CDU-Wirtschaftsminister

Herr Seidel, sind Rockmusiker andere Politiker?

Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Jürgen Seidel spricht über sein Hobby Rockmusik, den Zustand der CDU und die Zukunft von Mecklenburg-Vorpommern.

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Morgenpost Online : Herr Minister Seidel, die Gewissensfrage: Beatles oder Stones?

Jürgen Seidel : Da bin ich nicht festgelegt. Beide waren damals ganz wichtig.

Morgenpost Online : Eine typische Politikerantwort. Man merkt gleich, dass Sie in einer großen Koalition regieren.

Seidel : Nein wirklich, mir gefallen beide Bands. Ich lese gerade die Autobiografie des Rolling-Stones-Gitarristen Keith Richards, bin auf Seite 450, und Sie finden in dem Buch, dass sich beide Bands eigentlich ganz gut verstanden haben, was vielleicht nicht immer so sichtbar war. Das so verschiedene Image beider Bands war ja gewollt. Aber ihre Musik, das war meine Jugend.

Morgenpost Online : Eine Jugend, in der Sie selbst in einer Band gespielt haben?

Seidel : Ja, ich habe mir damit mein Studium in Dresden finanziert. Das hat viel Spaß gemacht.

Morgenpost Online : Das größte Problem für Musiker in der DDR war eine vernünftige Technik. Es gab Bastler, die sich aus dem Westen den Schaltplan eines Verstärkers von Marshall besorgt und den originalgetreu nachgebaut haben.

Seidel : Etwas Besonderes war nur über den Schwarzmarkt zu besorgen, also über Leute, die Kontakte hatten. Ich kannte damals eine Volksmusikgruppe, die durfte in den Westen reisen und hat mir ein Mikrofon der Marke AKG für 1000 DDR-Mark verkauft, das war damals mehr als ein guter Monatslohn. Später habe ich gesehen, dass das Mikrofon höchstens 100 DM gekostet hatte. Aber solche Sachen hat man in Kauf genommen, wenn einem die Qualität der eigenen Musik wichtig war.

Morgenpost Online : Sie sind nach dem Studium Ingenieur für Werkstoffkunde geworden, nach 1990 in die Politik gegangen. Nie den Wunsch gehabt, Musiker zu werden und bis 80 auf Bühnen zu spielen?

Seidel : Ich hatte früh Familie, und da ist das so eine Sache mit dem unstetigen Leben. Mein Bruder spielt noch ab und zu mit seiner Band, und ich kann dort immer mal einspringen, wie bei der Tourismusbörse.

Morgenpost Online : Die Band Ihres Bruders heißt „Black Tigers“, eine Anspielung auf die CDU?

Seidel : Der Name ist tatsächlich auf dem Flur der CDU-Fraktion im Landtag entstanden, nachdem sie dort gespielt hat.

Morgenpost Online : Sind Rockmusiker andere Politiker?

Seidel : Es ist ganz hilfreich, wenn andere erkennen, dass Menschen, die politisch tätig sind, auch ganz normale Hobbys haben. Musik verbindet auch sehr stark, und wenn ein Politiker Musik spielt, überrascht das nicht nur; er wirkt plötzlich nicht mehr so abgehoben.

Morgenpost Online : Kann man das nicht als Inszenierung sehen, wie Karl-Theodor zu Guttenberg mit seinem AC/DC-Shirt?

Seidel : Nein. Solche Auftritte wie auf der Tourismusbörse sind eine Seltenheit, und ich mache das, weil ich Lust dazu habe. Ich finde es gefährlich zu meinen, man könne mit solchen Aktionen neue Wählerschichten erreichen.

Morgenpost Online : In Mecklenburg-Vorpommern wäre das sowieso schwer. Hier ist keine Wechselstimmung zu erkennen. Und dass der Wahlkampf bereits läuft, merkt man außerhalb eher selten.

Seidel: Wir haben in der großen Koalition die vergangenen Jahre gut zusammengearbeitet, da muss ich mich jetzt nicht verbiegen und öffentlichkeitswirksam auf den Koalitionspartner einschlagen. Das würde hier niemand verstehen. Außerdem ist es aus meiner Sicht besser, jeder sagt dem Wähler, was er vorhat, anstatt sich am politischen Gegner zu reiben.

Morgenpost Online : Für Spott sorgt ja die Werbekampagne „C wie Zukunft“ Ihres Spitzenkandidaten Caffier . Gibt Ihnen die Reaktion zu denken oder überwiegt die Haltung: Hauptsache auffallen?

Seidel : Der Bekanntheitsgrad des Spitzenkandidaten steigt.

Morgenpost Online : Nervt Sie das Klischee, im Osten gebe es immer nur Kuschelwahlkampf?

Seidel : Nein eigentlich nicht. Dazu kommt, dass Streit, der im Wahlkampf offenbar erwartet wird, in Ost und West anders definiert ist. Im Westen ist man gelassener und sieht den Streit als übliche Form in einer Demokratie, während er im Osten weiterhin als etwas gesehen wird, der andere verletzt. Und das wollen viele nicht.

Morgenpost Online : Wenn Sie jetzt im Land umherreisen und über die Positionen der CDU reden, wie sicher sind Sie, dass diese Positionen in einem halben Jahr noch so existieren?

Seidel : Ah, jetzt geht es um den Atomausstieg?

Morgenpost Online : Oder die Bildungspolitik, oder die Familienpolitik, oder…

Seidel : Na ja, so schlimm ist das ja nun nicht. Wir waren übrigens im Osten in ordnungspolitischen Positionen nie so hart wie vielleicht in den westlichen Ländern. Nehmen Sie die Hauptschule. Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern von Anfang an auf das zweigliedrige System gesetzt. Ich kann aber verstehen, dass die CDU-Politik so manchem Mitglied gerade viel zumutet. Aber wer hat denn eine so tiefe internationale Banken- und Wirtschaftskrise voraussehen können? Oder die Probleme des Euro? Oder dass ein so hoch industrialisiertes Land wie Japan solche Probleme mit seinen Atomanlagen bekommt?

Morgenpost Online : Es geht ja darum, ob man angemessen auf Probleme reagiert.

Seidel : Es wird gern vergessen, dass die CDU zwar die Laufzeit der deutschen Atomkraftwerke verlängert hatte, aber trotzdem immer klar war, dass wir aus der Atomenergie aussteigen. Zugegeben, die Verlängerung war ein politischer Fehlschuss. Aber vielleicht kommen wir in ein paar Jahren zu der Ansicht, dass es besser gewesen wäre, noch eine Weile durch die Abgaben der Atomindustrie einen noch größeren Fonds zu bilden, um z.B. die Speicherforschung bei den erneuerbaren Energien voranzutreiben oder die Finanzierung der neuen Leitungen sicherzustellen.

Morgenpost Online : Inwieweit sind erneuerbare Energien ein Thema für ein industriell so schwach entwickeltes Land wie Mecklenburg-Vorpommern?

Seidel : Ein Mega-Thema. Die industrielle Wertschöpfung hier ist immer noch nur halb so groß wie der Durchschnitt in Deutschland. Das müssen wir verändern durch neue Strukturen wie den Ausbau der Zukunftsbranchen. Das Bundesland ist sehr gut für Windenergie geeignet, durch die geografische Lage und die vielen dünn besiedelten Flächen.

Dazu kommen die ausgedehnten landwirtschaftlichen Flächen, die sind günstig für Biomasse- und Biogasanlagen. Schon heute könnten wir uns zu 51 Prozent aus erneuerbaren Energien versorgen. Wir wollen künftig sicherstellen, dass Energie umweltgerecht erzeugt wird, Versorgungssicherheit garantiert ist und am Ende bezahlbar bleibt. Wir wollen ein Stromexporteur werden.

Morgenpost Online : Das heißt, Sie sind der Kanzlerin, die in Mecklenburg-Vorpommern ihren Wahlkreis hat, dankbar für die Energiewende.

Seidel : Jedenfalls werden wir als ernste Konkurrenz betrachtet. Im Bundesrat habe ich einen Vortrag der grünen Kollegin aus Rheinland-Pfalz gehört, in dem sie offen sagte, in der Geschichte sei die Industrie immer dorthin gegangen, wo die Energie war. Jetzt sollen an den Küsten so viele Windkraftanlagen entstehen, aber man könne doch nicht zulassen, dass die Industrie aus dem Süden abwandert.

Morgenpost Online : Das Reagieren auf unerwartete Ereignisse ist das eine. Das andere ist, dass die CDU als Partei wesentliche Eckpfeiler aufgibt. Beispiel Familienbild oder Bildung.

Seidel : Den Eindruck habe ich nicht. Das christliche Menschenbild zum Beispiel ist nicht infrage gestellt.

Morgenpost Online : Aber viel mehr scheint nicht übrig.

Seidel : Die Welt hat sich seit Adenauer aber auch verändert, und in der Zeit der Globalisierung noch vielschichtiger. Das macht Regieren so schwierig. Wichtig ist, dass wir die Mitglieder, aber auch die Wähler mitnehmen.

Morgenpost Online : Bei der Diskussion in der Koalition über Steuersenkungen verstehen Sie die Welt nicht mehr.

Seidel : Das Thema kommt ja von der FDP. Ich bin auch dafür, Ungerechtigkeiten der Steuerpolitik, wie den sogenannten Mittelstandbauch, abzubauen. Aber doch zum richtigen Zeitpunkt. Und den sehe ich im Moment nicht. Es gibt Risiken, die niemand seriös überblicken kann. So verlangen die Gemeinden, die bislang von den AKWs leben, dass der Bund die Steuerausfälle übernimmt, die durch den beschleunigten Ausstieg entstehen. Das ist anmaßend, aber Teil des Kompromisses Kanzlerin mit den Ländern. Ich würde mich auch nicht festlegen wollen, was zur Stabilisierung des Euro noch nötig ist.

Morgenpost Online : Im Wahlkampf hat der Politiker Seidel wenig Zeit für andere Dinge. Bleibt da für den Musiker Seidel noch Gelegenheit zum Üben?

Seidel : Ich habe zu Hause noch drei Gitarren stehen, und den alten Schaller-Verstärker, und wenn es mich am Wochenende rappelt, gehe ich einfach in den Keller und spiele.

Morgenpost Online : Zum Abspannen oder als Frustbewältigung?

Seidel : Frust baue ich lieber beim Joggen ab, dazu ist mir die Musik zu schade.

Morgenpost Online : Bei Wahlauftritten von Angela Merkel wurde eine zeitlang der Stones-Klassiker „Angie“ gespielt. Zu welchem Titel würden Sie denn bis zur Landtagswahl am 4. September einlaufen?

Seidel : „As Tears Go By“ vielleicht – der erste Titel, mit denen die Rolling Stones laut Keith Richards richtig Geld verdient haben.