Occupy Wall Street

Und wo ist das Dixi-Klo? Szenen einer Okkupation

Seit zwei Monaten campieren Aktivisten von "Occupy Wall Street" im Zentrum New Yorks. Die hygienischen Verhältnisse sind prekär. Eine Ortsbesichtigung.

"Gebt mir die Müden und die Schwachen, die Verworfenen, die nach Freiheit suchen, die Elenden, die ihre Not verfluchen. Schickt sie zu mir: Sie soll'n ihr Schicksal selber machen. Für sie hab ich am goldnen Tor das Licht entfacht."

Jedes amerikanische Kind kennt dieses Gedicht. Emma Lazarus hat es geschrieben, eine amerikanische Dichterin und Patriotin des 19. Jahrhunderts. Die Zeilen sind in den Sockel der Freiheitsstatue eingraviert, dem goldenen Tor zum gelobten Land.

Für Millionen von Einwanderern aus der Alten Welt war es das Versprechen auf ein besseres Leben. Und nun sind die Müden und die Schwachen, die Verworfenen und die Elenden wieder da. Mitten in New York campieren sie auf einem kleinen Platz in der Nähe der Wall Street.

Sie sind nicht übers Meer gekommen, sondern auf dem Landweg, vorbei an den Auslagen von Armani und Gucci, Hermes und Tiffany, Diesel und Donna Karan. Und es sind keine Migranten aus Russland, Polen, Italien und Irland, die nach Freiheit suchen, sondern echte Amerikaner, die ihre Not verfluchen: Arme, Entwurzelte, Kranke, Obdachlose – das Strandgut einer Gesellschaft, in der alles im Überfluss vorhanden ist, auch das Elend.

Warum der Liberty-Square kein UN-Lager ist

Wären da nicht die Hochhäuser rund um den Liberty Square , die Burger-, Pizza- und Souvenir-Läden, könnte man meinen, in einem Flüchtlingslager an der somalisch-kenianischen Grenze zu sein. Zelt steht an Zelt, und wer keines hat, dem dient eine alte Decke oder eine abgewetzte Plane als Dach über dem Kopf. Anders aber als in einem Lager, das von den UN verwaltet wird, gibt es am Liberty Square nicht einmal sanitäre Anlagen.

Hier wären schon ein paar Dixi-Klos und eine Wasserleitung ein Beitrag zur Lebensqualität. Tagsüber strömen Touristen zum Liberty Square, sie flanieren an den Zelten vorbei wie Zoo-Besucher von einem Gehege zum anderen. Am Abend, wenn im Finanzdistrikt rund um die Börse die Lichter ausgehen, wird die Szenerie noch unheimlicher. Die Platzbesetzer wandeln umher, in Decken gehüllt, wie Schatten aus Maxim Gorkis “Nachtasyl”.

Will, 26, kommt aus Westport/Connecticut, nordöstlich von New York. Er arbeitet als Steinmetz auf Baustellen, und wenn es keine Arbeit gibt, dann kellnert er oder steht in einer Bar hinter der Theke.

Vor fünf Wochen hat er sein kleines Zelt am Liberty Square aufgeschlagen, “um Krach zu machen und gehört zu werden”; er möchte, dass die Banken enteignet werden und glaubt fest daran, dass die “Occupy-Wall-Street”-Kampagne am Ende Erfolg haben wird. “We are the people – Wir sind das Volk.”

Will sieht müde, unausgeschlafen und auch ein wenig vernachlässigt aus. Was macht er, wenn er mal muss? Tagsüber, sagt er, sei das kein Problem, es gebe genug Cafes in der Nähe. Und nachts “pinkle ich in eine Flasche, schraube sie zu und werfe sie in den Abfall”.

Ein paar Meter weiter sitzt Pearl zusammen mit ihrer Schwester Stephanie vor deren Zelt. Beide sind 17, Pearl ist elf Monate älter als Stephanie. Sie haben dieselbe Mutter, aber zwei verschiedene Väter.

Pearl und Stephanie wollen nach Kalifornien – weil es wärmer ist

Pearl hat soeben die Frank Sinatra School of the Arts in Queens beendet und möchte gerne Modedesign studieren. Stephanie hat noch ein Jahr High School vor sich. Zunächst aber wollen sie nach Los Angeles fahren, um sich der dortigen OWS-Gruppe anzuschließen.

Außerdem sei es in Kalifornien wärmer als in New York. Deswegen sammeln sie “Donations” für die Reise an den Pazifik. Gestern kamen 40 US-Dollar zusammen. Das sei noch nicht genug, aber kein schlechter Anfang.

Gleich gegenüber logieren Jason, 34, sein Freund Rick, 29, und deren Pitbull Hobo, 3. Die drei sind es gewohnt, unter freiem Himmel zu leben. Nur wenn es stürmt und schneit, begeben sie sich in einen “Shelter” der Heilsarmee. Sie waren gerade in Virginia unterwegs, als sie von der OWS-Aktion hörten und machten sich gleich auf den Weg nach New York. Weder Jason noch Rick haben ein Konto bei einer Bank, aber beide finden die Forderungen der Platzbesetzer richtig. “Weg mit den Banken!”

Ibrahim sitzt in einem Ohrensessel und raucht Pfeife

Ibrahim, 26, ist in einem bürgerlichen Elternhaus in Middletown, eine Autostunde nördlich von New York, aufgewachsen. Den roten Ohrensessel, auf dem er die meiste Zeit sitzt, hat er von seiner Oma geerbt.

Ibrahim studiert International Business Administration am Salem College in West Virginia, einer kleinen aber angesehenen Hochschule, die 1888 von Baptisten gegründet wurde.

Die Tuition, Studiengebühr, beträgt 14.700 US-Dollar pro Semester. Das ist für amerikanische Verhältnisse nicht viel, aber für Ibrahim eine Menge.

Er hat vom Federal Student Aid Program ein zinsloses Darlehen bekommen, das er erst zurück zahlen muss, wenn er eines Tages Geld verdient. Und so sitzt er in Omas Ohrensessel, raucht Pfeife und demonstriert gegen die Allmacht des Kapitals. Salem ist weit, Wall Street um die Ecke.

Donald fährt jeden Tag demonstrieren

Donald, 60, hat seine akademische Karriere bereits hinter sich. Er hat Jura am Gibbs College in Montclaire, New Jersey, unterrichtet, bis seine Abteilung geschlossen und er entlassen wurde. Jetzt berät er eine Bürgerinitiative namens “Citizen Action” und lebt… von irgendwas.

Er sei schon zu alt, um in einem der Zelte im Park zu übernachten, deswegen fährt er jeden Abend in seine kleine Wohnung in Jersey City, auf der anderen Seite des Hudson River, und morgens wieder nach Manhattan, eine Stunde hin und eine Stunde zurück.

Aber es muss sein, denn es geht darum, “die Dynamik der politischen Diskussion” zu ändern, inzwischen würden sogar die Republikaner über die Ungleichverteilung des Reichtums in Amerika sprechen.

Neben Donald steht ein junger Mann und liest, so laut es geht, ein Manifest vor, in dem immer wieder der Satz vorkommt: “Die Zukunft der menschlichen Rasse hängt von der Zusammenarbeit ihrer Mitglieder ab.” Es stört ihn nicht, dass ihm niemand zuhört.

Eine Berliner Studentin ruft Parolen gegen die Telekom

Eine Handvoll Aktivisten der Kommunikationsgewerkschaft CWA ruft Parolen gegen die Telekom, die ihren Mitarbeitern Rechte verweigert, angeführt von einer jungen Koreanerin, die am Otto-Suhr-Institut der FU in Berlin Politikwissenschaft studiert und über die “Organisierung von prekär Beschäftigten in Korea, USA und Italien” promoviert hat.

Bevor Hae-Lin, 34, Ende 2008 nach New York kam, um prekär Beschäftigte in der Kommunikationsindustrie zu organisieren, war sie bei Ver.di tätig.

David, 64, ist zwei Meter groß, schlank und sieht in seinem schwarzen Kostüm wie Jacob Van Helsing aus, der Vampirjäger aus dem Roman “Dracula”. Außerdem ist er am ganzen Körper tätowiert, auch im Gesicht, in dessen Mitte ein Nasenring glänzt.

Er hat angefangen, sich tätowieren und piercen zu lassen, nachdem er als “Vice-President for Operations” einer großen Broker-Firma gefeuert wurde, nach 35 Jahren Dienst an den Wall Street. Jetzt nennt er sich Bobby Steele - nach dem Gitarristen der Punkband “The Undead” - und will es seinem ehemaligen Arbeitgeber heimzahlen.

Obwohl es ihm nicht schlecht geht. Er lebt bei seiner Freundin, hat monatlich 2000 Dollar zur Verfügung und wird, wegen seines Äußeren und seines Outfits, öfter zu Kostümparties eingeladen, vor allem rund um Halloween. “Endlich kann ich tun, was ich will.” Wenn da nur nicht der Groll auf die wäre, die immer noch mit Aktien, Derivaten und Optionen handeln, “diese Gangster in Maßanzügen”.

Jeder am Liberty Square hat eine Agenda

So scheint fast jeder am Liberty Square seine spezielle Agenda zu haben, die er mit Anderen teilen möchte. Schaut man genauer hin, erkennt man freilich verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Interessen. Da sind die Lumpenproletarier, die sich rund um die “Volksküche” niedergelassen haben. Die bunten Vögel wie “David Steele” und der “Leopard Man”, die ihre eigene Party am Rande der Manege feiern.

Die Sympathisanten, die Lebensmittel, Kleidung und Medikamente spenden. Und schließlich die eigentlichen “Event Manager”, die sich unauffällig im Hintergrund halten. Der Mann, der die Öffentlichkeitsarbeit besorgt, heißt Jeff Smith.

Er residiert in einem offenen Zelt und twittert live vom Liberty Square. Die Tageszeitung “ New York Daily News ” hat ihn vor kurzem mit dem Satz zitiert: “Was wir hier aufzubauen versuchen, ist ein Modell dafür, wie wir uns die ganze Gesellschaft vorstellen.”

Fragt man ihn, wer wofür zuständig ist, wer das professionell gemachte “ Occupied Wall Street Journal ” druckt und bezahlt, wer die neun Occupy-Wall-Street-Websites eingerichtet hat und betreut, antwortet er: “Alle machen alles.”

Smith sitzt vor einem Laptop, der an einer Autobatterie dranhängt. Die Batterie ihrerseits muss von Zeit zu Zeit aufgeladen werden. Das geschieht auf eine ökologisch einwandfreie Art und Weise mit der Muskelkraft von Freiwilligen, die auf stationären Fahrrädern sitzen und in die Pedale treten. So wird Energie “generiert”. Nach etwa vier Stunden ist die Batterie voll und Jeff Smith kann mit seinem Laptop wieder online gehen.

Diebstähle und Schlägereien im Lager

Wie bei allen egalitären Projekten sind die Einen immer etwas gleicher als die Anderen. Allerdings: Das Bild, das Smith und seine Mitstreiter in die größere Öffentlichkeit kommunizieren, ist das einer alternativen, sich selbst verwaltenden und selbst kontrollierenden Kommune, in der es kein Oben und kein Unten gibt.

Eine Insel der Zivilisation mitten im Dschungel des Raubtierkapitalismus, ein Utopia der praktizierten Nächstenliebe. Die freilich auch schon mal aus dem Ruder laufen kann.

Diebstähle und Schlägereien gehören in dem Zeltlager inzwischen zum Alltag. Und nachdem es zu mehreren Fällen von “sexual harassment” und einem Fall von Vergewaltigung gekommen war, ließen die unsichtbaren Organisatoren ein großes Zelt kommen und bauten es inmitten der autonomen Zone auf - als nächtliches Refugium für Frauen, die lieber kein Risiko eingehen möchten.

New Yorker Polizei überlastet

Was auf dem Liberty Square passiert, hat auch Auswirkungen in weit entfernten Stadtteilen. Die New Yorker Polizei berichtet von einer Anstieg der Straßengewalt in so genannten “Problembezirken”, was damit zusammenhängt, dass Hunderte von Polizeibeamten zum Dienst am Liberty Square abkommandiert wurden, wo sie seit inzwischen zwei Monaten Tag und Nacht aufpassen, dass die Demonstranten sich nicht unkontrolliert weiter ausbreiten und tatsächlich die Wall Street überrennen. Diese Taktik nennt man “Containment”, Begrenzung, Einhegung.

Es fehlen nur noch Schilder, die den Besucher darüber in Kenntnis setzen, dass er den Liberty Square “auf eigene Gefahr” betritt. Aber die New Yorker sind “street smart” und wissen das sowieso.

Allerdings fragen sie sich auch, warum Bürgermeister Bloomberg die Besetzer gewähren lässt . “Giuliani hätte dem Spuk längst ein Ende gemacht”, sagt Stacey Tzortzatos, 42, die zusammen mit ihrem Mann Angelo und einem Dutzend Mitarbeitern seit acht Jahren ein italienisches Restaurant (“Panini & Co”) am Liberty Square betreibt.

Seit dem Beginn der Occupy-Wall-Street-Aktion am 17. September ist der Umsatz um 40 Prozent zurückgegangen. Viele Stammkunden bleiben weg und mit den neuen hat sie nichts als Ärger.

“Die kommen rein, wollen die Toiletten benutzen, und wenn wir ihnen sagen, dass wir das nicht wünschen, randalieren sie und belästigen die Gäste.” Bevor Stacey und Angelo am frühen Morgen das Lokal aufmachen, müssen sie erst einmal den Eingangsbereich von Fäkalien säubern.

Wie ein "Campingplatz ohne sanitäre Anlagen"

“Stellen Sie sich einen Campingplatz ohne sanitäre Anlagen vor, dann wissen Sie, was hier los ist.” Dabei ist in New York fast alles verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. Überall wird man darauf hingewiesen, dass “Loitering” (Herumlungern) unerwünscht ist. Wer sich zum Schlafen auf eine Parkbank legt, wacht auf einer Polizeiwache auf.

So ist New York zwar weniger aufregend, dafür aber sicherer geworden, Ergebnis der von Giuliani durchgesetzten “Zero-Tolerance”-Politik. Aber Giuliani, sagt Stacey, “kam aus kleinen Verhältnissen und hat sich hochgearbeitet”, Bloomberg dagegen gehört zu den zwölf reichsten Leuten in den USA, sein Vermögen wird auf über 19 Milliarden Dollar geschätzt. Dreimal wurde er zum Bürgermeister von New York gewählt, der letzte Wahlkampf hat ihn 100 Millionen Dollar gekostet.

“Wie würde es aussehen, wenn ein Multi-Milliardär die Polizei losschickt, um ein paar Hundert Habenichtse zu vertreiben?” Bloomberg selbst laviert. Mal sagt er, die Besetzer würden nur von ihrem Recht auf Rede- und Demonstrationsfreiheit Gebrauch machen, dann empfiehlt er ihnen, sich Arbeit zu suchen statt zu demonstrieren.

Es sieht aus, als würde er die Entscheidung, wann der Liberty Square geräumt wird, dem Wetter überlassen. Ende November kann es in New York sehr kalt und ungemütlich werden. Bis dahin werden Stacey und Angelo noch sehr viel putzen müssen.