Libyen

Spekulationen über "Hinrichtung" Gaddafis

Nach der Obduktion der Leiche von Muammar al-Gaddafi gibt es Spekulationen darüber, wie er zu Tode kam. Laut Übergangsregierung starb der Ex-Diktator bei einem Schusswechsel. Das Ergebnis der Obduktion dagegen, so ein beteiligter Arzt, lege nahe, dass Gaddafi aus nächster Nähe in den Kopf geschossen wurde - möglicherweise also hingerichtet wurde. Der UN-Menschenrechtsrat fordert nun eine Untersuchung.

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Übergangsrat: Gaddafi geriet in Kreuzfeuer. Handyaufnahmen deuten eher auf eine Hinrichtung hin.

Video: Reuters
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Der ehemalige libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi ist tot. Unklar allerdings ist bislang, wie der Ex-Diktator zu Tode kam: Zwar existieren Handy-Videos, auf den Gaddafi schwer verletzt, aber lebend zu sehen ist. Doch die genauen Umstände seines Todes liegen weiter im Dunklen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International fordert eine Untersuchung, ebenso die UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay. Pillays Sprecher Rupert Colville sagte, via Internet und in TV-Sendern verbreitete Handy-Videos, die offenbar zeigten, wie Gaddafi lebend gefasst wurde, seien „sehr beunruhigend“. Es müsse daher eine Untersuchung geben.

Und so wird Gaddafis Beisetzung an einem geheimen Ort nun verschoben. Der Übergangsrat hatte, nachdem Gaddafi getötet worden sei, Kontakt mit dem Internationalen Strafgerichtshof aufgenommen. Das Gericht hatte nach Angaben aus der libyschen Übergangsregierung gebeten, Gaddafi vorerst nicht zu begraben, damit der Leichnam untersucht werden könne. Der Übergangsrat hatte sich zunächst anders entschieden - eine Untersuchung wäre dadurch schwieriger geworden. Nun wird die Beisetzung verschoben. Ein Termin stehe noch nicht fest, sagte der Ölminister des Übergangsrats, Ali Tarhuni. Es sei beschlossen worden, den Leichnam noch für einige Tage aufzubewahren, damit sich jeder davon überzeugen könne, dass Gaddafi tot sei, sagte Tarhuni. Derzeit befinde sich die Leiche in Misrata. Eine Entscheidung darüber, wo Gaddafi beigesetzt werden solle, sei noch nicht gefallen. Zunächst hatte es geheißen, der am Vortag getötete Gaddafi solle noch am Freitag beigesetzt werden.

Nach Einschätzung eines libyschen Arztes starb der Ex-Diktator durch „Schüsse aus nächster Nähe in Kopf und Bauch“. Ein Mediziner im Krankenhaus von Misrata, der Gaddafis Leiche untersucht habe, sei zu diesem Schluss gelangt, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabija. Dies könnte auf eine Hinrichtung nach der Gefangennahme hindeuten. Laut einem Bericht der "New York Times" legen Fotos der Leiche Gaddafis nahe, dass der Ex-Machthaber nicht wie von der Übergangsregierung behauptet bei einem Schusswechsel ums Leben kam. Vielmehr würden Experten die Art der sichtbaren Schusswunden so interpretieren, dass Gaddafi aus nächster Nähe erschossen wurde. Informationsminister Mahmud Schammam erklärte, nach ersten Erkenntnissen der Gerichtsmediziner starb Gaddafi im Krankenwagen auf dem Weg zu einem Feldlazarett an den Folgen eines Kopfschusses. Anscheinend habe in den vorherigen Kämpfen ein Querschläger Gaddafi getroffen.

Ein Kämpfer der Nationalrats-Milizen, der nach eigenen Angaben bei Gaddafis Festnahme in Sirte dabei war, stellte die Situation am Freitag in einem Gespräch mit dem Nachrichtensender Al-Dschasira anders dar. Nach einem heftigen Feuergefecht mit Gaddafis Leibwächtern vor einem Abwasserrohr, in dem sich der ehemalige Machthaber versteckt hatte, habe sich Gaddafi ohne weitere Schwierigkeiten festnehmen lassen, sagte der Milizionär Osama al-Tajib. „Wir übergaben ihn dem Sicherheitskomitee“, führte al-Tajib weiter aus. „Doch dann brach ein Gefecht zwischen den Gaddafi-Loyalisten und den Revolutionären aus.“ Gaddafi sei dabei durch Schüsse an Kopf und Brust getroffen worden. „Wir legten ihn einen Ambulanzwagen, ein Arzt machte Wiederbelebungsversuche, aber er starb.“

>>> Foto: Aufnahme vom Versteck Ghaddafis, einer Betonröhre (ACHTUNG: drastische Darstellung)

>>> Foto:weitereAufnahme vom Versteck Ghaddafis (ACHTUNG: drastische Darstellung)

Der Regierungschef des Übergangsrats, Mahmud Dschibril, hatte am Donnerstag gesagt, Gaddafi sei unverletzt gefangen genommen worden. Erst danach habe es einen Schusswechsel gegeben. „Als er gefunden wurde, war er bei guter Gesundheit und hatte eine Waffe“, sagte Dschibril. Er sei anschließend auf einen Pickup gebracht worden. Als das Fahrzeug losfuhr, sei jedoch eine Schießerei zwischen Gaddafi-Anhängern und Gegnern ausgebrochen. Dabei habe Gaddafi einen Kopfschuss erlitten. Bis zu seinem Eintreffen im Krankenhaus in Misrata sei er jedoch am Leben gewesen. Er sei nicht von den Kämpfern zu Tode geprügelt worden, sondern erst nach seiner Ankunft im Krankenhaus von Misrata gestorben, weil er viel Blut verloren habe.

Der Kommandeur des Übergangsrats in Sirte, Mohammed Leith, hatte gesagt, Gaddafi habe aus einem Jeep zu fliehen versucht, als der Wagen beschossen wurde. Er habe sich in einem Abwasserrohr versteckt, sei dann jedoch mit einer Kalaschnikow und einer Pistole in den Händen herausgekommen und habe sich umgeschaut. Da sei er von Kämpfern des Übergangsrats an der Schulter und am Bein getroffen worden, sagte Leith. Von Milizionären in Sirte hatte es am Donnerstag geheißen, Gaddafi sei von einem seiner eigenen Leibwächter in die Brust geschossen worden.

Nato-Kampfflugzeuge hatten zuvor den Konvoi des flüchtenden libyschen Ex-Machthabers Muammar al-Gaddafi bombardiert, ohne zu wissen, dass Gaddafi in einem der Fahrzeuge saß. Dies geht aus einer am Freitag von der Nato veröffentlichten Darstellung der Ereignisse hervor. Demnach sei von den Nato-Flugzeugen ein Konvoi von etwa 75 Militärfahrzeugen in der Nähe der Stadt Sirte entdeckt worden. Zunächst sei ein einziges Fahrzeug beschossen worden, „um die Bedrohung zu verringern“. Daraufhin habe sich der Konvoi aufgeteilt, die gepanzerten Fahrzeuge seien in verschiedene Richtungen gefahren. Sie seien mit „einer erheblichen Menge von Waffen und Munition beladen“ gewesen.

Eine Gruppe von 20 Fahrzeugen sei dann mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Süden gefahren. Nato-Flugzeuge hätten daraufhin auf diese Fahrzeuge geschossen und etwa 10 davon zerstört. „Zur Zeit des Angriffs wusste die Nato nicht, dass sich Gaddafi in dem Konvoi befand“, heißt es in der Mitteilung der Nato. „Das Eingreifen der Nato war ausschließlich durch die Verringerung der Bedrohung für die Bevölkerung begründet.“ „Wir haben später durch offene Quellen und durch Aufklärung von Verbündeten erfahren, dass sich Gaddafi im Konvoi befand und der Angriff wahrscheinlich zu seiner Gefangennahme beigetragen hat“, heißt es in der Nato-Mitteilung.

Das Bündnis machte keine Angaben über die Nationalität der beteiligten Flugzeuge. Frankreichs Verteidigungsminister Gérard Longuet sagte, französische Kampfflugzeuge hätten den Konvoi „gestoppt“. Erst Gaddafi-Gegner hätten die Fahrzeuge zerstört und Gaddafi herausgeholt. Laut einem US-Vertreter feuerte auch eine US-Drohne eine Rakete auf den Konvoi. Anschließend soll sich Gaddafi in einem Abwasserkanal versteckt haben; auf Fotos ist ein Beton-Auslass mit zwei großen Röhren zu sehen, in die ein Mann hineinkriechen kann. Milizionäre haben mit Sprühfarbe auf den Beton geschrieben: „Dies ist der Platz der verfluchten Ratte Al-Gaddafi – Gott ist groß“.

Einige von TV-Sendern und im Internet verbreitete Handy-Videos zeigen den schwer verletzten, aber lebenden Gaddafi. Zu sehen ist ein blauer Kleinlaster mit gelb-roter Motorhaube. Vorn auf dem Kühler sitzen bewaffnete Milizen, zwischen ihnen, liegend und blutverschmiert, Gaddafi. Er wird von dem Wagen heruntergezerrt, scheint noch auf eigenen Beinen zu stehen und zu wanken. Sein Hemd ist blutgetränkt. Er scheint zu sprechen und seine rechte Hand zu bewegen. Die Videobilder aus Sirte legen nahe, dass der schwer verletzte Gaddafi nach seiner Gefangennahme misshandelt wurde. Zu sehen ist unter anderem, wie aufgebrachte Soldaten ihn schlagen und an seinem Haar reißen.

>>> Fotos: Der schwer verletzte Gaddafi bei Sirte (ACHTUNG: drastische Aufnahmen)

>>> Video: Der schwer verletzte Gaddafi bei Sirte (ACHTUNG: drastische Aufnahmen)

In einem über das soziale Netzwerk Facebook verbreiteten Video war zu sehen, wie Milizionäre Gaddafi eine Pistole an den Kopf halten. Sie drücken den Ex-Machthaber auf den Boden. Viele der Kämpfer filmen die Szene mit Handys. Gaddafi ist dann einige Sekunden lang nicht zu sehen, wird anschließend, an der linken Kopfseite anscheinend aus frischen Wunden blutend, wieder auf die Motorhaube des Kleinlasters gelegt. Das Video ist derzeit bei Facebook aber nicht mehr abrufbar.

Auf späteren Bildern ist der tote Gaddafi zu sehen. Ein Arzt im Krankenhaus von Misrata bestätigte nach einer Untersuchung, Gaddafi sei am Kopf und am Bauch von Schüssen getroffen worden. Am Abend wurde auch der Tod von Gaddafis Söhnen Saif al-Islam und Mutassim bestätigt. Beide sollen wie ihr Vater von Truppen des Nationalrats in Sirte getötet worden sein. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte eine Untersuchung der Todesumstände von Muammar al-Gaddafi gefordert. Es sei wichtig, dass dem libyschen Volk durch eine unabhängige Untersuchung alle Fakten offenbart würden, heißt es in einer Mitteilung der Organisation.

Am Abend befand sich die Leiche Gaddafis sowie die seines ebenfalls in Sirte getöteten Sohnes Mutassim in einem Haus in der weiter westlich gelegenen Küstenstadt Misrata. Die Leiche lag demnach mit entblößtem Oberkörper und blutverschmiertem Bauch da. Augenzeugen sagten, die Leiche Gaddafis zuvor in einem Einkaufszentrum gesehen zu haben. Nach Bekanntwerden seines Todes hatte es in der Stadt, die monatelang von Gaddafis Truppen belagert worden war, spontane Freudenfeiern gegeben.

Allerdings scheint auch der Gaddafi-Sohn Mutassim lebend gefangen genommen worden zu sein. Auch hier existieren Handy-Videos, die den Militär und Arzt Mutassim verletzt, aber lebend zeigen. Milizionäre bugsieren ihn von der Ladefläche eines Kleinlasters, Mutassim bewegt sich, steht auf eigenen Beinen.

>>> Video: Gaddafi-Sohn Mutassim wurde offenbar lebend gefangen genommen (ACHTUNG: drastische Aufnahmen)

Von Gaddafis Leiche, so Regierungschef Dschibril, haben Ärzte DNA-Proben genommen. Dabei hätten die Mediziner festgestellt, dass ein großer Teil der oft wirr vom Kopf stehenden langen Haare Gaddafi „künstliche Haare“ gewesen seien. Gaddafi, der auch gerne hohe Absätze und prunkvolle Gewänder trug, habe in Wirklichkeit eine Halbglatze gehabt. Er solle schon bald nach islamischem Ritus an einem unbekannten Ort bestattet werden, hieß es. Was mit Gaddafis Körper geschehe, sagte Dschibril, sei „ziemlich egal, Hauptsache, er verschwindet“. Offenkundig will der Übergangsrat damit verhindern, dass das Grab zu einem Wallfahrtsort für Gaddafi-Anhänger wird.

Der Übergangsrat kündigte an, Interimsführer Mustafa Abdul Dschalil werde am Samstag in der Stadt Bengasi, wo Mitte Februar der Aufstand gegen Gaddafi begann, formell die Befreiung Libyens bekannt geben. Der Übergangsrat hatte schon zuvor erklärt, er werde innerhalb eines Monats nach der Befreiung eine Übergangsregierung bilden und dann innerhalb von acht Monaten Wahlen abhalten. Der als Regierungschef amtierende Politiker Dschibril kündigte an, er werde nicht an der neuen Übergangsregierung beteiligt sein.