Staatsbesuch

Berliner Humboldt-Uni vor Gül-Rede geräumt

Der Staatsbesuch des türkischen Präsidenten Abdullah Gül in Berlin ist am Montag von einer Bombendrohung überschattet worden. Der Politiker musste den Ort für seine Rede über die deutsch-türkischen Beziehungen kurzfristig verlegen.

Das Video konnte nicht gefunden werden.

Wegen einer Bombendrohung ist am Montagabend eine geplante Rede des türkischen Präsidenten Abdullah Gül in der Berliner Humboldt-Universität verzögert worden.

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen

Am Nachmittag ging noch alles seinen ruhigen diplomatischen Gang: Rund 20 Kinder sitzen aufgereiht auf einer kleinen Mauer im Garten einer Kindertagesstätte in Schöneberg. Mütter mit und ohne Kopftuch wuseln um sie herum. Türkische und deutsche Töne schwirren durch die Luft. Großer Besuch steht bevor: Die Gattin des Bundespräsidenten, Bettina Wulff, und die Frau des türkischen Staatspräsidenten, Hayrünnisa Gül, kommen zu Besuch.

Schwungvoll erscheinen die Damen. Durch den Zaun der Kindertagesstätte versuchen zahlreiche Frauen mit Kopftuch einen Blick auf Gül zu erhaschen. Der Besuch der Kita INA.Kinder.Garten ist der einzige Programmpunkt, den die türkische Präsidentengattin während des gemeinsamen Deutschlandbesuchs mit ihrem Mann Abdullah Gül allein absolviert. Die Kinder singen für die Damen deutsche und türkische Lieder und überreichen ihnen bunte Blumensträuße.

Doch nur wenig später folgte ein Schock für den türkischen Präsidenten Gül: Um 18 Uhr sollte er im Audimax der Humboldt-Universität eine Rede über die deutsch-türkischen Beziehungen halten. Der Andrang war groß. Schon eine halbe Stunde vor der Veranstaltung wurden die Räumlichkeiten wegen Überfüllung geschlossen. Unmut machte sich breit. Dann wurde der Saal geräumt. Die Stimme am Telefon war schwer zu verstehen. Doch die Polizei nahm den Anruf nach eigener Aussage „besonders ernst“. Wahrscheinlich handele es sich um eine Bombendrohung. Mehr als 400 Menschen müssen das Audimax verlassen, dann wird die ganze Universität geräumt.

Die Straße Unter den Linden wurde weiträumig um das Universitätsgebäude abgesperrt. Vor dem Hauptgebäude demonstrierten am Abend nach Angaben von Augenzeugen mehrere Hundert Kurden. Nach Polizeiangaben waren zwei Demonstrationen angemeldet worden – eine Kundgebung zur Begrüßung von Gül, die andere für den in der Türkei inhaftierten Führer der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan.

Rede in einem kleineren Saal

Die Rede Güls im großen Saal wurde abgesagt. Schließlich wurde bekannt, dass Gül seine Ansprache in einem anderen Raum halten durfte, bevor er ins Schloss Bellevue, den Amtssitz von Bundespräsident Christian Wulff, gebracht wurde.

Güls Rede war mit Spannung erwartet worden. Bereits vor der Reise hatte der Präsident viele Konflikte in den Beziehungen angesprochen. Außerdem war ungewiss, ob Gül die Charme-Offensive seines Premiers Erdogan für die Staaten im arabischen Raum wiederholen würde: Dieser hatte Israel stark angegriffen. Und auch Gül hatte die israelische Führung attackiert: Ankara habe „kein Vertrauen“ mehr in die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Gül sprach dann in der Humboldt-Uni in einem kleineren Saal, in den nur geladene Gäste durften, vor allem die klare Warnung aus, die Türkei bei den EU-Beitrittsgesprächen nicht zu verschaukeln. Zudem lobte der türkische Staatspräsident das europäische Integrationsprojekt und betonte, die EU sei „nicht ein Projekt des Verharrens in der Vergangenheit, sondern eines des Aufbaus einer gemeinsamen Zukunft“. Zugleich bedauerte Gül es, dass die „Atmosphäre der Toleranz“ in Europa sich unter dem Einfluss der Wirtschaftskrise getrübt habe. Gül rief dazu auf, sich nicht entmutigen zu lassen und das 21. Jahrhundert zu einem „Jahrhundert der Integration“ zu machen.

Mit Wulff war Gül zuvor in das Berliner Leben eingetaucht: Am Sonntagabend brachen sie noch nach Kreuzberg auf, besuchten das Treiben rund um das Kottbusser Tor – und speisten im „Hasir“, einem bekannten türkischen Lokal. Bundespräsident Christian Wulff und Gül, kaum in Berlin eingetroffen, verbrachten fast den ganzen Sonntagnachmittag und -abend noch in privatem Rahmen. Gemeinsam mit ihren Ehefrauen fuhren sie auf einem kleinen Ausflugsboot über den Wannsee nach Sacrow, wo sie die Heilandskirche besichtigten. Anschließend ging es zur Glienicker Brücke. Leger traten beide Präsidenten auf, in Freizeitkleidung und ohne Krawatten. Hayrünnisa Gül trug dabei ein Kopftuch.

Keine Frage, Wulff begrüßte seinen Amtskollegen mit überaus freundlichen Worten und Gesten. Aber es mangelte auch nicht an Deutlichkeit. Die Türkei fordere faire und vorurteilsfreie Beitrittsverhandlungen mit der EU, sagte Gül schon zuvor. Ziel seines Landes bleibe die Vollmitgliedschaft, er lehne die von Berlin favorisierte „privilegierte Partnerschaft“ mit der Türkei ab. Schon jetzt gebe es solche Beziehungen, sagte er.

Deutschland und die Türkei schlossen ein neues Doppelbesteuerungsabkommen. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und sein türkischer Kollege Mehmet Simsek unterzeichneten die Vereinbarung im Beisein von Wulff und Gül. Zuvor war Gül am Montagmorgen noch einmal mit militärischen Ehren zu seinem dreitägigen Besuch empfangen worden.