US-Wahl 2012

Godfather Pizza sieht sich schon im Weißen Haus

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Uwe Schmitt

Der Republikaner Herman Cain holt überraschend auf. Es kursiert schon ein Scherz über den möglichen Wahlkampf gegen Obama: "Stimme für den schwarzen Typ!"

Noch vor drei Wochen, bei der TV-Debatte in Florida, empfahl Herman Cain den Republikanern, es in diesen düsteren Zeiten einmal mit Gemütlichkeit und guter Laune zu versuchen. Der einzige schwarze Bewerber um die Nominierung und frühere Pizza-Ketten-Boss schien so chancenlos, dass sein Spielen mit einem clownesken Onkel-Tom-Image nicht schaden konnte. Das hat sich seit diesem Wochenende gründlich geändert.

Cain wurde ungemütlich, als er scharf die „Occupy Wall Street“-Bewegung schalt: Diese Leute seien „neidisch“, inszenierten sich als „Opfer“ und wollten „anderen ihren Cadillac wegnehmen“. Kurz: Die Demonstranten seien antikapitalistisch, arbeitsscheu und somit unamerikanisch. Weil es um die Nation geht (und weil er in den Umfragen nicht mehr als Witz gehandelt wird), hört für Cain der Spaß jetzt auf.

Nun rätseln vor allem konservative Kolumnisten, ob der 65-Jährige womöglich nur von dem tiefen Unmut der Basis über die beiden Führenden, Mitt Romney (Mormone, Wendehals, zu liberal) und Rick Perry (zu einfältig, texanisch provinziell, rhetorisch schwach), getragen wird. Oder hat der einstige Vorstandsvorsitzende von „Godfather Pizza“ aus Memphis, der sich als noch nicht verdorben vom politischen Gewerbe anpreist, doch den Nerv der Basis getroffen?

Mit einem Mal wird sein „999“-Steuerreform-Plan nicht belächelt, sondern debattiert: eine einheitliche Neun-Prozent-Steuer – auf Einkommen privater Haushalte genauso wie auf Unternehmensgewinne – und eine nationale Mehrwertsteuer in derselben Höhe. Das, so predigt Cain, würde Arbeitsplätze schaffen, die Wirtschaft entfesseln und Amerika aus der Misere führen. Gewaltige Steuersenkungen, eine Schrumpfung des Staates kombiniert mit Vertrauen in die Marktkräfte, die stets das Gute wollen und schaffen, wenn man sie allein lässt – all das macht Cain zum möglichen Darling der Tea Party.

Vor einem Monat noch auf Platz 6

Inzwischen ist sein jäher Aufstieg nicht mehr nur gefühlt, sondern zu belegen. Am 24. September überraschte Cain seine Partei, als er nach der Fernsehdebatte eine Spontanabstimmung („Straw Poll“) gewann . Am 5.Oktober lag Cain mit 17 Prozent hinter Romney (22) und vor Perry und den übrigen. Vor einem Monat fand man ihn noch an sechster Stelle.

Zwar haben Michelle Bachmann und Rick Perry schon mit jähen Aufstiegen an die Spitze des Feldes und ebenso harten Abstürzen nach den ersten Enttäuschungen und Enthüllungen die Flüchtigkeit der Pole-Position vorgeführt. Zudem gibt es Beobachter in Washington, die Cain nur einen „Flavor of the week“-Status zusprechen, nicht mehr als den „Geschmack der Woche“. Der Mann selbst ist überzeugt, dass alle, die ihn unterschätzen, eine „Verirrung historischen Ausmaßes“ begehen: „Manche Leute kritisieren mich, weil ich nie ein öffentliches Amt innehatte; die haben keine Ahnung, was die Wähler da draußen denken.“

Sein Glaube an sich selbst ist nicht erschüttert

Wahr ist, dass die Volksverachtung für den Kongress und Bundespolitiker sogar noch jene für Journalisten und Rechtsanwälte übertrifft. Mindestens bei den Republikanern haben Unternehmer wie Donald Trump und eben Herman Cain den Reiz des Unverbrauchten und Noch-nicht-Korrupten.

Allerdings gehen die Bewertungen von Cains unternehmerischem Geschick auseinander. Die Zahl der „Godfather“-Filialen schrumpfte unter seinem Management (1988 bis 1996) von 640 auf knapp über 500. Der Umsatz der Kette schwankte zwischen 225 und 275 Millionen Dollar. Ein Steve Jobs der Pizzabäcker war Cain kaum. Auch als Vorsitzender der US-Restaurant-Vereinigung blieb Cains Ausstrahlung, wie es scheint, überschaubar.

Was seinen Glauben an sich selbst jedoch nie erschütterte. Im Jahr 2000 bewarb sich der Sohn eines Hausmädchens und eines Chauffeurs zum ersten Mal um die Nominierung der Republikaner für die Präsidentschaft. In seinem neuen Memoirenband „This is Herman Cain! My journey to the White House“ (bei Amazon in den Top Ten) notiert er: „Das politische Establishment begreift (mich) nicht, und das ist mir recht so. Aber Sie können versichert sein, dass man mich im Januar 2013 begreift, wenn ich den Amtseid als Präsident der Vereinigten Staaten ablege.“

"Eine Menge dummer Leute in Amerika"

Noch ist es nicht ganz soweit. Noch haben die US-Medien Cain nicht der peinlich genauen Leibesvisitation unterzogen, die Bachmann, Perry und Romney schon einige Male über sich ergehen ließen. In seiner Rede vor der erzkonservativen „Werte-Wähler“-Vereinigung in Washington gestand Cain, er habe es leider „mit einer Menge dummer Leute in Amerika“ zu tun. Vor einigen Wochen beleidigte er beiläufig einige Millionen Schwarze, als er ihnen vorhielt, man habe sie „durch Gehirnwäsche“ dazu verdammt, ewig für die Demokraten zu stimmen und Konservative zu ignorieren.

In der „Occupy Wall Street“-Bewegung dürfte sich die Zahl der Cain-Fans nach seiner Verdammung im niedrigen zweistelligen Bereich bewegen. Die Rassenfrage ist für Cain kein Thema mehr: Wer es zu nichts bringt, ist in Amerika selbst schuld. Basta. Manche erwärmen sich bereits für einen Wahlkampf Obama versus Cain. „Ich werde T-Shirts mit dem Aufdruck: ‚Wahl 2012: Stimme für den schwarzen Typ!’“ anbieten“, kündigte ein Professor mit Geschäftssinn an. „Und ich werde ein Vermögen machen.“