Neue Migrantengeneration

Deutschland hat bei jungen Europäern einen super Ruf

Die Bundesrepublik genießt bei jungen Migranten einen exzellenten Ruf. Und sowohl in Europa als auch in Übersee steigt das Interesse an der deutschen Sprache.

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Als vor 50 Jahren die ersten türkischen Gastarbeiter in die Bundesrepublik kamen, um an Fließbändern und in Montagehallen Geld zu verdienen, hielt es kaum jemand für nötig, sie nach ihren Deutschkenntnissen zu fragen. Sie sollten ja keine Aufsätze schreiben oder Reden halten, sondern Kleider nähen oder Autos zusammenbauen. Und viele Einwanderer glaubten, dass es sich kaum lohne, diese merkwürdige Sprache zu erlernen. Denn für ungeübte südländische Ohren klang und klingt das Deutsche oft so, als hätte man gerade eine heiße Kartoffel im Mund.

Es hat sehr lange gedauert, bis allseits begriffen wurde, dass man ohne ausreichende Deutschkenntnisse hierzulande nicht weit kommen kann. Noch vor kurzem wurde eine Schulrektorin im Berliner Wedding, einem Bezirk mit hohem Ausländeranteil, scharf kritisiert, weil sie dafür gesorgt hatte, dass ihre Schüler auf dem Pausenhof Deutsch miteinander zu sprechen haben – und nicht etwa Türkisch, Arabisch oder Kroatisch.

Beliebt bei jungen Europäern

Umso erfreulicher, dass wir in Europa und Übersee ein steigendes Interesse an der deutschen Sprache registrieren dürfen. Und zwar nicht aus selbstloser Liebe zu Goethe, Schiller und Heine, sondern weil immer mehr gut ausgebildete, junge Ausländer in der Bundesrepublik ein Land sehen, in dem man sein Glück machen kann. Wir können diese Menschen gut gebrauchen. Immer mehr Branchen rufen verzweifelt nach Facharbeitern und Ingenieuren – und siehe da, sie kommen.

Diese neue Lust auf Deutschland, in schwächelnden Ländern wie Spanien oder Griechenland sicher auch aus wirtschaftlicher Not geboren, ist ein starkes Argument gegen all die Untergangspropheten, die uns in den vergangenen Jahren erklärt haben, wir würden uns abschaffen. Wenn sich ein junger Spanier heute für Deutschland und eben nicht für Lateinamerika entscheidet, wo er sich nur an eine andere Aussprache gewöhnen müsste, hat das nicht nur mit besseren Aufstiegschancen zu tun.

Deutschland hat bei jungen Europäern heute einen exzellenten Ruf. Eine Karriere in der Bundesrepublik verspricht nicht nur gutes Geld. Man kann sich bei uns offenbar richtig wohl fühlen, das Land macht mit seinen Schulen, Universitäten, seinen Theatern, Sportfesten und Konzerten einen ausgesprochen einladenden Eindruck. Nicht zu vergessen die – vergleichsweise – niedrige Kriminalität oder der – vergleichsweise – reibungslose Ablauf im öffentlichen Nahverkehr. Selbst im Mülltrennungssystem – was für ein Wort – erkennen Einwanderer noch den deutschen Sinn für Sauberkeit und Ordnung.

Erfreulicher Trend

Kurzum: Deutschlands Ruf ist im Ausland offenbar weit besser als in der Berliner Nörgelrepublik. Wir Deutsche wären gut beraten, diesen erfreulichen Trend nicht gleich wieder in Grund und Boden zu quatschen. Zu wenig, zu spät, wer weiß – geschenkt. Es liegt in unserem Interesse, die neuen Migranten, die vor allem von Europa nach Europa auswandern, freundlich und Schulter klopfend in Empfang zu nehmen. Als Einwanderungsland konkurrieren wir weltweit um die besten Köpfe.

Deutsch ist zwar nicht die schwerste Sprache der Welt, aber auch nicht gerade die leichteste. Schon Mark Twain kapitulierte vor den „Schrecken der deutschen Sprache“. Nach seinen Reisen durch Europa bilanzierte er, dass „man zum Erlernen des Englischen 30 Stunden, des Französischen 30 Tage, des Deutschen 30 Jahre“ brauche und forderte: „Entweder reformiere man also diese Sprache, oder man lege sie zu den toten Sprachen, denn nur die Toten haben heutzutage noch Zeit genug, sie zu erlernen.“

"For You. Vor Ort"

Ganz so schlimm ist es nicht, wie die Erfolgszahlen der Goethe-Institute zeigen. Allen Präpositionen, Artikeln und grammatikalischen Ausnahmeregeln zum Trotz wird Deutsch immer beliebter. Für Mark Twain waren Wortungetüme wie „Generalstaatenverordnetenversammlung“ oder „Kleinkinderbewahrungsanstalt“ noch ein Grund, das Weite zu suchen.

Aber selbst die Tatsache, dass sich ein Einwanderer neben dem Deutschen – wenn er nicht gerade nach Hannover zieht – auch noch im Schwäbischen, Bayerischen oder Sächsischen auskennen muss, scheint heute niemanden mehr abzuschrecken.

Wir Deutsche sollten freilich lernen, Fehler mehr zu tolerieren als bisher. Auch die Amerikaner zahlen einen Preis dafür, dass die USA bei qualifizierten Einwanderern hoch im Kurs stehen und müssen täglich mit ansehen, wie ihre Sprache in aller Welt hingerichtet wird – besonders gern auf Denglisch: „Schlecker: For You. Vor Ort“. Aber klingt „Vorratsdatenspeicherungsgesetz“ eigentlich viel besser?