Protest im Wendland

Castor-Transport rollt auf angekettete Gegner zu

| Lesedauer: 8 Minuten

Der Atommüll-Transport rollt wieder - aber die Strecke ist nicht frei: Mehrere Demonstranten haben sich an die Gleise zwischen Zug und Verladestation Danneberg gekettet. Die Verzögerungstaktik der Castor-Gegner hat für einen Rekod gesorgt: Nie war ein Castor-Transport länger unterwegs als 2011.

Der Zug rollt wieder: Der Castor-Transport hat sich am Sonntagmittag gegen 13 Uhr nach einem knapp 19-stündigen Halt im Rangierbahnhof Maschen südlich von Hamburg wieder in Bewegung gesetzt. Der Zug fährt er weiter Richtung Dannenberg, wo die elf Behälter mit hoch radioaktiver Ladung für die letzten Kilometer auf der Straße auf Tieflader umgeladen werden müssen. Doch die Strecke ist nicht frei: Atomkraftgegner versuchen im niedersächsischen Wendland aber nach wie vor, mit Gleisblockaden die Schienenstrecke zu blockieren und den Zug so lange wie möglich aufzuhalten. Die Polizei ist im Dauereinsatz.

Der Atommüll-Zug wird länger unterwegs sein als je zuvor. Nach dem Start am Mittwochnachmittag in Frankreich hat der 13. Castor-Transport bis zum Sonntagmittag bereits fast 93 Stunden gedauert. Im vergangenen Jahr war er nach rund 92 Stunden Fahrt im Zwischenlager Gorleben angekommen. Die elf Atommüll-Behälter müssen noch rund 100 Kilometer bis ins Zwischenlager Gorleben zurücklegen.

Angekettet an eine Beton-Pyramide

Laut Polizei gab es mindestens zwei Stellen, an denen sich mehrere Demonstranten angekettet hatten. In Hitzacker ketteten sich nach Angaben der Organisatoren vier Personen mit einer Betonpyramide an die Schienen. Es dürfte Stunden dauern, sie wieder loszumachen. Rund 200 Atomkraftgegner hätten sich dort zudem auf die Gleise gesetzt.

An die Pyramide, in deren Innerem sich eine betonähnliche Mischung befinden soll, haben sich vier Menschen der Bäuerlichen Notgemeinschaft angekettet. Die Notgemeinschaft ist eine von Landwirten getragene Interessenvertretung aus dem Wendland. „Wir sind darauf vorbereitet, länger zu bleiben. Wir machen das nicht das erste Mal“, sagte Georg Janßen von der Bäuerlichen Notgemeinschaft. Auf der Pyramide befanden sich Schriftzüge der großen deutschen Energiekonzerne, geklebt auf gelben Hintergrund. Ein Mitarbeiter der Polizei sagte vor Ort mit Blick auf die Pyramide: „Hier in Hitzacker stehen wir vor einer neuen, schwierigen Situation.“

„Da bei der Lösung dieser Blockaden die Sicherheit und Gesundheit der Protestler im Vordergrund steht, werden diese Maßnahmen noch einige Zeit dauern“, erklärte die Polizei. Zudem sammelten sich immer mehr Atomkraftgegner auch an der abschließenden 19 Kilometer langen Straßenstrecke ins Zwischenlager. Am Vormittag war es im Wendland erneut zu Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und der Polizei. Ein Sprecher der Polizei in Lüneburg sagte, in einem Waldstück seien Steine und Böller auf Einsatzkräfte geworfen worden. Mehrere Polizisten seien verletzt worden.

Am Sonntagmorgen hatten zunächst Tausende die Strecke blockiert. Doch nach 16 Stunden hatten viele Castor-Gegner genug. Sie klinkten sich aus der Schienenblockade bei Harlingen freiwillig aus, als die Polizei zur Räumung ansetzte. Insgesamt etwa 3000 Aktivisten hatten sich zusammengeschlossen. Andere blieben wiederum bis zum Ende auf dem einzigen Gleis, den der Atommüll auf seinem Weg nach Gorleben zwingend passieren muss. Die letzten sechs ließne sich dann auch nur unter Geschrei davontragen. „Feierabend. Alle Kräfte umdrehen“, ruft schließlich ein Polizist zum Abschluss der Aktion. Da ist es Sonntag, 7.30 Uhr.

Polizei setzt 1200 Castor-Gegner fest

Stunden zuvor fuhr die Polizei noch die Strategie „laufen lassen“ - und schaute zunächst zu, wie sich erst Hunderte, dann Tausende Gegner der Atomenergie auf den Schienen im Wendland niederließen. In der Nacht schoben sich schließlich mehrere Sitzblockaden zusammen, die sich zuvor auf drei Streckenkilometer verteilt hatten. Die Polizei setzte offenbar auf die Erschöpfung der Aktivisten: Erst um vier Uhr in der Früh rückten erste Beamte vor.

Ein Beamter am Megafon rief: „Nutzen Sie Ihre allerletzte Chance, die Gleise freiwillig zu verlassen!“ Viele blieben dennoch sitzen. Meter um Meter arbeiteten sich die Beamten voran. Sie tragen jeden, der nicht freiwillig geht, in ein arg provisorisches Lager. Dessen Mauern bildeten Polizeiautos, die Stoßstange an Stoßstange stehen. „Außengewahrsam“ nennen die Polizisten diesen Ort, „Kessel“ hingegen die Aktivisten.

Am Ende zählt die Polizei etwa 1200 „Ingewahrsamgenommene“. Die Beamten wollen die Demonstranten erst wieder gehen lassen, wenn der Castor-Transport die Strecke nach Dannenberg passiert hat – es soll sich keine weitere Großblockade bilden. Der Zug harrte zum Ende der Sitzblockade bereits seit einem halben Tag in einem Rangierbahnhof in Maschen südlich von Hamburg aus. Schon da zeichnete sich ab: Der Castor-Transport 2011 könnte der längste der Geschichte werden.

„Lange nicht mehr so eine gute Räumung gesehen“

Während militante Umweltschützer dieser Tage gar Holzpfähle auf Polizisten warfen und sich mit ihnen förmlich prügelten, lief die Riesen-Sitzblockade von Harlingen friedlich ab. Die Beamten wurden gar gelobt: „Lange nicht mehr so eine gute Räumung gesehen“, sagte der Sprecher von „Widersetzen“, Jens Magerl, während die Räumung läuft. Seine Gruppe hatte zu der Aktion aufgerufen.

Viele Aktivisten suchten derweil die Nähe zu den Beamten, die sie wegtragen wollen. „Polizisten seid nicht blind, wir sind hier auch für Euer Kind“, skandierten die Schienenblockierer im Chor. Wenige Meter entfernt spielte eine 16-köpfige Brass-Band („Tuba Libre“). Aktivisten nutzen den Takt, um ihre eingeschlafenen Beine und Füße zu lockern.

Größere Zwischenfälle blieben bei Harlingen aus. Manchem Aktivist setzte die Nacht aber zu: Eine junge Frau zumindest erlitt einen Schwächeanfall. Nach der Räumung zeigte sich zudem: Einige andere Aktivisten, von denen sich „Widersetzen“ ausdrücklich distanziert, weil nach Angaben eines Sprechers das „Schottern nicht zum Aktionskonsens“ gehört, haben auf einer Länge von zehn Metern die Bahnschienen unterhöhlt. Fast hat es den Anschein, als schwebten die Betonschwellen. Die Bahn muss die Gleise wieder reparieren. Erst dann kann der Atommüll die Strecke passieren.

Heftiger Wind könnte Castor erneut stoppen

Nachdem die Schienen gelöst waren, fanden Polizisten außerdem noch einige Metallketten und „Hemmschuhe“ an den Gleisen, die Schienenfahrzeuge abbremsen. Sie wurden mit Bolzenschneidern entfernt. Übrig blieben nur noch jede Menge Alufolie und Säcke aus Stroh. Sie hatten in der Nacht noch für Wärme unter den aktiven Atomkraft-Gegnern gesorgt.

Der Zug mit den elf Castor-Behältern kam am Samstag gegen 19.00 Uhr bei Maschen zwischen Hamburg und Lüneburg zum Stehen. Wann der Zug im Verladebahnhof in Dannenberg ankommt, war offen. Dort sollen die Behälter mit hochradioaktivem Atommüll auf Schwerlaster umgeladen und das letzte Stück auf der Straße ins Zwischenlager in Gorleben transportiert werden.

Doch auch bei der Umladung könnte es Schwierigkeiten geben. Ein durchziehendes Sturmtief könnte das Umladen der Atommüllbehälter in Dannenberg deutlich verzögern. Sowohl der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach als auch das Hamburger Institut für Wetter- und Klimakommunikation warnten vor heftigem Wind im Wendland – Stärke acht und neun. Damit wäre ein Verladen der Behälter unmöglich.

Der letzte Zug aus La hague

Der Kran, mit dem die Castorbehälter vom Zug auf Lastwagen umgeladen werden, wird nur bis Windstärke 7 eingesetzt. Sollte diese Stärke überschritten werden, werde das Verladen der rund sechs Meter langen und rund 120 Tonnen schweren Behälter eingestellt, sagte am Abend der Sprecher des Zwischenlagerbetreibers, der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS).

Der 13. Castor-Transport nach Gorleben ist der letzte aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague. Der hochradioaktive Atommüll fiel bei der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken an. Deutschland ist verpflichtet, ihn zurückzunehmen.

Die Suche nach einem Standort für ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll will die Bundesregierung nun gemeinsam mit den Bundesländern und über die Parteigrenzen hinweg starten. In Gorleben soll aber parallel weitergeforscht werden, ob sich der Salzstock eignet.

( dapd/dpa/Reuters/dino )

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