Zwangsexmatrikulation

Berliner Langzeitstudenten erhalten Galgenfrist

An der Universität Köln wurden 32 Langzeitstudenten zwangsexmatrikuliert, weil sie Studienplätze für die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge blockierten. Auch in Berlin werden die Altstudenten zum Problem.

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Doppelte Abiturjahrgänge und die Aussetzung der Wehrpflicht bescheren den Berliner Universitäten und Hochschulen derzeit eine Rekordzahl von Studienbewerbern. Allein die Humboldt-Universität erhielt knapp 29.000 Bewerbungen für Bachelor-Fächer – bei 3316 freien Plätzen.

Das setzt nicht nur die Abiturienten unter Druck, sondern auch die Hochschulen. Sie wollen möglichst viele Studienplätze für neue Bachelor-Abschlüsse anbieten. Doch noch immer eingeschriebene Altstudenten bremsen die Universitäten aus. Das lässt Unis zu drastischen Maßnahmen greifen. Motto: Wer zu lange studiert, fliegt raus. So wurden 32 Langzeitstudierende von der Universität Köln zwangsexmatrikuliert, weil sie das für die Abschlussprüfung erforderliche Vordiplom nicht vorweisen konnten.

Öl ins Feuer goss am Donnerstag Albert Rupprecht, bildungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er sagte: „Studieren zu dürfen, ist ein Privileg auf Zeit. Mindestens 7000 Euro kostet ein Studienplatz den Steuerzahler pro Jahr.“ Wer einen Studienplatz blockiere, "um sich mit Gleichgesinnten in muffigen Gremien treffen oder einfach nur billig Bus fahren zu können", der müsse damit rechnen, sein Studienprivileg zu verlieren.

Umstellung auf Bachelor und Master verläuft chaotisch

Das Problem: Die teilweise chaotische Umstellung des deutschen Studiensystems. Die vormals gültigen Diplom- und Magisterabschlüsse werden abgeschafft. Stattdessen soll mit international gültigen Master- und Bachelor-Abschlüssen ein einheitliches europäisches Hochschulsystem geschaffen werden. Der Übergang zwischen den alten und neuen Studiengängen gestaltet sich jedoch schwierig.

Denn die auslaufenden Diplom- und Magisterstudiengänge stellen noch immer eine große Zahl der Studierenden. An der Humboldt-Universität Berlin sind 4450 Altstudenten eingeschrieben. Doch eine sofortige Exmatrikulation wie kürzlich an der Kölner Universität geschehen muss zumindest an den Berliner Universitäten niemand fürchten.

„Zwangsexmatrikulationen nach Gutdünken wird es bei uns nicht geben“, sagt Dr. Steffan Baron, Leiter der Studienabteilung I an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zwar seien die Übergangsregelungen bereits seit sieben Jahren in Kraft, dennoch bemühe man sich, gemeinsam mit den Studierenden Regelungen zu finden, die der persönlichen Situation der Betroffenen gerecht werde.

Denn durch die verschiedenen Studiengänge müssen unterschiedliche Auslauffristen und Übergangsregelungen angeboten werden. Wann tatsächlich Konsequenzen für Langzeitstudenten drohen, hängt auch vom jeweiligen Landeshochschulgesetz ab. Beispielsweise war es an der Humboldt-Universität bis 2009 noch möglich, einen Diplomstudiengang in Chemie oder Psychologie zu beginnen. Die betreffenden Studiengänge laufen daher nicht vor 2015 aus, denn jeder der dafür eingeschriebenen Studenten darf mindestens die Regelstudienzeit plus zwei Semester lang studieren.

Anders verhält es sich mit Studiengängen, die bereits vor 2009 nicht mehr für Studienanfänger angeboten wurden. Für jeden dieser Studiengänge muss der zuständige Fakultätsrat einen letzten Prüfungstermin beschließen, der es den verbliebenen Studenten ermöglicht, den Studiengang abzuschließen.

Im Diplom-Studiengang Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität habe man zum Beispiel alle Langzeitstudierenden, die die Regelstudienzeit bereits überschritten hatten, per Brief benachrichtigt, um sie zu einem freiwilligen Beratungsgespräch einzuladen, so Steffan Baron. Hier wurde geklärt, warum das Studium noch nicht abgeschlossen werden konnte. „Studienberater und Hochschüler erarbeiteten anschließend gemeinsam einen persönlichen Plan, der den Studenten innerhalb eines Jahres zum Diplom bringen sollte.“ Der Erfolg stellte sich ein: Nach einem Jahr waren lediglich sechs von 450 Studierenden noch nicht zur Diplomprüfung angemeldet.

Gemessen an dem Gesamtstudienangebot ist die Umstellung in Berlin jedoch bereits zu großen Teilen erfolgt. So bieten Hochschulen im Bundesländervergleich nach Niedersachsen und Hamburg prozentual bereits den größten Anteil ihrer Angebote in der gestuften Struktur der Bachelor- und Masterstudiengänge an. Nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz wurden im Wintersemester 2010/2011 von den 852 in Berlin existierenden Studiengängen lediglich noch 26 mit einem Diplom- oder Magisterabschluss angeboten.

Langzeitstudenten müssen Auflagen erfüllen

Da die Umstellung bereits seit Jahren in vollem Gang ist, hat man auch an der Freien Universität Berlin entsprechende Regelungen getroffen. Zum Sommersemester 2011 waren hier noch rund 4200 Studierende mit dem Abschlussziel Diplom und Magister eingeschrieben. Bis auf wenige Einzelfälle hätten bereits alle Studierenden das für das Hauptstudium erforderliche Vordiplom oder die Zwischenprüfung abgelegt. Dennoch können sich die betroffenen Studenten nicht ohne weiteres zum kommenden Wintersemester zurückmelden. Um im nächsten Semester weiter studieren zu können, müssen die Langzeitstudenten erst nachweisen, dass sie die Auflagen erfüllt haben, die ihnen vom Prüfungsamt auferlegt wurden. Damit soll es den Studenten erschwert werden, den Studienabschluss unnötig hinauszuzögern.

Doch auch in Studiengängen, die offiziell nicht mehr im Vorlesungsverzeichnis aufgelistet werden, ist es für die Studierenden weiterhin möglich, sich zur Abschlussprüfung anzumelden – auch wenn nach 2011 keine gesonderten Lehrangebote mehr für diese Studiengänge bereit gestellt werden. Sollten für die Zulassung zur Prüfung nach den Beratungsgesprächen doch noch Leistungsnachweise fehlen, ist es auch hier üblich einzelfallbezogene Lösungen auszuhandeln.

Einen konkreten Stichtag gibt es für die auslaufenden Studiengänge also nicht. In den Hochschulverträgen der Universitäten mit dem Land Berlin ist lediglich ein Ende der alten Abschlüsse Diplom, Magister und Staatsexamen für 2013 vorgesehen – Ausnahmen inklusive. „Eine Exmatrikulation aufgrund eines auslaufenden Studienganges erfolgt an der Freien Universität Berlin nicht“, sagt Goran Krstin, Pressesprecher des Präsidenten der Freien Universität Berlin. Voraussetzung sei jedoch, wie bei den Bachelor- und Masterstudierenden auch, dass die Voraussetzungen für eine Rückmeldung gegeben seien. Doch die befürchtete Welle von Zwangsexmatrikulationen wird in Berlin ausbleiben.

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