"Familienmonitor 2011"

Die Suche nach neuen Familienmodellen

Emanzipation, digitalisierte Globalisierungsbeschleunigung und eine wachsende Zukunftsskepsis erfordern völlig neue Familienmodelle. Hajo Schumacher über Kinder, Zukunft und die Rolle des Staates bei der Suche nach neuen Konzepten.

Foto: Massimo Rodari

Früher war die Sache mit der Familie ganz einfach: Das junge Paar bekam ganz selbstverständlich Nachwuchs, möglichst einen ganzen Schwung, denn Einzelkinder galten als problematisch, weil verwöhnt und zickig. Niemand fragte nach den Kosten oder ob die Wohnung groß genug sei. Das Baby schlummerte im Schlafzimmer der Eltern, Kinderzimmer hießen so, weil meistens mehrere dort hausten. Oma und Opa wohnten in der Nähe und betreuten die Kinder; als Gegenleistung erwarteten sie später mal Hilfe.

Zu den Selbstverständlichkeiten jener Wirtschaftswunderjahre gehörte allerdings auch, dass sich die Frau klaglos in die Rolle der stullenschmierenden Wasch- und Bügelmaschine fügte, auch wenn die Väter jener Jahre bei Weitem nicht so schlecht waren, wie sie heute gemacht werden. Dieses Familienmodell, von der steinzeitlichen Höhlenhorde gar nicht weit entfernt, war nach heutigen Maßstäben nicht fair, aber stabil.

Emanzipation, digitalisierte Globalisierungsbeschleunigung und eine wachsende Zukunftsskepsis erfordern völlig neue Modelle. Großeltern wohnen nicht mehr automatisch nebenan; und ob vier, sechs, acht Omas aus ambitionierten Patchwork-Familien sich verantwortlich fühlen wie einst, ist eher fraglich. Und welcher angehende Senior glaubt tatsächlich noch an liebevolle Pflege durch die lieben Kleinen? Das Ankommen auf der Welt und der Abschied – diese beiden Phasen sind ohne Hilfe nicht zu bewältigen. Eine durchgängige privatisierte Lebensbetreuung von der Krippe bis zur Bahre will man keinem wünschen. Nur: Wie organisieren wir die neue Zeit? Und wer bezahlt's?

Kind als Luxusartikel

Früher herrschten Zukunftsglaube und Hoffnung, heute überwiegen durch die Generationen eher Furcht und Bedenken. Daran ändert auch eine punktuell verbesserte Stimmung nichts, die vermutlich auch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung des vergangenen Jahres zu tun hat. So lässt sich der „Familienmonitor 2011“ aus dem Hause der just Mutter gewordenen Ministerin Schröder als Aufgabenheft für die Politik lesen, aber zugleich auch als Sammlung der verbreitetesten Ängste. Zu wenig Geld, zu wenig Zeit, zu wenig Anerkennung, das sind die kondensierten Emotionen, die aus dem Bericht sprechen. Einzelmaßnahmen wie Elterngeld oder Bildungspaket mögen hier und da helfen, aber sie drehen die vorherrschende Problem-Mentalität nicht.

Eine Blitzumfrage unter Abiturienten ergibt: Kinder werden zwar als eines von vielen Lebenszielen betrachtet. Aber: Kinder sind teuer, Kinder schränken ein, Kinder sind problematisch. Kein Tag, an dem nicht neue Alarmstudien neue Probleme schildern: Aufmerksamkeitsdefizit, Übergewicht, Dachschaden. Eines Tages selbst Kinder zu haben, das ist für junge Leute heute nicht der Normal-, sondern eher ein Ausnahmefall. Das Kind als Cabrio, ein Luxusartikel, den man sich gönnt, wenn alles andere stimmt, insbesondere die berufliche und mithin die finanzielle Sicherheit.

Fakt ist: Die Macht der Politik, die Versorgungsgüte des Staates ist beschränkt; ob und wie Familien in Zukunft zusammenleben, müssen sie schon selbst entscheiden – und organisieren.