Aus den USA nach Europa

"Occupy Wall Street" wird globale Protestbewegung

Die "Occupy Wall Street"-Bewegung schwappt aus den USA nach Europa. Am Sonnabend wird in vielen Städten demonstriert. Auch in Berlin wurde zu Protesten aufgerufen.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Die Geschichte des weltweiten Protesttages gegen die Finanzkrise zeigt, welchen kulturellen Einfluss Amerika immer noch hat in der Welt. Ihren Ursprung nahm die Bewegung nämlich eigentlich in Europa, genauer: bei den spanischen „Indignados“. Die „Empörten“ protestieren seit 15.Mai gegen mangelnde Zukunftschancen, gegen die Banken und gegen Korruption in ihrem Land. Im restlichen Europa wurde das wohl wahrgenommen – die Massen strömten deshalb aber trotzdem nicht auf die Straßen in Rom, Paris, London oder Berlin. Es brauchte offenbar erst die Aktivisten der „Occupy Wall Street“-Bewegung in New York, um Empörung in den Europäern zu wecken.

Frankreich

Der Franzose an sich ist bekannt dafür, dass er für seine Überzeugungen auf die Straße geht. Es überrascht daher nicht, dass in mindestens 28 Städten in Frankreich Demonstrationen geplant sind. In Paris wollen sich die „Entrüsteten“ ab 14 Uhr an den großen Bahnhöfen treffen und von dort aus vorbei an der Börse bis zum Rathaus marschieren. Der Kern des Widerstands besteht nur aus rund 1000 Mitgliedern. Unter Arbeitslosigkeit leiden vor allem die unqualifizierten Jugendlichen aus den Vorstädten – und die haben sich noch nicht vernetzt mit den Empörten in Spanien und New York.

Belgien

Es war der 20.Juni, als Ivan in Valencia losgegangen ist, zu Fuß, um sich mit den „Indignados“, den anderen Empörten, in Spanien zu vereinen. „Von meiner Arbeit als Automechaniker kann ich nicht mal meine Miete bezahlen“, sagt er. Er marschierte los zu Fuß nach Madrid, von dort nach Barcelona und dann nach Paris. Mittlerweile ist der 60-Jährige in Belgien angekommen. An diesem Sonnabend trifft sich in Brüssel der Sternmarsch der Empörten aus ganz Europa. Es geht darum, ihre Wut über das Jetzt und ihren Willen für ein anderes Morgen zu demonstrieren. Vor die US-Botschaft wollen sie ziehen und vor das Gebäude der EU-Kommission, dorthin wo die Verantwortlichen dafür sitzen, dass „in dieser Welt etwas total schiefläuft“, wie Artemis die Motivation aller Empörten auf den Punkt bringt. Sie ist 20, studiert in Frankfurt am Main Ethnologie und ist überzeugt: „Das ist hier das größte ethnologische Projekt, das es je gab, die Zeit des Homo ignorantus geht zu Ende“.

Niederlande Die Rufe aus New York hallen sogar bis Holland. Eigentlich haben die Niederländer das Protestieren verlernt. Die letzte große Demo fand Anfang der 80er-Jahre gegen Atomenergie in Amsterdam statt. Wenn sich heute Menschen auf den Straßen versammeln, sind meist die Gay-Pride-Parade oder die Fußball-Nationalmannschaft der Anlass. Wenn am Sonnabend also wie angekündigt auf dem Malieveld in der Haager Regierungsresidenz und vor der Amsterdamer Börse demonstriert wird, dann kommt das einer kleinen Revolution gleich.

Spanien

Alicia Torres kann es kaum glauben. „Wenn wir alle kämpfen, können wir tatsächlich etwas bewirken.“ Von Anfang an war die 34-Jährige bei den Protestcamps in Madrid dabei, diskutierte bis in die Morgenstunden, den obligatorischen Schlafsack stets bei sich. Sie glaubt, dass die Bewegung hier in Spanien ihren Anfang nahm, die wenige Monate später den ganzen Erdball ergreifen sollte. „Wir werden am Sonnabend in 900 Städten auf allen fünf Kontinenten protestieren“, erklärt Alicia mit leuchtenden Augen. „Das ist doch ein irrer Erfolg“, so die zierliche Spanierin. „Bei den Protesten geht es nicht nur um drei Stunden Demo, sondern darum, dass sich wirklich etwas bewegt, dass wir eine echte Demokratie bekommen, die der Selbstbedienungsmentalität der Politiker ein Ende setzt“, so Alicia. Sie ist eine typische Vertreterin ihrer Generation: jung, gut ausgebildet, chancenlos auf dem Arbeitsmarkt. In dieser Melange liegt der Ursprung des Phänomens der „Indignados“. Mittlerweile ist „Indignado“ ein stehender Begriff, in Spanien sogar als Autoaufkleber („Ich bin ein Empörter“) erhältlich. Dass die Bewegung ausgerechnet im krisengeschüttelten Spanien ihren Anfang nahm, ist kein Zufall. In keinem Land Europas ist die Jugendarbeitslosigkeit so hoch wie hier: Sie liegt bei 45 Prozent. Dabei gehen die Empörten nicht allein wegen mangelnder beruflicher Perspektiven auf die Straße. Sie haben auch endgültig genug von der moralischen Zerrüttung des Landes, der Korruption, die sich durch weite Teile von Wirtschaft und Politik frisst. „Banker kassieren hier Abfindungen in Millionenhöhe, auf Kosten der Allgemeinheit, wir müssen die Suppe auslöffeln“, so Ruth Martínez. „Die Probleme sind nicht lokal beschränkt, sondern weltweit. Alle müssen wir dem Diktat der Wall Street folgen, und das muss sich ändern“, so Ricardo Benitez, Sprecher der Bewegung „Democracia Real YA“, einer der 20 Verbände. In Spanien wird am Sonnabend in 60 Städten protestiert.

Großbritannien

Besetzt die Börse! Mit diesem Slogan wirbt die Aktivistengruppe „OccupyLSX“ für ihre Demonstration in der Nähe der Londoner Stock Exchange vor der St.-Paul's-Kathedrale. Erwartet werden mehrere Tausend Teilnehmer, die gegen „soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit“ im Vereinigten Königreich protestieren. „Wir sind Teil einer weltweiten Bewegung für mehr Demokratie“, sagt Ronan Mc Nern, einer der Organisatoren der Demonstration. Jeder zehnte Brite ist derzeit arbeitslos, im September wuchs die Wirtschaft im Vergleich zum Vorjahr um gerade einmal 0,1 Prozent. „Warum sollen wir für diese Krise zahlen, die die Banken verursacht haben?“, fragt sich Laura Taylor, eine junge Frau, die an den Londoner Protesten teilnimmt. Mehr als eine Million Menschen haben ihren Job verloren, kleine Unternehmen kämpfen ums Überleben. Die britischen Aktivisten fühlen sich dabei sowohl den Wall-Street-Demonstranten in den USA als auch den Aktivisten in Spanien verbunden: „Wir solidarisieren uns mit ,Occupy Wall Street', mit den Demonstranten in Griechenland und in Israel. Sie haben Menschen weltweit inspiriert, einen Schritt nach vorne zu machen und sich Gehör zu verschaffen“, sagt Unterstützer Kai Wargalla.

Deutschland

Widerstand formiert sich auch in Deutschland. Neben Berlin organisiert auch die linke Szene in Hamburg Protestaktionen im alternativen Schanzenviertel. Die Protestierenden in Frankfurt am Main bereiten sich auf alle Eventualitäten vor: Über Facebook sandte die Bewegung „Occupy Frankfurt“ eine Info an alle Camper: „Nehmt euch Panzertape mit, Heringe kriegen wir auf dem Boden vor der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht in den Boden, da ist Stein.“