USA

Chelsea Clinton und das Trauma einer Affäre

| Lesedauer: 9 Minuten

Chelsea Clinton könnte das erste Präsidentenkind Amerikas sein, das zum zweiten Mal ins Weiße Haus einzieht. In der Regierungszeit ihres Vaters Bill musste sie erleben, wie brutal Medien und politische Gegner agieren können. Trotzdem kämpft Chelsea Clinton mit aller Kraft für den Traum ihrer Mutter Hillary.

Ein Mann, der die Frauen liebt, hat in Chelsea Clinton „den Charakter ihrer Mutter und die Energie ihres Vaters“ erkannt. Es war Bill Clinton selbst. Und er meinte es als das artigste parteische Kompliment. Doch niemand weiß besser als Bill und Hillary Clinton, die am meisten verehrten wie verachteten Politiker ihrer Generation, dass Millionen Amerikaner diese Beschreibung Chelseas ein vernichtendes Urteil nennen würden. Und eine Rückkehr der Clintons ins Weiße Haus, die „Erste Tochter“ eingeschlossen, ein Unglück für das Land. Chelsea Victoria Clinton (28), aufgewachsen in einem samtig-giftigen Reizklima aus Privileg und Skandal, hat sich notgedrungen eine dicke Haut gegen diese Menschen wachsen lassen. Wie vernarbt sie im Innersten ist, weiss niemand, der sich äussert.

Deshalb aber, weil Chelsea Härte gelernt hat, konnte sie aus ihrer Deckung in Manhattan kommen und im letzten Vierteljahr als Vertraute, Stellvertreterin, „her mother's voice“ durch sieben Dutzend Universitäten reisen. Um dem verhärteten, bitter wirkenden Wahlkampf ihrer Mutter etwas Jugend und Leichtigkeit zu geben und um die Gunst derer zu werben, die fast sämtlich Barack Obama verfallen scheinen.

Zuverlässig, hartnäckig, diszipliniert

Nur deshalb konnte sie, halb im Ernst, einen Fragesteller, der spekulierend Bill und Hillary im Amt verglich, bescheiden: „Hoffentlich wird sie unsere nächste Präsidentin, und, ja: ich glaube, sie wird ein besserer Präsident (als mein Vater).“ Nur deshalb endlich gelingt ihr meist, was ihrem Vater immer wieder gründlich misslang: Sich für die Nominierung und Präsidentschaft Hillary Clintons stark zu machen, ohne eine sengende Arroganz eines Anspruchsdenkens auszustrahlen. Und die Bereitschaft zum unbeherrschten Foul an Obama.


Chelsea Clinton hat es nicht nötig, sie hat nichts gutzumachen an ihrer Mutter. Längst schätzt deren Wahlkampfstab sie als zuverlässige, den Ton treffende, (anders als der frühere Präsident) nie explosionsgefährdete Gesandte. Sie spricht das Publikum im Tonfall einer Plauderei an, nicht der Rede; sie ermutigt zu Fragen und läßt sich selten provozieren. Als ihr eine Zuhörerin einmal vorwarf, es sei „unethisch“, dass sie für ihre Mutter um Superdelegierte mit Anrufen buhle, bestand sie darauf, dass ja niemand mit ihr reden müsse, der es nicht wolle. Als die Frau kein Einsehen zeigte, sagte sie lauter: „Ich bin so stolz auf meine Mutter, ich hoffe, Ihre Töchter sind so stolz auf Sie wie ich auf meine Mutter.“ Nur als es einer wagte zu fragen, ob die Lewinsky-Affäre den Wahlchancen Hillarys schade, fuhr sie ihn an: „Wow, Sie sind der erste, der das fragt, und ich glaube nicht, dass Sie das etwas angeht.“


Bis zu 60 jener Delegierten, die allein Hillary Clinton mit ihrem Votum auf dem Parteitag in Denver Ende August noch die Nominierung verschaffen können, soll Chelsea jeden Tag anrufen. Vom Rücksitz eines Geländewagens aus, zwischen den Auftrittsterminen in zwei Dutzend Bundesstaaten, hartnäckig und diszipliniert, wie es die Familientradition gebietet. Tradition hat es für sie auch, nicht mit Reportern zu sprechen. In einer etwas lachhaften Treue zu den Gewohnheiten der zwölfjährigen Chelsea lässt die bald dreißigjährige New Yorker Analystin bei dem Hedge Fonds Avenue Capital grundsätzlich nicht mit sich reden. Selbst als ein neunjähriger Schülerzeitungs-Interviewer sie in Iowa um ein Wort bat, wies sie ihn ab: „Sorry, ich rede nie mit der Presse. Auch wenn Du süß bist.“



Das Trauma der Kindheit


Im unüberwindlichen Misstrauen gegen die Medien läßt sich das Trauma jener Tage erahnen, als das Mädchen Chelsea den Starr-Report las mit den unerquicklichen Details der Affären und des Meineids ihres liebestollen Vaters. Bill Clinton soll Tränen vergossen haben, als er davon erfuhr. Das Elternpaar, bisweilen bitter verfehdet, war sich stets einig in der überbordenden Sehnsucht, Chelsea vor Schmerz und Schmutz zu schützen. Wagte jemand, selbst harmlose Narren von „Saturday Night Live“ wie Mike Myers 1992, den Tabubruch, mussten sie die ganze nachtragende Revanchewut der Clintons ertragen. Myers schrieb nach einem harmlos geschmacklosen Scherz über das rundliche Aussehen der Zwölfjährigen zerknirschte Entschuldigungsbriefe.

David Letterman, sonst ohne Furcht vor der Macht, ließ sich 1993 von seinem Gast, Clintons Pressesprecherin Dee Dee Myers (nicht verwandt mit dem Komiker), vergattern, nie einen Witz über Chelsea zu machen. Nur Senator John McCain, dem rauen Kasinohumor zuneigend, konnte den Mund nicht halten: „Warum ist Chelsea so hässlich?“, höhnte er, „weil Janet Reno (die Justizministerin) ihr Vater ist.“ Auch McCain warf sich reuevoll vor den Clintons (nie vor Reno) in den Staub. Ob ihm wirklich verziehen wurde, ist offen.

Das kalt Gereizte im Umgang mit der Presse liegt nun in der Familie. Für Chelsea – benannt nach dem Joni-Mitchell-Song „Chelsea Morning“, einer Ode an das Boheme-Viertel in Manhattan – ist Normalität kaum mehr zu haben. Geboren in Little Rock (Arkansas), in Washington zur elitären Schule gegangen, mit besten Noten durch Stanford (Geschichte) und Oxford (Internationale Beziehungen) geschleust, hat sie immer alles richtig gemacht. Und lebt mit Secret-Service-Bewachern, seit sie vernünftig denken kann.

Die ernsten Männer und Frauen mit den ausgebeulten Jacken und Knöpfen im Ohr, hausen immer im Zimmer nebenan. Ob auf einem Campus oder auf einer Urlaubsreise. Ungestörtem Flirten und Rendezvous ist diese ständige Begleitung nicht förderlich. Kommilitonen in Stanford fiel auf, dass Chelsea immer vollständig geschminkt zum Seminar erschien, wie eine öffentliche Person in Notwehr.



Im Schatten ihrer Eltern


Chelseas derzeitiger fester Freund Marc Mezvinsky ist selbst Sohn von zwei Kongressabgeordneten und einiges gewöhnt. Schlimmer noch: der junge Mann, bei Goldman Sachs im Brot, musste erleben, wie sein Vater Edward 2002 wegen Betrug zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Er soll Investoren um zehn Millionen Dollar geprellt haben. Im November kommt der Vater frei. Marc ist liquide genug, um sich ein Apartment für 3,8 Millionen Dollar zu kaufen, nahe ihrer Wohnung in Gramercy Park.

Es heißt, das junge Paar meine es ernst genug, um zu heiraten. Die Methodistin Chelsea ist seit langem vertraut mit der jüdischen Religion der Mezvinzkys. Mit einem ihrer engsten Freunde, Zachary Iscol, der als Marine im Irak diente, und seiner Familie haben sie und ihre Eltern oft Yom Kippur begangen. Die Iscols wie ihr Boss Marc Lasry, der Avenue Capitol führt, sind langjährige, loyale Spender der Clintons. Es scheint, Chelsea Clinton hat keinen allzu großen Drang, dem Schatten ihrer Eltern zu entkommen.

Für amerikanische Reporter gibt es kaum einen frustrierenderen Auftrag als ein Chelsea-Clinton-Porträt. Denn nicht nur Chelsea selbst und ihre Familie brechen niemals das Schweigegelübde. Auch Freunde und Bekannte fügen sich der Omertá, als verharrte die schutzbedürftige Zwölfjährige in ewiger Jugend. Die Rache der Clintons ist furchtbar und währt ewig. Wie jeder erlebte, den sie je Verräter nannten. Zuletzt war das ein guter alter Freund, Bill Richardson, Gouverneur von New Mexico, der für die kühne Unterstützung Barack Obamas von dem rhetorischen Auftragskiller der Clintons, James Carville, als „Judas“ angeprangert und mit galliger Inbrunst bespieen wurde.

Die amerikanische Verfassung beschreibt weder für First Ladies noch für First Children eine Rolle im Staat. Erst recht sah keiner der Gründerväter voraus, dass ein ehemaliger Präsident als Erster Gatte einer Präsidentin ins Weiße Haus zurückkehren könnte. Chelsea wäre das erste First Child, das zum zweiten Mal First Child würde: „first first child twice over“. Um die Verwirrung zu vertiefen, wäre es denkbar, dass Chelsea im East Wing Aufgaben einer First Lady übernähme, während ihr Vater Weltverbesserei im gewohnt großen Stil betriebe. So könnte es kommen. Wenn die beiden Männer scheitern, die eine Rückkehr der Clintons zu verhindern trachten: Erst Barack Obama, dann John McCain.

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