Auftritt in Halifax

Guttenbergs großer Pessimismus in der Euro-Krise

| Lesedauer: 10 Minuten
Uwe Schmitt
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Guttenberg meldet sich zurück

Der zurückgetretene Verteidigungsminister zu Guttenberg spricht wieder öffentlich - im kanadischen Halifax.

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Als "Statesman" erhebt Karl-Theodor zu Guttenberg in Halifax das Wort, spricht über die Schuldenkrise in Europa. So sieht ein erster Schritt zurück in die Politik aus.

Fast auf den Tag genau: Vor zwei Jahren beehrte sich der frisch ernannte deutsche Verteidigungsminister Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg, bei der Geburt des Internationalen Sicherheitsforums im kanadischen Halifax Pate zu stehen. Er bemühte sich, neben Schwergewichten wie Robert Gates und John McCain eine gute Figur zu machen, was ihm gut gelang.

Guttenberg hatte gerade seine Antrittsbesuche in Paris und Washington hinter sich. Nun referierte er auf einem Podium zur künftigen Rolle der Nato. „Wandel ist die Lösung“, sagte der Minister voraus. Die Zeiten waren gut für KTG. In Deutschland wurden Wetten angenommen, wie rasch der Star Guttenberg Außenminister Guido Westerwelle als führenden Repräsentanten im Ausland verdrängen würde.

Die ironischen Zeitläufe wollen es, dass an diesem Wochenende Guttenberg in Halifax als einfacher Bürger im nordamerikanischen Exil nach acht Monaten Schamfrist erstmals öffentlich das Wort erhebt. KTG spricht am Samstagabend unserer Zeit auf dem Forum über Politik – während Guido Westerwelle sie an demselben Wochenende in Kabul immer noch macht (und dabei gern darauf hinweist, wie viel leichter er mit Thomas de Maizière arbeiten könne).

Diesmal erweist Halifax Guttenberg einen Gefallen. Er darf, ohne Doktortitel, als „The Honorable Karl-Theodor zu Guttenberg, Distinguished Statesman, Center for Strategic and International Studies“, über die Finanzkrise debattieren. Und zwar mit James Hoge, dem Vorsitzenden von Human Rights Watch unter dem clintonesken Titel „It’s the economy, dumb eggs“ (eine vornehmere, kanadische Variante von „stupid“). John McCain ist da, der US-Verteidigungsminister heißt inzwischen Leon Panetta. Es ist fast alles wie im November 2009. Nur gar nicht für KTG.

Interviews erst nach Abschluss des Verfahrens

Der Privatmann im selbst gewählten Untergrund ist fast begehrter, als es der Minister auf der Bühne war. 20 der rund 50 akkreditierten Journalisten sind Deutsche. Sie warten nicht auf Panetta oder McCain, sondern nur auf Guttenberg. Ihre in den vergangenen Tagen angeschwollene Überzahl hat die Veranstalter bewogen, für ihn die höchste Geheimhaltungsstufe zu verhängen. Nicht einmal den Ankunftstag des Gasts geben sie preis.

Im Tagungshotel „Westin Nova Scotia“ können sich Journalisten abseits ihrer Arbeitsräume nur mit „Eskorte“ bewegen. Wer Talent zum Paparazzo hat, mag diesen Personenschutz zu umgehen versuchen. Auf seriöse Weise ist an KTG nicht heranzukommen. Interviewgesuche werden weitergeleitet. Und abgelehnt. Es heißt, Guttenberg wolle sich erst in Interviews äußern, wenn die seit acht Monaten laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Hof wegen Verdachts auf Verletzung des Urheberrechts abgeschlossen seien.

"Eine Krise der politische Führung"

So war KTG in Halifax ausschließlich vom Podium zu vernehmen und begann gleich mit einem regelrecht aggressiven Statement über die Befindlichkeit Europas. Er sei „sehr pessimistisch“ über mittel- und langfristige Aussichten, die Strukturen der Euro-Zone zu reformieren.

„Es kann kaum schlimmer werden“, sagte Guttenberg. Er sehe „keine Kreativität“ im Prozess, etwa bei der Frage der demografischen Entwicklung. „Kein Politiker in Europa zeigt genügend Gefühl und Verständnis für die Menschen. Das klingt banal, ist aber Teil der Wahrheit.“ Es gebe nicht nur eine Schuldenkrise, sondern „eine Krise der politischen Führung“. Bei Angela Merkel dürfte er sich damit wohl nicht gerade für neue Aufgaben empfehlen.

Guttenbergs kaum verhohlene Kritik auch an der deutschen Regierung wurde am deutlichsten in einem vernichtenden Kommentar zu der Entscheidung, sich aus der Nato-Aktion in Libyen herauszuhalten. In der Andeutung blieb sein alter „Freund“ Guido Westerwelle ungenannt, war aber klar das Ziel: „Als ehemaliger Kabinettsminister muss ich mich diplomatisch ausdrücken. Meine wirklichen Gefühle sehen anders aus.“

USA schauen zu auf den Pazifik

Es gab keinen Zweifel, dass er die deutsche Auszeit in Libyen für eine katastrophale Fehlentscheidung hielt. Aber auch die USA nahm er nicht von Kritik aus:„Dies ist nicht die Zeit, romantisch über den Atlantik zu schauen. Die US-Regierung ist viel mehr auf den Pazifik konzentriert als auf den Atlantik.“

Kaum zufällig waren am Tag vor Guttenbergs Auftritt ein paar Neuigkeiten „aus führenden Kreisen“ der CDU/CSU aufgetaucht. Guttenberg arbeite an einer neuen Doktorarbeit , schrieb die „Mitteldeutsche Zeitung“, dies sei die wichtigste Funktion seiner Mitarbeit in der Washingtoner Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS). „Wir wollen alle, dass er sich rehabilitiert“, wird ein Parteifreund zitiert.

Wenn erst das Ermittlungsverfahren gütlich, das heißt ohne eine Verurteilung abgeschlossen sei, werde sich KTG nicht nur wieder öffentlich äußern, er werde an seinem politischen Comeback arbeiten. Man halte ihm gar einen Wahlkreis für die Bundestagswahlen 2013 frei. Wohlwollende Äußerungen der Bundeskanzlerin vor einigen Tagen verleiteten manche zu ähnlichen Spekulationen. Guttenberg habe sich seinerzeit „mit überzeugenden Argumenten“ sehr intensiv für die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht starkgemacht, rühmte Angela Merkel ihren einstigen Starminister.

Seiner Familie Schande gemacht

Der Sturz KTGs aus den Himmeln der Macht in die Niederungen des „Falls Guttenberg“ hat seiner Familie Schande gemacht, seinen Rücktritt und im August die Flucht in die USA erzwungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Guttenberg dort mit dem für gefallene Politiker reservierten Kainsmal „disgraced“ versehen würde. In den spärlichen Ankündigungen des Sicherheitsforums von Halifax ist davon nicht die Rede.

Die „Canadian Metro News“ nennt Guttenberg an dritter Stelle nach Leon Panetta und Ehud Barak, aber noch vor den Senatoren John McCain und Mark Udall. Es wäre nicht ungewöhnlich, spräche die Moderatorin seines Panels, Pamela Wallin, die Vorsitzende des Ausschusses für Nationale Sicherheit und Verteidigung im kanadischen Senat, den „distinguierten Staatsmann“ mit „Herr Minister“ an. Rücktritte und Entlassungen, gleich aus welchen Gründen, verwirken in der Politik nicht den Titel. In der akademischen Welt hingegen kommt das vor, wie der beraubte Doktor zu spüren bekam.

Für die Veranstalter in Halifax ist die Aufregung um KTG ein gemischtes Vergnügen. Man schätzt die Publizität für die noch junge Veranstaltung, doch man will keinen Rummel aus den falschen Gründen. Und keine Artikel, die sich mit den Themen und Panels der Konferenz nur am Rande oder gar nicht befassen. Es ist nicht einmal bekannt, ob KTG seine Einladung anregte oder ob er mitleidige Freunde in Halifax hat, die ihm beim ersten Schritt in die Rehabilitierung helfen wollten.

Der Charme hat kaum gelitten

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich KTG seiner Aufgabe nicht souverän und cool entledigt, wie er es stets getan hat. Was immer der Skandal in seiner Seele angerichtet hat, sein Intellekt und politisches Geschick, die Umgangsformen und der Charme dürften kaum gelitten haben. Könnte der kriegsversehrte John McCain seine Arme hoch genug heben, er würde Guttenberg männlich umarmen.

Es gibt für einen Europäer kein besseres Land als die Vereinigten Staaten, um in aller Öffentlichkeit und mit allen Bequemlichkeiten, die Geld kaufen kann, unterzutauchen. Zumal von Klatschreportern und Fotografen Verfolgte schätzen die Anonymität in den USA. Dort kennt sie niemand, aber dort kennen sie sich aus. Boris Becker und Thomas Gottschalk haben es vorgemacht, Jürgen Klinsmann verschwand in Amerika auf angenehme Weise von der Bildfläche. Mindestens bis er sich als US-Nationaltrainer zurückmeldete.

In einem gediegenen Vorort in Connecticut wird man die Familie Guttenberg in Frieden lassen. Schon in einem Apartment in Manhattan wäre das anders, wie jüngst Dominique Strauss-Kahn und Gattin während ihres Exils in New York erfuhren. Wenn sich eine Eigentümergemeinschaft gegen den neuen Mieter ausspricht – und sei es, weil man die Unannehmlichkeit einer ständigen Pressebelagerung befürchtet –, kann der Bewerber noch so sehr mit seinen Millionen prahlen. Er hat keine Chance. Guttenberg wird wissen, warum er noch nicht in Washington bei einer CSIS-Veranstaltung auftrat. In Halifax kommen 20 deutsche Reporter seinetwegen, in Washington wären es leicht 200.

Kein Amerikaner weiß, warum er gehen musste

Ob die Gelehrtenrepublik der amerikanischen Thinktanks für einen gestürzten Doktor das ideale Spielfeld ist, steht dahin. In den USA wird die Seriosität eines „Ph.D.“ nicht minder verteidigt als in Deutschland. Zwar kommt es regelmäßig vor, dass sich Politiker mit Titeln, die sie nie erworben haben, und Universitäten, die sie nie besucht haben, schmücken. Doch das wird in den US-Medien leicht aufgeklärt und angemessen verlacht. Dreiste Plagiate in Literatur und Journalismus machen regelmäßig in den USA Skandale; aber einen Fall wie Guttenbergs Fälschungen hat es in den vergangenen Jahren mindestens auf nationaler Ebene nicht gegeben.

Was ihn in Amerika vor Verachtung schützt, ist, neben der Solidarität alter Freunde, oft genug Ignoranz. Eine private Umfrage unter kanadischen und amerikanischen Reportern auf dem Forum ergab, dass jeder Guttenbergs Namen und früheren Rang kannte, einige erinnerten sich an seinen Rücktritt. Niemand wusste, warum er gehen musste.

Das mag tröstlich sein für KTG in Halifax. In Deutschland wird er die Gnade der Unkenntnis wie des Nichterkennens nicht haben können. Und nicht haben wollen. Zumindest wenn es ihm ernst ist mit einem Comeback. Mit 39 Jahren ist er zu jung für Ruhestände aller Art und wohl auch zu ehrgeizig, um den Makel ohne Retuschierversuch stehen zu lassen. Mitarbeit: Thorsten Jungholt

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