenburger Tor, warum. Er sagt aber auch, dass Präsident Obama gern noch einmal nach Berlin kommen möchte. Daneben warnte er aber auch hat die Bundesregierung davo, im neuen Jahr eine weiter gehende Regulierung der internationalen Finanzmärkte anzustreben und verlangte stattdessen eine globale Diskussionsgrundlage zur Problemlösung.

Morgenpost Online: Herr Botschafter, „Ich bin ein Berliner“ war der zentrale Satz John F. Kennedys, als er 1963 das geteilte Berlin besuchte. Sind Sie, zwei Jahre nach Ihrer Ankunft in der deutschen Hauptstadt, „ein Berliner“?

Philip D. Murphy: Und wie! Meine Frau, meine Kinder und ich – wir lieben unser neues Leben in Berlin. Das ist überhaupt keine Frage. Und wir Amerikaner können das, was Kennedy damals sagte, auch heute noch unterschreiben. Zwar hat sich nicht nur Berlin, sondern die Weltlage seit dem Ende des Kalten Kriegs grundlegend geändert. Aber der Fall der Berliner Mauer hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich diese Stadt zu einer der bedeutendsten Metropolen überhaupt entwickeln konnte. Ich meine das nicht nur mit Blick auf das politische Zentrum, das hier neu entstanden ist. Berlin als Metropole fasziniert die Menschen weltweit, allen voran die jungen Amerikaner, die auch zu Silvester wieder in die Stadt strömen, um mit den Berlinern vorm Brandenburger Tor ins neue Jahr zu feiern. Berlin ist eine „hot world city“.

Morgenpost Online: Was macht das Besondere Berlins aus, auch im Vergleich mit anderen europäischen Metropolen?

Philip D. Murphy: Weil ich in keiner anderen europäischen Hauptstadt gelebt habe, beantworte ich das mal etwas grundsätzlicher. Da ist zunächst die schicksalhafte Geschichte der Stadt, die weltweit nun wirklich einmalig ist. Außerdem hat Berlin einfach – alles! Man kann hier ein klassisches Metropolenleben führen, ohne sich eingeengt zu fühlen. Dann das unglaublich vielfältige Kulturangebot. Ungewöhnlich ist auch die Möglichkeit, als Normalverdiener mitten im Zentrum wohnen und sich das Leben hier sprichwörtlich leisten zu können. Deshalb hat es ja auch eine so große Anziehungskraft auf junge Künstler, Musiker und Schriftsteller. Und schließlich – für meine Arbeit ist das nicht ganz unwichtig – gibt es hier eine der weltweit größten diplomatischen Gemeinschaften. All das wird in den USA gesehen und geschätzt.

Morgenpost Online: Neu-Berlinern fällt der Anfang manchmal trotz aller Vorzüge schwer. Wie lange brauchten Sie, um sich einzuleben?

Philip D. Murphy: Genau so lange hat es gedauert! (schnippt mit dem Finger) Aber wenn Sie vier kleine Kinder haben, die alle Fußball spielen, dann geht das mit dem Einleben wahrscheinlich überall in Deutschland ganz schnell. Herausfordernd war für mich schon eher, dass ich als langjähriger Banker bei Goldman Sachs von Präsident Obama plötzlich zum Botschafter bestellt, also quasi ins kalte Wasser geworfen wurde. Einen neuen Beruf eignet man sich ja nicht mal so nebenbei an. Und für meine Familie war es eine Umstellung, dass wir nun alle ständig in den Medien auftauchten. Also: Wir mussten uns erst an den Umstand gewöhnen, dass wir hier jetzt die USA repräsentieren. Aber ich kann Ihnen versichern: Alle sechs Murphys nehmen ihren Job hier verdammt ernst. (lacht)

Morgenpost Online: Was unterscheidet einen Banker vom Diplomaten, der Sie jetzt sind?

Philip D. Murphy: In mancher Hinsicht ist die Arbeit gleich, in anderer dagegen sehr unterschiedlich. Ähnlich ist die Grundaufgabe, tragfähige Beziehungen zwischen Menschen herzustellen. Sich zu überlegen: Was ist wichtig für den anderen, was enttäuscht ihn? Umgekehrt muss ich natürlich meine Interessen genau kennen. Auf dieser Basis gilt es dann, ein gemeinsames Fundament zu finden, auf dem sich eine Zusammenarbeit zum beiderseitigen Vorteil aufbauen lässt. So funktioniert das Spiel bei Bankern und Industriemanagern, aber eben auch bei Regierungsvertretern und Diplomaten.

Morgenpost Online: Und der große Unterschied?

Philip D. Murphy: Diplomaten und vor allem die handelnden Politiker müssen natürlich sehr viel weiter reichende und wichtigere Entscheidungen treffen. Da geht es um die nationale Sicherheit und die persönliche Sicherheit eines jeden Bürgers. Das sind existenzielle Fragen.

Morgenpost Online: Wie steht es um die Zusammenarbeit zwischen Washington und Berlin?

Philip D. Murphy: Mit der deutschen Regierung haben wir sehr konstruktive Gespräche. Und das auf allen Ebenen. Wir besprechen, was bestimmte Entscheidungen für uns bedeuten und welche Konsequenzen Maßnahmen unserer Regierung für den europäischen Markt haben. Dabei ist eine der wichtigsten Fragen die nach dem Vertrauen. Wie können wir das zurückgewinnen, um den Markt zu stabilisieren, um den nötigen Geldfluss zu sichern? In den meisten Fällen sind wir uns sehr einig.

Morgenpost Online: Nicht ganz einig sind sich beide Regierungen bei der Regulierung der Finanzmärkte. Deutschland und Europa wünschen sich stärkere Eingriffe …

Philip D. Murphy: Ich glaube, wir haben schon genug geregelt. Und die Krise hat ja auch sehr unterschiedliche Wurzeln. Woran es unverändert mehr mangelt, ist die nicht ausreichende Transparenz der Finanzmärkte, die ja nicht national oder regional, sondern global agieren.

Morgenpost Online: Aber setzt mehr Transparenz nicht auch mehr Regulierung voraus?

Philip D. Murphy: Das wahre Problem liegt nicht darin, dass wir zu wenig reguliert haben. Aber die vorhandenen Regeln müssen aufeinander abgestimmt sein. Noch hat jeder sein eigenes System. Wir dürfen das eine nicht gegen das andere ausspielen, wenn wir Erfolg haben wollen. Die Finanzmärkte agieren global. Deshalb brauchen wir auch eine globale Diskussionsgrundlage zur Problemlösung.

Morgenpost Online: Würden Sie 2011 als gutes Jahr für die deutsch-amerikanischen Beziehungen bezeichnen?

Philip D. Murphy: Es war sogar ein hervorragendes Jahr. Schauen Sie, es geht bei Meinungsverschiedenheiten – ob nun unter Freunden oder unter Völkern – doch immer darum, welchen Weg man findet und wie engagiert man ist, um wieder auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Das ist uns immer gelungen, und das zeigt, wie belastbar das Verhältnis ist.

Morgenpost Online: Dann waren da noch die von Wikileaks vor einem Jahr enthüllten Depeschen, die Sie nach Washington kabelten und die für Aufruhr sorgten. Von einer drohenden Vertrauenskrise zwischen den USA und Deutschland war die Rede. Fanden Sie die Aufregung übertrieben?

Philip D. Murphy: Eins vorweg: Wenn in unserem System Dokumente als geheim eingestuft werden, dann bleibt es dabei. Ich kann deshalb nicht im Detail auf die Depeschen eingehen, die die Betreiber von Wikileaks damals in unverantwortlicher Weise an die Öffentlichkeit gebracht haben. Allerdings bin ich schon froh, dass dieses beschämende Kapitel, das so viele Menschen – mich eingeschlossen – sehr verärgert hat, schnell ad acta gelegt werden konnte, dass beide Seiten wieder unaufgeregt zum Tagesgeschäft übergegangen sind. Alles andere hätten sich die USA und Deutschland allerdings auch nicht erlauben dürfen. Ein Jahr später kann ich sagen: Gott sei Dank waren wir wieder ganz rasch an diesem Punkt. Das ändert nichts daran, dass die Enthüllung eine wirklich leidvolle Erfahrung für mich war.

Morgenpost Online: Glauben Sie, die Affäre ist vergessen?

Philip D. Murphy: Ich hoffe es jedenfalls. Jeder, der die Sache fair betrachtet, muss doch zu dem Ergebnis kommen, dass auch ich nur hier bin, um einen Job zu erledigen. Keine Depesche aus der US-Botschaft in Deutschland nach Washington war und ist für die Öffentlichkeit bestimmt.

Morgenpost Online: Was steht für 2012 ganz oben auf Ihrem Wunschzettel? Mal abgesehen von der Wiederwahl Barack Obamas.

Philip D. Murphy: Gesundheit und Glück, für meine Familie und mich, wenn Sie vorweg diese persönliche Anmerkung erlauben. Wenn man vier kleine Kinder hat, dann muss das einfach ganz oben stehen. Ansonsten steht uns Amerikanern mit der Wahl zweifellos ein besonders interessantes Jahr bevor. Meine Erwartung und Hoffnung ist, dass die Auseinandersetzung niveauvoll sein wird, dass ganz Amerika eine ernsthafte politische Debatte führt, die das Land insgesamt nach vorne bringt.

Morgenpost Online: Bislang hat Obama ja noch nicht mal einen Gegenkandidaten.

Philip D. Murphy: Was keine Überraschung ist, denn die ersten Vorwahlen beginnen schließlich erst in einer Woche. Wer auch immer zum Herausforderer des Präsidenten gekürt wird – wünschenswert ist eine anspruchsvolle Auseinandersetzung darüber, in welche Richtung sich die USA entwickeln und welche Rolle sie in der Welt einnehmen sollen. Schließlich hat der „arabische Frühling“, der ja vor fast genau einem Jahr in Tunesien seinen Anfang nahm, Umwälzungen ausgelöst, wie es sie zuletzt 1989 gegeben hat. Auch darauf muss Amerika eine Antwort finden. Bereits jetzt zeichnet sich ja ab, dass der Weg zur Demokratie in vielen dieser Staaten kein gerader sein wird. Außerdem hoffe ich, dass sich die US-Wirtschaft weiter erholt. Die Anzeichen dafür sind nicht schlecht. Das wäre für die gesamte Weltwirtschaft eine gute Nachricht.

Morgenpost Online: Unvergessen ist in Berlin Obamas Ansprache, bevor er gewählt wurde. Wann wird er Berlin als Präsident besuchen?

Philip D. Murphy: Die Chancen, dass Präsident Obama wieder nach Berlin kommt, stehen gut, weil er das auch selbst unbedingt will. Leider kann ich Ihnen dafür aber immer noch kein Datum nennen.

Morgenpost Online: Sind die Berliner dankbar genug für die Hilfe, die Amerika und die westlichen Alliierten ihnen gaben?

Philip D. Murphy: Ich habe überhaupt nicht den Eindruck, dass die Berliner sich leidenschaftslos an das erinnern würden, was wir Amerikaner für die Stadt getan haben. Im Gegenteil. Es kommt regelmäßig vor, dass ältere Berliner mich ansprechen, weil sie das Bedürfnis haben, Danke zu sagen. Das überwältigt mich immer regelrecht. Aber so ist nun mal das Leben: Während unsereins noch persönliche Erinnerungen an diese Zeit hat, ist das erste bestimmende Ereignis, an das sich ein 17-Jähriger heute erinnert, der 11.September 2001. Dieser Generation müssen wir uns – gerade hier in der US-Botschaft – in besonderer Weise widmen. Wir müssen die jungen Leute an die Hand nehmen und ihnen unsere Geschichte nahebringen. Dabei spielen Austauschprogramme eine besonders wichtige Rolle.

Morgenpost Online: Ihr Neujahrswunsch an die Berliner?

Philip D. Murphy: Ach wissen Sie, Berlin ist doch schon eine magische Stadt. Also sage ich: Was immer ihr Berliner dafür getan habt, es funktioniert prächtig – also gebt der Welt noch mehr davon im neuen Jahr!