Libyen

Rebellen rücken in Vororte von Tripolis ein

Von Zivilisten bejubelt sind am Sonntagabend Rebellenkämpfer in Vororte der libyschen Hauptstadt Tripolis eingerückt. Machthaber Gaddafi zeigt sich in einer Audiobotschaft weiter siegessicher und dementiert seine Flucht.

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Sechs Monate nach Ausbruch des libyschen Bürgerkriegs sind die Aufständischen erstmals in die Hauptstadt Tripolis vorgedrungen.

Video: Reuters
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Nach sechsmonatigen Kämpfen gegen die Truppen von Machthaber Muammar al-Gaddafi haben die libyschen Aufständischen am Sonntagabend die Hauptstadt Tripolis erreicht. Kampfeinheiten der Rebellen trafen am Abend in den westlichen Randbezirken ein, ohne auf Widerstand zu stoßen. Im Vorort Dschansur seien sie von jubelnden Menschen begrüßt worden, berichteten Reporter der Nachrichtenagentur AP, die die Kämpfer begleiteten.

Kurz zuvor hatte Gaddafi die Bewohner von Tripolis zur Verteidigung der Hauptstadt aufgerufen. „Jetzt ist es an der Zeit, für eure Politik, euer Öl, euer Land zu kämpfen“, rief er in einer am Sonntagabend vom staatlichen Fernsehen gesendeten Audiobotschaft. „Ich bin mit euch in Tripolis – gemeinsam bis zum Ende der Welt.“ Es war die zweite Botschaft innerhalb von 24 Stunden und es hörte sich an, als ob er über Telefon spreche.

Nur wenige Stunden zuvor hatten die Rebellen einen Stützpunkt einer von Gaddafis Sohn Chamis befehligten Eliteeinheit erobert und sich mit dort gelagerten Waffen der sogenannten Chamis-Brigade versorgt. Lastwagenweise transportierten sie den Nachschub ab. „Das ist das Eigentum des libyschen Volkes, das gegen uns eingesetzt wurde“, sagte der Kämpfer Ahmed al Adschal. „Jetzt werden wir es gegen (Gaddafi) und jeden anderen Diktator einsetzen, der sich gegen das libysche Volk stellt.“

Die Aufständischen sagten, sie hätten auf dem Stützpunkt zwischen 300 und 400 Häftlinge befreit. Ein Reporter der AP sah Dutzende befreite Gefangene in Autos auf dem Weg Richtung Westen fahren. Einer der Gefangenen sagte, er sei vor vier Monaten von Gaddafi-treuen Soldaten gefangen genommen und in der Haft gefoltert worden. „Wir saßen in unseren Zellen als wir plötzlich Gewehrfeuer hörten und Menschen, die 'Gott ist groß' riefen. Wir wussten nicht, was los war und als die Rebellen hereinkamen, sagten sie 'Wir sind auf eurer Seite'. Dann haben sie uns freigelassen“, sagte der 23-jährige Madschid al Hodeiri.

Kämpfe zwischen „schlafenden Zellen“ und Regierungstruppen in Tripolis

In Tripolis nahmen am Samstag und Sonntag von der Opposition als „schlafende Zellen“ bezeichnete Rebellen den Kampf gegen Gaddafis Truppen auf. In der Nähe des Rixos-Hotels, in dem ausländische Journalisten untergebracht sind, war am Sonntag schweres Gewehrfeuer zu hören und Rauch zu sehen. „Wir haben Angst und bleiben in unseren Häusern, aber die Jungen gehen raus und bewachen unsere Häuser“, sagte eine Frau aus einem den Rebellen freundlich gesinnten Stadtteil.

Unterdessen demonstrierten in den Stadtteilen Faschlum, Suk al Dschuma, Tadschura und Dschansur Tausende Menschen gegen Gaddafi. In mindestens einem der Viertel hätten auf Dächern postierten Scharfschützen auf die Demonstranten geschossen, sagte Rebellenkommandeur Muchtar Lahab.

Angesichts der jüngsten Erfolge der Aufständischen in Tripolis kündigte Regierungssprecher Mussa Ibrahim erbitterten Widerstand an. „Es gibt Abertausende Soldaten, die bereit sind, die Stadt zu verteidigen“, sagte er auf einer Pressekonferenz.

Ein Rebellensprecher forderte die NATO am Sonntag auf, in Tripolis Kampfhubschrauber gegen die Gaddafi-treuen Truppen einzusetzen. „Wir fordern mehr Apache-Aktionen“, sagte der Botschafter der libyschen Aufständischen in den Vereinten Arabischen Emiraten, Aref Ali Najed. Bei Apaches handelt es sich um Kampfhubschrauber des US-Heeres.

Die grundsätzliche Strategie sei in den vergangenen Tagen nicht verändert worden, teilte die NATO mit. „Die anhaltende und gemeinsame Aktion der NATO zeigt eine offensichtliche Wirkung“, sagte NATO-Sprecher Oberst Roland Lavoie am Sonntag. „Die Gaddafi-treuen Truppen verlieren Stück für Stück ihre Fähigkeit zu befehlen, zu kämpfen und durchzuhalten.“

Rebellen planen für Zeit nach Gaddafi

Angesichts ihrer Erfolgsmeldungen von der Front nahmen Vertreter der Rebellen in Dubai Planungen für die Zeit nach Gaddafi auf. Ziel sei es, die Lage in dem nordafrikanischen Land nach einer Vertreibung von Gaddafi zu stabilisieren, hieß es. Der Vorsitzende eines sogenannten Stabilisierungsteams in Dubai, Ahmed Dschehani, sagte am Sonntag, eine Übergangsphase sei bereits eingeleitet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte Gaddafi zum Rückzug von der Staatsspitze auf. Es wäre gut, „wenn er möglichst schnell aufgibt“, sagte die CDU-Vorsitzende am Sonntag im ZDF. So könnte Gaddafi weiteres Blutvergießen in seinem Land vermeiden.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière verteidigte unterdessen den Einsatz deutscher Soldaten im Gefechtsstand für den NATO-Einsatz in Libyen. Dafür werde kein neues Mandat des Bundestags gebraucht, sagte der CDU-Politiker am Samstag in Berlin. Hintergrund ist der Einsatz von elf Luftwaffen-Soldaten, die nach Kriegsbeginn im März in den neu gebildeten Gefechtsstand eines italienischen NATO-Hauptquartiers entsandt wurden. De Maizière bestätigte, dass deutsche Soldaten wie „viele andere auch“ mit der Zielerfassung für NATO-Kampfjets befasst seien.

US-Präsident Barack Obama wird auch in seinem Urlaub auf Martha's Vineyard ständig über die Entwicklung in Libyen auf dem Laufenden gehalten. Anti-Terror-Berater John Brennan sei mit Obama auf der Insel im US-Staat Massachusetts und habe den Präsidenten über die Kämpfe um Tripolis informiert, sagte ein Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, am Sonntag. Zudem habe Obama Berichte von US-Teams aus der Rebellenhochburg Bengasi erhalten.