Persönliche Erklärung

Bundespräsident Wulff tritt die Flucht nach vorn an

Christian Wulff bedauert seinen Umgang mit der Kreditaffäre, trennt sich von seinem langjährigen Vertrauten und Sprecher Olaf Glaeseker. Dessen Abgang könnte allerdings auch Wulffs Ende beschleunigen.

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Die spärlichen Worte, die sich ein Mitarbeiter Christian Wulffs am Donnerstagnachmittag um kurz vor halb vier entlocken lässt, verwirren und irritieren erst recht. „Er wird ein Statement geben. Und dann geht er“, sagt der krisenerfahrene Mann aus dem Bundespräsidialamt. Wenige Minuten sind es da noch bis zu dem für 15.30 Uhr ungewohnt kurzfristig angesetzten Auftritt des Staatsoberhauptes. „Und dann geht er“ – diese Auskunft ist doppeldeutig, und die Antwort auf die Nachfrage, was denn diese Botschaft bedeute, fällt ebenso ambivalent aus. „Er wird etwas sagen, und das war's dann“, kündigt Wulffs Mitarbeiter an. Gewiss, viel spricht dafür, dass der Bundespräsident gleich ein „Statement“ geben wird, und anschließende Fragen den Journalisten nicht gestattet werden. Doch in diesen Zeiten sind die Aussagen wie „dann geht er“ und „das war's dann“ auch so zu verstehen, als stehe ein Rücktritt des Bundespräsidenten unmittelbar bevor. Der Mann, der so spricht, war auch vor einem Jahr, sechs Monaten und 22 Tagen dabei, als Bundespräsident Horst Köhler zu einer „Erklärung“ eingeladen hatte.

Erinnerung an Köhler-Rücktritt

Manches erinnert heute an diesen 31. Mai 2010. Wiederum befindet sich der Bundespräsident in Bedrängnis. Wiederum sind seine Autorität und sein Ansehen angegriffen. Wiederum lädt die Pressestelle des Präsidialamtes an diesem Donnerstag spontan ins Schloss Bellevue; normalerweise werden Termine Wulffs Tage oder Wochen zuvor angekündigt. Nun verschickt seine Pressestelle zwei Tage vor Heiligabend gleich zwei Mails binnen weniger Minuten. Zunächst wird mitgeteilt, Wulffs Sprecher Olaf Glaeseker sei „heute von seinen dienstlichen Aufgaben entbunden“ worden. In Mail Nummer zwei wird zu einer „Erklärung“ Wulffs eingeladen. Regierungssprecher Steffen Seibert, nach der Deutung des Termins befragt, weiß von nichts. „Das ist ja ein Ding“, sagt Seibert, und er ergänzt: „Interessant.“

Die Journalisten empfinden bei dem Weg ins Schloss Bellevue ein Déjà-vu. Allerlei erinnert an Köhlers Rücktritt: Zunächst werden Reporter, Kameraleute und Fotografen in den Verwaltungstrakt des Präsidialamtes gebeten. Im Großen Saal ist ein graues Stehpult mit zwei Mikrofonen und dem Präsidentenadler aufgebaut. In diesem Saal finden normalerweise Empfänge und die Staatsbankette statt, im Sommer war der japanische Kronprinz zu Gast. Neben einigen Sicherheitsbeamten sind nur wenige Mitarbeiter Wulffs zugegen. Werde der Bundespräsident zusammen mit seiner Ehefrau Bettina den Raum betreten, dann deute dies wohl auf einen Rücktritt, vermuten Reporter – nicht zuletzt eingedenk der „Erklärung“ Köhlers. Er hatte einst Hand in Hand mit seiner Ehefrau Eva Luise den benachbarten Saal betreten und ihn so wiederum verlassen.

Um 15.36 Uhr betritt Christian Wulff den Saal, im Gefolge allein sein Hausintendant und ein weiterer Sicherheitsbeamter. Wulff schreitet ans Rednerpult, greift in seine Sakkotasche, zieht einige Blätter Papier heraus, faltet sie auf und beginnt seine Erklärung abzulesen. Vor dem riesigen, wohl sechs mal sechs Meter großen rötlich-violetten Gemälde Gotthard Graubners wirkt der Bundespräsident ein wenig verloren. „Guten Tag, meine sehr verehrten Damen und Herren“, setzt Wulff an: „Sie alle wissen, dass in den vergangenen zehn Tagen über Vorgänge aus meinem Privatleben breit berichtet worden ist.“ Nun habe er „das Bedürfnis, mich auch persönlich zu diesen Vorgängen zu äußern“. Ausführlich schildert Wulff den Sachverhalt aus seiner Sicht. Wulff wirkt erschöpft. Ein Lächeln huscht ihm nicht über die Lippen. Als er Daumen und Zeigefinger beider Hände zu dem für Angela Merkel typischen Dreieck formt, wäre das in lockerer Runde als Imitation zu verstehen gewesen. Heute handelt es sich um Verlegenheit.

Wulff spricht von Geldmarktkrediten bei der BW-Bank, den Ferienaufenthalten bei Freunden, 250 von ihm beantworteten „Einzelfragen jedweder Art“. Amtsträger, sagt Wulff, müssten „im Grenzbereich zwischen Dienstlichem und Privatem, zwischen Amt und privat, die erforderliche Transparenz herstellen“. Ein klagender Unterton schwingt mit, als Wulff „den Schutz betroffener Familienangehöriger und Freunde“ thematisiert.

Festhalten am Rednerpult

Mit beiden Händen hält sich Wulff am Rednerpult fest, ja, er klammert sich an das Pult. Sorgsam liest er seine Erklärung ab. Sorgsam räumt er dann ein Blatt nach dem anderen zur Seite. „Mir ist klar geworden, wie irritierend die private Finanzierung unseres Einfamilienhauses in der Öffentlichkeit gewirkt hat“, leitet Wulff seine Mea-culpa-Passage ein. Das hätte er vermeiden können und müssen. Den Privatkredit nicht dem Niedersächsischen Landtag offengelegt zu haben: „Das war nicht gradlinig, und das tut mir leid.“ Solche Worte hört man von einem Bundespräsidenten selten. Die Frage, ob sich ein Mann, der selbst in seinen eigenen Augen „nicht gradlinig“ agiert hat, dauerhaft im Amt halten kann, bleibt offen. Erst einmal, und das ist die zweite Botschaft, aber bleibt Wulff Bundespräsident.

Wulffs Alter Ego muss gehen

Die eigentliche Zäsur des 22. Dezember 2011 besteht darin, dass sich Wulff von seinem Sprecher und langjährigen Vertrauten Olaf Glaeseker trennt. Wulff faltet seine Hände, während er darüber informiert – und just jene Passage liest er nicht ab. Jene Worte wählt er mehr oder weniger spontan. „Ich habe ihm viel zu verdanken“, sagt Wulff, und dies ist eine glatte Untertreibung. Glaeseker, der joviale, freundliche, gut informierte, aber auch trickreiche Pressesprecher, diente Wulff als Oppositionsführer, Ministerpräsident und Bundespräsident. Glaeseker ist Wulffs Alter Ego.

Einiges spricht dafür, dass sein Abgang Wulffs Ende beschleunigen wird. Gegen Glaeseker wurden offenbar auch Vorwürfe laut. Einer entsprechenden Berichterstattung mit für ihn kritischen Folgen will Wulff nun entgegenwirken. Er wünsche Glaeseker „für weitere berufliche Herausforderungen alles erdenklich Gute“, sagt Wulff. Diese Worte wirken kalt – und offenbaren, in welcher Bedrängnis sich der Präsident sieht. Die Flucht nach vorn aber wird sich ohnehin schwierig gestalten, und ohne den Vermarkter und Berater Glaeseker, dem Vertrauten und Freund „Olaf“, allzumal. Horst Köhlers unglücklicher Part seiner Amtszeit übrigens ging einst einher mit dem Ende seines Sprechers.