Kindesmissbrauch

"Der Triebtäter aus dem Gebüsch ist die Ausnahme"

Eine neue Studie zeigt einen drastischen Rückgang sexueller Gewalt gegen Kinder. Am häufigsten sind Bekannte die Täter. Erstmals wurden auch Migranten befragt.

Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) und Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), haben in Berlin Ergebnisse einer Studie zu sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland vorgestellt. Pfeiffer sagte zu der Befragung unter heute 16- bis 40-Jährigen: „Entgegen aller Erwartungen geht der sexuelle Missbrauch von Kindern in Deutschland drastisch zurück.“

Von Januar bis Mai 2011 befragte das KFN mit Hilfe von anonymisierten Fragebögen 11.428 Personen. Dabei gaben 683 Menschen an, bis zu ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal Opfer eines Missbrauchs geworden zu sein. In 473 Fällen kam es demnach zum Körperkontakt zwischen Täter und Opfer.

Wesentlich mehr Mädchen als Jungen Opfer

Laut Studie waren unter den Opfern wesentlich mehr Frauen (6,4 Prozent der Befragten) als Männer (1,3 Prozent). Bei der ersten repräsentativen Studie zu dem Thema 1992 gaben noch 8,6 Prozent der Frauen und 2,8 Prozent der Männer an, als Kinder sexuell missbraucht worden zu sein.

Auffällig bei der neuen Studie ist auch, dass umso weniger Fälle angegeben wurden, je jünger die Befragten waren: In der Altersgruppe der heute 31- bis 40-Jährigen berichteten acht Prozent von sexuellem Missbrauch in der Kindheit, bei den 21- bis 30-Jährigen 6,4 Prozent und bei den 16- bis 20-Jährigen 2,4 Prozent.

Pfeiffer erklärte dies damit, dass es in den vergangenen Jahrzehnten eine „Zuwendung zu den Opfern“ gegeben habe: „Das Thema Kindesmissbrauch hat eine Enttabuisierung erfahren.“ Dazu hätten Politik, Polizei, Opferverbände und Medien beigetragen, vor allem aber die Betroffenen selbst: So hätten die heute 16- bis 20-Jährigen Missbrauch wesentlich häufiger angezeigt als die älteren Befragten.

Laut KFN-Studie kommt Missbrauch von Kindern am häufigsten im Bekanntenkreis oder in den Familien der Kinder vor. „Der Triebtäter, der aus dem Gebüsch springt, ist die Ausnahme, nicht die Regel“, betonte Pfeiffer.

Auch Migranten wurden befragt. Türkischstämmige Frauen berichteten dabei seltener von Missbrauch (1,7 Prozent) als russischstämmige (6,5 Prozent) und deutsche (7,3 Prozent). Laut Pfeiffer könnte dies daran liegen, dass Mädchen aus türkischen Familien „oft behütet aufwachsen“ – aber auch daran, dass sie später aus Scham womöglich weniger offen antworteten.

Kritik an der Studie

Der Chef des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt, Norbert Denef, kritisierte die Studie: Viele Opfer hätten ihr Leid verdrängt und könnten keine Auskunft darüber geben, Missbrauch sei nicht statistisch erhebbar: „Die Wissenschaft müsste ihre Hilflosigkeit einräumen, anstatt Millionen für solche Untersuchungen auszugeben.“

Ministerin Schavan dagegen lobte die Studie, die bis Ende 2013 abgeschlossen wird, als wichtigen Schritt, um das Thema Kindesmissbrauch „dauerhaft in den Hochschulen verankern“. Ihr Ministerium fördert die KFN-Studie und ähnliche Forschungsprojekte mit 30 Millionen Euro.

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