Afghanistan

Ex-Soldat erhält Bewährungsstrafe für Todesschuss

Wegen des leichtsinnigen Umgangs mit seiner Dienstwaffe ist ein 21-jähriger Ex-Soldat in Gera zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Ob er abdrückte oder sich der tödliche Schuss auf einen Kameraden versehentlich löste, konnte abschließend nicht geklärt werden.

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Ob er abgedrückt hat, kann der ehemalige Soldat nicht mehr sicher sagen – seine Erinnerung an den traumatischen Unfall ist verschwommen. Ein Kamerad starb in Afghanistan durch eine Kugel aus der Waffe des 21-Jährigen. Dieser muss für seinen leichtsinnigen Umgang mit der Pistole jetzt eine zweijährige Bewährungsstrafe verbüßen. Der Vorfall habe „spielerischen Charakter“ gehabt, sagt das Gericht. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm sogar konkret „Waffenspiele“ vorgeworfen. Der Prozess vor dem Landgericht Gera hat auch einen Schatten auf die Belastung junger Soldaten im Auslandseinsatz geworfen.

„Aus seiner Sicht hatte die Waffe die Qualität eines Spielzeugs“, sagt Richter Martin Giebel. Der Angeklagte habe keine Gefahr wahrgenommen, weil er glaubte, die Waffe sei nicht geladen. Trotzdem, so betont das Gericht, richtete der junge Mann seine Pistole auf einen Kameraden – brach damit „eine Kardinalregel“, die jeder Mensch als Kind bereits lerne. Wer täglich eine Pistole mit sich herumtrage, vergesse, „was passieren kann, wenn man nicht aufpasst“, sagten Soldaten im Zeugenstand. Irgendwann sei die Waffe so selbstverständlich wie ein Handy. Und, ja: „Wir haben cool mit der Waffe rumhantiert, Blödsinn gemacht.“ Zwischen den Zeilen wird deutlich, unter welchen Druck die jungen Soldaten im Einsatz stehen.

Die Bundeswehr engagiert sich seit Ende 2001 in Afghanistan. Derzeit sind rund 5000 deutsche Soldaten am Hindukusch stationiert. Das Feldlager in der Unruheprovinz Baghlan ist eines der gefährlichsten. Sobald die Soldaten das Lager verlassen, können vergrabene Bomben auf den Straßen lauern. „Jede Sekunde kann es einen Riesenschlag tun und ich bin tot“, erzählt André Wüstner vom Vorstand des Deutschen Bundeswehrverbands. Dazu Nächte im Zelt, kaputte Duschen, Sandstürme, Schlafmangel. „Das wirkt sich brutal aus.“

Die schwierigen Umstände im Feldlager seien strafmildernd zu werten, sagt der Richter. Der Verteidiger war in seinem Plädoyer noch weiter gegangen: Die Kontrollen und die Ausbildung der Bundeswehr im Außenlager seien nicht ausreichend gewesen. Erst zweieinhalb Wochen vor dem tödlichen Unfall habe sich bei Schießübungen ein Schuss gelöst und zwei Männer verwundet. Auch der Staatsanwalt machte den Stress im Einsatz mit für die „gedankenlose Spontan-Tat“ des 21-Jährigen verantwortlich. Die Soldaten hätten untereinander vieles toleriert. „Es wollte wohl keiner der Spielverderber sein.“

Besonders schlimm sei die Situation, seit die Bundeswehr die Einsatzdauer von vier auf sechs Monate angehoben habe, sagt Wüstner. „Es ist psychologisch bewiesen, dass die Soldaten überlastet sind“, erklärt der Major, der selbst in Afghanistan stationiert war. „Unter dieser Dauerüberlastung reagieren einige mit Leichtsinn.“ Auch aus anderen Lagern ist bekannt, dass sich Soldaten Pistolen an den Kopf hielten. Die jungen Männer bekämen im Einsatz keine regelmäßigen Ruhepausen. Einige versuchten das mit Galgenhumor zu verarbeiten, andere mit Übermut.

Die Kameraden im Zelt des Angeklagten waren alle jung – 19 bis 22 Jahre alt. Die Bundeswehr solle darauf achten, dass ihnen künftig erfahrene Soldaten zur Seite gestellt würden, rät der Richter. Der tödliche Schießunfall sei aber „nicht repräsentativ für die Bundeswehr – auch nicht im Auslandseinsatz.“ Der stille, in sich gekehrte 21-Jährige werde seine Tat wohl nie vergessen, sagen alle Prozessbeteiligten. „Er muss lernen, dieser bitteren Wahrheit ins Auge zu sehen.“ Die jungen Männer in Afghanistan ertrügen viel, betont Wüstner. „Ich bin sicher, wenn sie mal entspannen dürfen, sind das klasse Soldaten.“