Republikaner Herman Cain

Neue Sex-Vorwürfe – "Du willst doch einen Job, oder?"

Ist der schwarze Republikaner Herman Cain das Opfer eines "High-Tech-Lynchmords" durch die Linke? Die neuen Vorwürfe der sexuellen Belästigung wiegen schwer.

Foto: AFP

Die gegen Herman Cain, einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten, von drei Frauen anonym erhobenen Vorwürfe von sexueller Belästigung haben seit Montag Gesicht und Stimme und mehr Gewicht: Sharon Bialek, eine allein erziehende Mutter aus Chicago, berichtete in New York vor der US-Presse von Avancen Cains in einem Vorfall vor 14 Jahren, der sexueller Nötigung nahekommen würde.

Sie habe den damaligen Vorsitzenden der US-Gaststättenvereinigung (NRA) um einen Job gebeten und sei mit ihm in Washington ausgegangen. Im Auto habe er plötzlich seine Hand unter ihrem Rock „in Richtung meiner Genitalien“ geschoben und dann ihren Kopf zu seinem Schoß hin gedrückt.

Auf ihren Protest habe Cain nur gefragt: „Du willst doch einen Job, oder?“ Sprecher Herman Cains wiesen die Vorwürfe nur Minuten später als „total erfunden“ zurück; daran sei „kein Gramm Wahrheit“.

Sharon Bialek und ihre (national bekannte) Anwältin Gloria Allred bestritten, dass sie sich mit dieser reichlich späten Anschuldigung bereichern oder andere Vorteile erlangen wollte. Auch werde sie keine Anzeige gegen Cain erstatten, sie verlange nur das Eingeständnis und eine Entschuldigung.

Sie glaube, ihrem 13-jährigen Sohn, „dem Mann meines Lebens“, wie sie ihn abends gegenüber CNNs Pierce Morgan nannte, diesen Akt der Selbstachtung schuldig zu sein. Nachdem sie festgestellt habe, dass keine der drei anderen Frauen dazu öffentlich stehen wollte oder konnte, habe sie diesen Schritt an die Öffentlichkeit gewagt, um der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen.

Sie wisse, gestand sie Morgan, was auf sie zukomme. Die Medien, zumal die konservativen, würden nun in ihrer Vergangenheit herumstochern, es werde sicher unangenehm: „Aber ich bin ein taffes Mädchen und werde das aushalten.“ Bialek betonte in der Sendung Pierce Morgans abermals, dass sie eine loyale Republikanerin sei und bleiben werde.

Cain kann nicht länger schweigen

Für Herman Cain, den früheren Boss der „Godfather“-Pizzakette, bedeutet diese Anschuldigung das Ende seiner Strategie, sich mit indigniertem Leugnen und Angriffen auf die „liberalen“ Medien aus der Affäre ziehen zu wollen.

Zudem umfassen die Anschuldigungen von Zudringlichkeiten mehr als nur mutmaßlich verletzende Gesten oder Worte. Cain, der nicht zuletzt bei der überwiegend frommen Tea Party und der religiösen Rechten blendend ankommt, kann es sich nicht länger leisten, zu dem Verdacht schwerster moralischer Verfehlung zu schweigen.

Noch am Wochenende hatten Cain und sein Team jede Reporterfrage nach den mutmaßlichen Belästigungen ignoriert und als Verstoß gegen irgendeinen Fantasie-„Kodex für Reporter“ gebrandmarkt. Man werde diesen Unsinn ignorieren und wieder ganz „auf Message“ gehen. Das war ein Irrtum.

Am Dienstag wird sich Herman Cain nun auf einer Pressekonferenz in Phoenix zu der Darstellung von Sharon Bialek äußern. Und, wie verlautet, alles empört abstreiten. Da der Vorfall ohne Zeugen war, wird Aussage gegen Aussage stehen.

Rechtsaußen-Flügel weideten sich an ihren Fantasien

Doch Sharon Bialek, die Tea-Party-Sympathisantin, bewirbt sich nicht um die Nominierung der Republikaner als Präsidentschaftskandidat. Dass sie zweimal, 1991 und 2001, einen Offenbarungseid leistete, Steuerschulden hat und wenig Glück mit Männern, ist ihr privates und nun öffentliches Pech. Nichts weiter.

Die üblichen Verdächtigen auf Amerikas Rechtsaußen-Flügel, angeführt von dem Radiotalkshowman Rush Limbaugh, weideten sich unmittelbar nach Bialeks Auftritt an ihren Fantasien über die „Sexbombe“. Limbaugh nannte sie „babe“, wie man vielleicht ein Callgirl ruft, und spielte anzüglich schlürfend mit ihrem Namen („bia-lick“).

Opfer eines "High-Tech-Lynchmords" durch die Linke

Dies ist das Niveau des nach Millionen zählenden chauvinistisch-reaktionären Stammtischs Amerikas. Limbaugh und seine wilde Kampfschwester gegen Liberale, Anne Coulter, hatten auch früh entdeckt, dass der schwarze Herman Cain Opfer eines „High-Tech-Lynchmords“ durch die Linke werde.

„Unsere Schwarzen“, so Coulter, „sind besser als ihre Schwarzen.“ Cain selbst hatte vor Monaten vorausgesagt, man werde mit ihm umzuspringen versuchen wie mit Clarence Thomas, dem schwarzen Obersten Bundesrichter.

Thomas war nach seiner Nominierung durch George H. W. Bush 1990 bei den Anhörungen im Senat von einer Frau, Anita Hill, der sexuellen Belästigung beschuldigt worden. Es war Thomas, der damals von „High-Tech-Lynchen“ sprach.