Bürgerkrieg in Libyen

Tausende demonstrieren in Tripolis gegen Gaddafi

Tausende Menschen haben am Sonntag in Tripolis gegen Muammar al-Gaddafi demonstriert. Der libysche Machthaber soll die Hauptstadt bereits verlassen haben. Auch die GSG 9 ist angeblich in Libyen im Einsatz.

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Sechs Monate nach Ausbruch des libyschen Bürgerkriegs sind die Aufständischen erstmals in die Hauptstadt Tripolis vorgedrungen.

Video: Reuters
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In mehreren Vierteln von Tripolis haben am Sonntag Tausende gegen Machthaber Muammar al-Gaddafi demonstriert. Sie trotzten dabei auch der Gefahr durch auf Dächern postierten Scharfschützen. Kampftruppen der Rebellen rückten derweil von Westen bis auf 25 Kilometer an die Hauptstadt heran, meldete die Nachrichtenagentur AP. Schweres Maschinengewehrfeuer und Explosionen waren zu hören.

Nach nächtlichen Kämpfen zwischen Aufständischen und Regierungstruppen in Tripolis soll der bedrängte Machthaber Muammar al-Gaddafi die Hauptstadt in Richtung algerische Grenze verlassen haben. Aus gut informierten Kreisen in Tripolis verlautete am Sonntag, er halte sich mit seiner Familie in einer Region unweit der Grenze auf. Im Stadtzentrum, das noch von Gaddafis Anhängern kontrolliert wird, herrschte am Sonntagvormittag wieder Ruhe.

Eine Bestätigung für die Nachricht von der Flucht Gaddafis aus Tripolis gab es zunächst aber nicht – weder von den Rebellen noch von algerischer Seite. Ein Beamter des Außenministeriums in Algier sagte auf Anfrage, Gaddafi halte sich derzeit nicht in Algerien auf.

Das libysche Fernsehen hatte in der Nacht eine vorab aufgezeichnete Rede von Gaddafis Sohn Seif al-Islam vor einer Gruppe von Anhängern ausgestrahlt. Darin sagte dieser, es sei ausgeschlossen, dass er und sein Vater das Land verlassen würden.

Nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ sind auch Beamte der Bundespolizei-Eliteeinheit GSG 9 in Libyen im Einsatz. Die Polizisten wurden dem Bericht zufolge in die Rebellen-Hochburg Bengasi entsandt, um dort den Schutz des deutschen Verbindungsbüros sicherzustellen.

Das Büro war im Mai eingerichtet und Mitte Juni bei einem Besuch von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) in Bengasi offiziell eröffnet worden.

Rebellen beherrschen Teile von Tripolis

In der Nacht hatte es in Tripolis Kämpfe zwischen Gaddafis Truppen und Aufständischen gegeben. Nach Angaben von Augenzeugen werden die Viertel Tadschura und Suk al-Dschumaa inzwischen von den Rebellen beherrscht. Die Kämpfer hätten auch die Kontrolle über den Internationalen Flughafen von Tripolis übernommen, berichtete ein Rebellensender. Anwohner hörten bis zum Morgengrauen Schüsse und Luftangriffe der Nato.

Berichte über einen Vorstoß der Rebellen bis auf Tripolis konnte die Nato nach eigenen Angaben nicht bestätigen. Sprecher Oberst Roland Lavoie sagte am Sonntag in Brüssel, die Lage verändere sich allerdings ständig. Es sei schwer den Frontverlauf genau zu bestimmen.

In einer während der Gefechte im staatlichen Fernsehen übertragenen Audiobotschaft nannte Gaddafi die Rebellen „Verräter“ und „Ratten“ und beschuldigte sie, Libyen zerstören zu wollen. Seine Anhänger rief er auf, in Massen die Rebellion zu beenden. Die europäischen Länder und namentlich Frankreich bezichtigte er, hinter dem libyschen Öl her zu sein.

Der arabische Fernsehsender al-Arabija berichtete, die Aufständischen hätten Dutzende Soldaten Gaddafis gefangen genommen. Doch auch die Aufständischen erlitten hohe Verluste. Allein bei den Gefechten im Stadtviertel Tadschura kamen nach Angaben eines Rebellenführers laut Al-Dschasira mindestens 123 Aufständische ums Leben.

Nato fliegt Angriffe

Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, sagte dem Sender al-Dschasira, dass alle Aktionen vorbereitet und koordiniert seien. Die Nato hatte ihre Kampfeinsätze am Samstag stark auf Libyens Hauptstadt konzentriert. Die Kampfjets der internationalen Truppen hätten allein in Tripolis 22 Ziele angegriffen, berichtete die Nato am Sonntag in Brüssel.

Attackiert wurden demnach Militäreinrichtungen, Lagerhallen, gepanzerte Fahrzeuge, Raketen und Raketenwerfer sowie Radarsysteme. Insgesamt habe die Nato am Samstag 36 Kampfeinsätze über Libyen geflogen. Neben Tripolis griff das Bündnis auch Ziele in Sirte, al-Brega und Slitan an.

Aus der Industriezone der monatelang umkämpften und zuletzt von den Rebellen eingenommenen Öl- und Hafenstadt al-Brega mussten sich die Aufständischen nach eigenen Angaben wegen starken Beschusses durch die Gaddafi-Truppen am Sonnabend wieder zurückziehen.

Der Übergangsrat der Rebellen hatte in den vergangenen Monaten mehrfach erklärt, für die Eroberung von Tripolis setzte man auf den „Kollaps des Regimes“ und die Unterstützung durch „geheime Zellen“ von Sympathisanten in Tripolis. In den vergangenen Tagen hatten die Rebellen auf ihrem Vormarsch nach Tripolis große Geländegewinne erzielt.

Ehemalige Nummer zwei des regimes setzt sich ab

Unterdessen setzte sich die frühere Nummer zwei des libyschen Regimes nach Angaben der tunesischen Nachrichtenagentur TAP offenbar ab und reiste nach Italien weiter. Abdel Salam Dschallud sei vom Flughafen der Insel Dscherba aus nach Italien gestartet, berichtete TAP am Sonnabend. Den Aufständischen in Libyen zufolge hat sich der frühere Ministerpräsident von Gaddafi losgesagt. Dschallud hatte Gaddafi bei dessen Putsch 1969 maßgeblich unterstützt. Er war zwei Jahrzehnte lang der engste Vertraute des Staatschefs, bis beide sich in den 90er-Jahren zerstritten.

TAP zufolge ist außerdem ein weiterer ranghoher Vertreter Libyens von einer Auslandsreise nicht in seine Heimat zurückgekehrt. Ölminister Omrane Bukraa sei nach Italien gereist und eigentlich am Donnerstag wieder in Libyen erwartet worden, berichtete die Nachrichtenagentur. Tunesien erkannte den Übergangsrat der libyschen Rebellen laut TAP als einzige legitime Vertretung der libyschen Bevölkerung an. TAP vermeldete die Entscheidung am Samstag unter Berufung auf das Außenministerium in Tunis. Bislang hatte sich Tunesien in dem seit Monaten andauern Konflikt neutral verhalten. Frankreich und Italien gehörten zu den ersten Staaten, die den Übergangsrat der Aufständischen als legitime Regierung anerkannt hatten.