Westerwelle in Afghanistan

Karsai umgarnt den "großen Freund Deutschland"

| Lesedauer: 6 Minuten
Thorsten Jungholt

Foto: dpa / dpa/DPA

Bundesaußenminister Guido Westerwelle besucht die Stammesversammlung in Kabul. Zwischen Warlords sitzend, hört er distanzierte Worte über Amerika.

Es ist ein seltsames Leben, das Hamid Karsai in Kabul führt. Nach den Buchstaben der Verfassung ist der Präsident der mächtigste Mann Afghanistans. Tatsächlich vermag er sich nur hinter den Mauern seines schwer bewachten Präsidentenpalastes frei zu bewegen. Und auch dort kann er niemals sicher sein, dass nicht ein von den aufständischen Taliban beauftragter Mörder durch die Kontrollriegel schlüpft oder eine Rakete in die zitadellenartige Festung einschlägt – noch keiner von Karsais Vorgängern ist eines natürlichen Todes gestorben.

Umso überraschter war die Delegation des deutschen Außenministers Guido Westerwelle , der den Präsidenten am Wochenende in Kabul besuchte, wie gelassen Karsai auftrat. Schon öfter hat der 54-Jährige darüber geklagt, angesichts der ständigen Lebensgefahr sei er eine „erschöpfte Person“. Beim Gespräch mit Westerwelle aber erweckte er einen anderen Eindruck: Körperlich schien er frisch und ausgeruht, habituell gab er sich leger – entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten verzichtete er sogar auf die formelle Dienstkleidung mit Fellmütze und grünem Umhang.

Im Gespräch mit dem deutschen Gast ging es 20 Minuten sehr konzentriert um die Vorbereitung der Bonner Afghanistan-Konferenz Anfang Dezember, um die Zeit nach dem Truppenabzug 2014 und um das Verhältnis zum problematischen Nachbarn Pakistan, den Westerwelle zuvor besucht hatte. Zwischendurch scherzte Karsai immer wieder mit seinem Berater Rangin Spanta und Außenminister Zalmay Rassoul.

Und im Anschluss an das Treffen schlug Spanta spontan vor, man könne doch einfach mal das Protokoll ignorieren: Nicht Rassoul solle mit Westerwelle vor die Kameras im Garten des Präsidentenpalastes treten, sondern Karsai selbst.

Partnerschaft über 2014 hinaus

Der überlegte nicht lange, setzte seine Mütze auf, den Umhang vergaß er, verließ an der Seite des Deutschen sein Büro, um vor afghanischen und deutschen Journalisten zu einer Lobeshymne über die „Allwetterpartnerschaft “ mit dem „großen Freund Deutschland“ anzusetzen. Er sei sicher, dass Westerwelle bei der anstehenden Konferenz in Bonn „wie immer einen guten Job“ machen und die Partnerschaft beider Länder auch nach dem Jahr 2014 bestehen bleiben werde.

Dann lud er seinen Gast noch zu einer Visite bei der an diesem Tag in Kabul zu Ende gehen Loja Dschirga ein, der Großen Ratsversammlung mit über 2000 Delegierten aus dem ganzen Land.

Profilierung als unabhängiger Führer

Westerwelle wertete diese Gesten Karsais als „Zeichen der Wertschätzung gegenüber Deutschland und unserem Wirken“. Wahrscheinlicher ist, dass der afghanische Präsident einfach nur seine übliche Doppelstrategie fortsetzte: Er braucht die westlichen Verbündeten, ihre Unterstützung ist seine Lebensversicherung, deshalb umgarnt er sie bei persönlichen Treffen mit seinem Charme. Gegenüber den eigenen Leuten aber muss er sich als starker, unabhängiger Anführer darstellen, da werden die Alliierten auch gern einmal mit etwas unfreundlicheren Worten bedacht.

Die Afghanistan-Konferenz in Bonn ist für Karsai von entscheidender Bedeutung. Der Entschluss der internationalen Gemeinschaft, bis Ende 2014 alle Kampftruppen abzuziehen, ist unumstößlich. Offiziell unterstützt der Präsident den Plan, kann er sich damit doch als Führer eines souveränen Staates präsentieren und dem Vorwurf seiner Gegner entgegentreten, er existiere nur als Mündel des Westens. Andererseits weiß er, dass es ohne internationale Hilfe nicht gehen wird.

Welche Stützpunkte für Amerika

In Bonn geht es eben darum, die Staatengemeinschaft darauf zu verpflichten, sich auch weiterhin am Hindukusch zu engagieren: nicht mehr mit kämpfenden Soldaten, sondern als Geldgeber und Ausbilder der Sicherheitskräfte. Vertreter aus fast 100 Ländern werden ins Rheinland kommen, in der Abschlusserklärung der Konferenz will Westerwelle das klare Signal geben: „Wir werden unsere Freunde in Afghanistan nach 2014 nicht vergessen.“ Deutschland ist im Moment also wichtig für Karsai.

Noch wichtiger sind allerdings die Amerikaner, mit denen der Präsident parallel über ein strategisches Abkommen verhandelt. Darin soll festgelegt werden, wie viele Stützpunkte der US-Streitkräfte es nach 2014 noch in Afghanistan geben soll. Darüber beriet auch die Loja Dschirga. Das Problem dabei: Die Amerikaner werden zwar gebraucht, sind aber als größter fremder Truppensteller im Land deutlich unbeliebter .

Nächtliche US-Razzien in der Kritik

Deshalb ist Karsai ihnen gegenüber weniger charmant. Vor der vier Tage währenden Ratsversammlung hatte er noch gesagt, er erwarte von den Delegierten nur Ratschläge. Als die Beschlüsse am Samstag gefasst waren, verkündete er, sie seien eine „Anweisung“ für die Regierung. Das dürfte die Verhandlungen über das Abkommen, das eigentlich vor der Bonner Konferenz in trockenen Tüchern sein sollte, deutlich erschweren.

Denn in den 76 Artikeln der Abschlusserklärung stellt die Loja Dschirga den Amerikanern zum Teil harsche Bedingungen. So sollen die USA weiterhin für Ausbildung und Ausrüstung der afghanischen Sicherheitskräfte sorgen. Sie sollen die Souveränität, die Traditionen des Landes und die Verfassung respektieren – und vor allem Schluss machen mit den nächtlichen Razzien von Spezialkommandos.

Ein Ex-Warlord als Nachbar

Diese „Night Raids“ sind zwar das erfolgreichste Mittel der Taliban-Bekämpfung. Aber die Aktionen sind im Volk verhasst. Karsai steckt nun in dem Dilemma, dass er sich die Forderungen der Ratsversammlung im Stil eines Populisten zu eigen gemacht hat, sie aber gegen die Amerikaner kaum wird durchsetzen können.

Bei seinem Kurzbesuch der Loja Dschirga bekam Westerwelle eindrucksvoll vor Augen geführt, warum Karsai zu dieser Doppelstrategie zwischen Charme und Konfrontationskurs gezwungen ist. Westerwelles linker Nachbar in der ersten Reihe der Versammlung war Abdul Rab Rasul Sayyaf. Der firmiert jetzt als Parlamentarier. Früher war er islamistischer Warlord. Einen Amerikaner hätte der Mann kaum neben sich geduldet.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos