Krieg

Kenia und Somalia wollen Islamisten-Miliz auslöschen

Kenia befindet sich erstmals seit 48 Jahren im Krieg. Der offizielle Grund sind Entführungsfälle. Paris bestätigte jetzt den Tod einer entführten Französin.

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Wachmänner gehören zum Straßenbild in Kenias Hauptstadt Nairobi. Sie stehen vor Banken und Supermärkten, selbst Shops von Mobilfunkfirmen werden vor möglichen Überfällen beschützt. Seit dem Wochenende aber ist mehr Sicherheitspersonal unterwegs als sonst. In der Innenstadt patrouillieren viele Polizisten in Uniform und angeblich auch in Zivil.

Der erhöhte Sicherheitsaufwand soll nun nicht mehr nur Überfälle, sondern vor allem schwere Anschläge vermeiden. Denn seit dem Wochenende befindet sich Kenia im Krieg. Es ist der erste bewaffnete Konflikt des Landes seit der Unabhängigkeit vor 48 Jahren.

Der Feind ist die islamistische Shabaab-Miliz, die große Teile des Nachbarlands Somalia kontrolliert und Verbindungen zu al-Qaida hat. Sie droht nun mit Anschlägen in Kenia. Die kenianischen Soldaten würden es „bereuen“, auf somalisches Gebiet vorgedrungen zu sein, warnte ein Sprecher von al-Shabaab.

Der jahrzehntelange Frieden in Kenia sei in Gefahr, wenn sich die Soldaten nicht sofort aus Somalia zurückzögen. Die kenianische Polizei ruft nun dazu auf, „verdächtige Personen“ über eigens eingerichtete Telefonnummern zu melden.

Regierung in Kenia verdächtigt Miliz des Kidnappings

Der offizielle Grund dafür, dass Kenias Armee – mit Zustimmung der somalischen Übergangsregierung – schon mehr als 100 Kilometer ins Nachbarland eingedrungen ist, sind mehrere Entführungsfälle. Die Regierung in Nairobi verdächtigt die Shabaab-Miliz, mehrere Ausländer auf kenianischem Boden gekidnappt und nach Somalia verschleppt zu haben – was die Miliz bestreitet.

„Unsere territoriale Integrität wird von Terroristen bedroht“, sagte der kenianische Innenminister George Saitoti nach Beginn der Militäraktion. „Wir werden den Feind, die Shabaab-Miliz, überallhin verfolgen.“ Aktuell geschieht dies mit Panzern, einer unbekannten Zahl Soldaten am Boden und Angriffen aus der Luft.

Fünf somalische Städte seien bereits eingenommen worden, berichtet das kenianische Militär. 75 Mitglieder von al-Shabaab seien getötet worden. Die kenianische Armee verlor fünf Soldaten beim Absturz eines Hubschraubers.

Anders als offiziell behauptet, sind es aber nicht nur die aktuellen Entführungen, die hinter der Intervention stehen. Kenia hat schon länger das Ziel, auf somalischem Gebiet eine Art Sicherheitszone mit Flüchtlingslagern einzurichten, damit nicht noch mehr Menschen vor Hunger und Krieg aus Somalia nach Kenia fliehen.

Lager als Sicherheitsproblem

Auf kenianischem Boden, in der Nähe der Stadt Dadaab, befindet sich das größte Flüchtlingslager der Welt , in dem mehr als eine halbe Million Menschen leben. Nairobi sieht das Lager als Sicherheitsproblem und befürchtet, dass islamistische Terrorkämpfer von dort ins Land gelangen.

Gerade wurden in dem Lager zehn Terrorverdächtige verhaftet. In der Vergangenheit kam es an der Grenze zu Somalia außerdem immer wieder zu Überfällen und Morden an Kenianern, die al-Shabaab zugeschrieben werden. Die Miliz versucht offenbar immer wieder ihren Nachwuchs unter jungen Kenianern zu rekrutieren.

Der Entführungsfall, der nun aber als offizieller Kriegsgrund dient, ereignete sich vor einer Woche. Aus dem Lager in Dadaab wurden zwei spanische Mitarbeiter der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ entführt, offenbar nach Somalia.

Europäische Touristinnen verschleppt

Nach Angaben des kenianischen Militärs gibt es inzwischen „Informationen über ihren Aufenthaltsort“. Die Organisation selbst zeigte sich „zutiefst besorgt“ über das Schicksal ihrer Mitarbeiter. „Jeglicher Einsatz von Gewalt“ könnte die Freilassung der Entführten gefährden, teilte sie mit. Wenige Wochen zuvor waren bereits zwei europäische Touristinnen von der Inselgruppe Lamu verschleppt worden.

Eine von ihnen, eine Französin, ist inzwischen tot, wie die französische Regierung bestätigte. Die 66 Jahre alte Frau hatte seit mehr als zehn Jahren auf Lamu gelebt. Die andere Touristin, eine Engländerin, gilt noch als vermisst. Ihr Ehemann war bei ihrer Entführung erschossen worden. Die Taten haben der kenianischen Tourismusbranche bereits großen Schaden zugefügt.

Kenias Regierung gibt nur wenige Informationen über die Militäraktion bekannt. Inzwischen ist immerhin klar, dass der Einmarsch nach Somalia mit der dortigen Übergangsregierung abgestimmt war. Der Außen- und der Verteidigungsminister Kenias trafen sich mit dem somalischen Präsidenten in Mogadischu. Man habe sich darauf verständigt, die Shabaab-Miliz „auszulöschen“, hieß es anschließend.

Armee der Übergangsregierung gilt als schwach

Die Armee der somalischen Übergangsregierung gilt als schwach, Kenia hat sie in der Vergangenheit schon bei der Ausbildung der Soldaten unterstützt. Nach dem Treffen im Außenministerium in Mogadischu gab es in der Nähe einen Selbstmordanschlag mit mehreren Toten.

Der kenianische Präsident Mwai Kibaki hat sich bisher noch nicht direkt zu der Militäraktion geäußert. In einer Pressemitteilung nach einer Kabinettssitzung hieß es nur, es gehe um die „wichtige Aufgabe, die kenianische Nation zu schützen“.

Das ganze Land stehe hinter der Operation. Tatsächlich findet eine kritische innenpolitische Debatte darüber nicht statt. Seit Kenia von einer großen Koalition regiert wird, gibt es faktisch keine Opposition. Der Erzbischof von Mombasa, Boniface Lele, sagte, er unterstütze den Angriff auf al-Shabaab. „Wir haben eine Verantwortung, uns selbst zu verteidigen.“

Länge des Einsatzes ist unklar

Viele Kenianer denken ähnlich, wenngleich die Skepsis über den Ausgang der Militäroperation groß ist. So ist derzeit völlig unklar, wie viele kenianische Soldaten wie lange im Nachbarland bleiben werden und ob sie den Anforderungen eines solchen Krieges gewachsen sind – beziehungsweise ob sich das Land einen solchen Krieg überhaupt leisten kann. Das Wirtschaftswachstum hatte sich zuletzt deutlich verlangsamt.

Welche Folgen ein bewaffnetes Engagement gegen al-Shabaab haben kann, musste das Nachbarland Uganda 2010 erfahren. Damals starben mehr als 70 Menschen bei Bombenanschlägen in der Hauptstadt Kampala, weil Uganda die somalische Regierung militärisch unterstützt. Ein Sprecher von al-Shabaab sagte damals: „Das ist die beste Nachricht, die wir je gehört haben.“