Massaker in Norwegen

Stoltenberg und sein Leben nach den Attentaten

Nach den Anschlägen von Oslo und Utoya hatte Jens Stoltenberg den schwersten Job im Land. Im Interview mit Morgenpost Online spricht der norwegische Ministerpräsident über seine Trauer und wie das Massaker sein Land verändert hat.

Foto: Sigurd Fandango/Aftenposten

8 Uhr, 23.Juli 2011, Pressekonferenz in der Wohnung des Ministerpräsidenten. Jens Stoltenberg zögert. Hält sich verkrampft am Manuskript fest, wirkt fern. Er hat nicht geschlafen, hat in den Nachtstunden die Meldungen von Polizeidirektor Øystein Mæland gelesen, in denen von mindestens 80 Toten auf Utoya berichtet wird. Ermordet von Anders Behring Breivik. „Das ist wie ein Albtraum“, sagt ein bleicher Stoltenberg in die Fernsehkameras.

Das ist jetzt vier Wochen her. Vier lange Wochen Ausnahmezustand. Stoltenberg selbst hat an sieben Beerdigungen teilgenommen und sechs große Reden gehalten. Er traf viele Hundert Überlebende von Utoya, Väter, Mütter und Freunde. Er hörte vielfach einfach zu – Geschichten über junge Menschen, die nicht nach Hause kamen. Aber auch Ausnahmezustände haben ihre Etappen, ihre Entwicklung – und ein Ende.

Am Dienstag dieser Woche hat Jens Stoltenberg das neue Semester für die Studenten an der Universität Nordland in Bodø (Nordnorwegen) eröffnet. Der Terror wirft lange Schatten über den Besuch – es ist Stoltenbergs erste reguläre Amtshandlung seit dem 22.Juli. Stoltenberg hält eine Rede über die Angriffe auf die Demokratie. Auch hier an der Universität trifft er auf Jugendliche, die das Massaker auf Utoya überlebt haben. Aber etwas Neues hat sich eingeschlichen.

Er erlaubt sich ein paar Scherze in seiner Rede, darüber, ob er ein eifriger Student war. Und auch wenn er einen dunklen Anzug trägt, hat er – zum ersten Mal seit dem 22.Juli – einen Schlips mit kleinen weißen Punkten gewählt. Die Wahl ist durchdacht, er hat sie mit den Mitarbeitern seines Büros diskutiert.

Stoltenberg hat in den vergangenen Tagen am letzten Begräbnis für ein Opfer des 22. Juli teilgenommen, die nationale Erinnerungsstunde in Oslo vorbereitet und sich trotzdem, mit kleinen Schritten, aus der schlimmsten Trauerphase hinausbewegt. „Wir hatten einen Tunnelblick. Das geht nun langsam vorbei“, sagt einer seiner Mitarbeitern.

Der Ministerpräsident redet jetzt im Interview zum ersten Mal über seine eigene Trauer. Über den Attentäter Anders Behring Breivik. Über Schuldgefühle und darüber, dass man hinterher immer schlauer ist. Darüber, wie Norwegen sich verändern wird. Und über seinen Stab, der die Regierung aus der ersten Etage in Stoltenbergs Wohnung in den vergangenen vier Wochen geleitet hat.

Am Abend des 22.Juli, wenige Stunden nachdem das Büro des Ministerpräsidenten in die Luft gesprengt wurde, war die Wohnung des Ministerpräsidenten hinter dem Schloss bereits in eine Regierungszentrale umfunktioniert. Mit einem Schlafzimmer, das als Büro benutzt wird und einem Treffpunkt in der kleinen beigen Sofagruppe im Erdgeschoss. Es funktioniert – abgesehen davon, dass es ständig eine Schlange an den beiden Druckern gibt, die auf dem Boden im Wohnzimmer stehen.

Der Zusammenhalt im Stab, den der Ministerpräsident selbst ganz einzigartig nennt, trägt dazu bei, dass Stoltenberg das intensive Krisenmanagement in den ersten zehn Tagen gut bewältigt. Ebenso wie die nächste Phase, die langen Wochen nach dem 2.August, als Stoltenberg beinahe täglich an Begräbnissen teilnimmt. Während sich viele Norweger in diesen zwei Wochen vom Geschehen langsam entfernen, ist Stoltenberg beinahe versunken in Sorge, erfüllt von so viel Nähe und so viel Trauer, wie er selbst sagt. Und jetzt hat der schwarze Schlips weiße Punkte bekommen.

Morgenpost Online: Herr Ministerpräsident, im vergangenen Herbst beschrieb Sie Ihr eigener Pressechef als „furchtbar maschinenmäßig“. In den vergangenen vier Wochen haben Sie geweint, umarmt und Trauernde getröstet. Haben Sie sich selbst überrascht?

Jens Stoltenberg: Nein. Ich erlebe es so, dass nun Seiten von mir benötigt werden, für die es vorher keinen Bedarf gab. Ich habe nicht aufgehört, mich um die Wirtschaft oder Arbeitsplätze zu kümmern. Aber in diesen Wochen waren menschliche Sorge und Wärme das Wichtigste. Das war ganz natürlich.

Morgenpost Online: Sie waren selbst sehr persönlich geworden in vielen der Trauerfeiern. Sie haben geweint und darüber gesprochen, dass Sie selbst Vater seien. Warum?

Jens Stoltenberg: Das trifft mich auch sehr persönlich. Es ist mir nahegegangen wie allen anderen. Das wollte ich vermitteln. Ich sehe, dass die Hinterbliebenen das wertschätzen.

Morgenpost Online: Manchmal wirken Sie ein wenig geniert im Umgang mit Menschen, die sie gar nicht kennen. Aber bei den Treffen mit den Trauernden wirkten Sie sehr resolut.

Jens Stoltenberg: Ich erlebe, dass es sehr wichtig ist, die Trauernden zu treffen. Auf sie zuzugehen, mit ihnen über persönliche Dinge zu reden; es ist niemals falsch, das zu tun. Jemand kann vielleicht ein wenig unzugänglich wirken, aber gleichzeitig froh über eine Umarmung, einige Worte sein. Solche Treffen haben eine Bedeutung, sie haben einen Zweck.

Morgenpost Online: Seit dem 22.Juli waren Sie bei sieben Begräbnissen, haben Dutzende Reden gehalten, viel gearbeitet. Woher nehmen Sie die Kraft dafür?

Jens Stoltenberg: Nach den ersten Nächten, in denen es wenig Schlaf gab, bin ich dazu übergangen, früh zu Bett zu gehen.

Morgenpost Online: Haben Sie Sport gemacht?

Jens Stoltenberg: Ja, einige Fahrradtouren. Zu schlafen und zu trainieren, das ist wichtig für mich. Besonders jetzt. Und ich erhalte viel Energie bei den Treffen mit den Trauernden. Ich bekomme Wärme und Menschlichkeit, daraus ziehe ich auch Stärke – und von meiner Familie, die hinter mir steht.

Morgenpost Online: Sie hatten ja auch Ihre engsten Mitarbeiter bei sich zu Hause wohnen.

Jens Stoltenberg: Ich habe mein Büro jetzt im Erdgeschoss bei mir zu Hause. Wenn ich gegen 8 Uhr am Morgen nach unten komme, herrscht dort schon rege Betriebsamkeit, ebenso, wenn ich nach oben gehe und mich schlafen lege.

Morgenpost Online: Was haben diese vier Wochen mit Ihrer Abteilung gemacht?

Jens Stoltenberg: Sie haben einen Zusammenhalt geschaffen, der einzigartig gut und fest ist. Wir sind uns auch physisch alle sehr nah gekommen. Vorher saßen wir in verschiedenen Etagen und mussten Sprechanlagen und so etwas benutzen. Jetzt sind wir alle hier versammelt.

Morgenpost Online: Die norwegisch-somalische Frau Kadra Yusuf ist eine von vielen, die beschrieben hat, wie norwegische Einwanderer kurz nach dem Bombenanschlag im Regierungsviertel nach dem 22.Juli beschimpft worden sind. Wie denken Sie darüber?

Jens Stoltenberg: Ich habe viele Geschichten darüber gehört, wie Muslime sich verdächtigt und einige sogar verfolgt gefühlt haben an diesem Freitag. Das ist ein Warnzeichen. Das ist eine große Krux. Das zeugt von einem Gruppendenken, das wir bekämpfen müssen. Aber Taten werden nicht von Gruppen begangen, sondern von einzelnen Menschen.

Morgenpost Online: Sind Sie sicher, dass Norwegen auf den Terror mit dieser Umarmung von Liebe und Vielfalt geantwortet hätte, wenn hinter den Anschlägen ein Muslim gestanden hätte?

Jens Stoltenberg: Ich hoffe es, aber ganz sicher bin ich nicht. Es gibt ein Gruppendenken, das gefährlich ist. Wie wichtig es ist, den einzelnen Menschen zu sehen, glaube ich, ist eine der Lehren aus dem 22.Juli.

Morgenpost Online: Viele haben gesagt, dass Sie ein Gefühl der Erleichterung verspürten, dass der Täter ethnisch norwegisch ist. Haben Sie sich auch so gefühlt?

Jens Stoltenberg: An diesem Abend war ich so tief bekümmert und betroffen von allem, was geschah, dass Erleichterung nicht das richtige Wort ist. Aber als wir erfuhren, dass es höchstwahrscheinlich ein ethnisch norwegischer Täter war, wusste ich, dass etwas nicht eintritt, was sonst vielleicht der Fall gewesen wäre, nämlich, dass wir mehr Hass auf die muslimische Minorität in Norwegen bekommen würden.

Morgenpost Online: Sie haben bis jetzt nicht den Namen des Angeklagten Anders Behring Breivik öffentlich erwähnt. Warum nicht?

Jens Stoltenberg: Es ist nicht so, dass ich diesen Namen in allen möglichen Zusammenhängen öffentlich vermieden hätte …

Morgenpost Online: … werden Sie den Namen jetzt in diesem Interview aussprechen?

(Stoltenberg macht eine Pause)

Jens Stoltenberg: Ich habe mir kein absolutes Verbot auferlegt, seinen Namen zu verwenden. Ich kann sagen: Anders Behring Breivik. Es wäre zu anstrengend, das zu einem absoluten Verbot zu machen. Aber ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, ihm und das, wofür er steht, nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig zukommen zu lassen. Vom ersten Abend an war es mir wichtig, dass meine Reaktionen nicht von Rache oder Strafe geprägt sein, sondern das Gute in uns ans Licht bringen sollen.

Morgenpost Online: Anders Behring Breivik war ein unglaublich durchschnittlicher Junge aus dem Osloer Stadtteil Smestad. Wie konnte er ein Massenmörder werden?

Jens Stoltenberg: Ich habe darüber nachgedacht, es ist schwierig zu verstehen und ausgesprochen kompliziert. Aber ich als Ministerpräsident will darüber nicht spekulieren.

Morgenpost Online: Haben Sie überlegt, mit der Mutter zu sprechen, die ja auch ein Opfer ist?

Jens Stoltenberg: Nein, bis jetzt habe ich darüber nicht nachgedacht. Ob es in Zukunft aktuell wird, weiß ich nicht.

Morgenpost Online: Die norwegische Zeitung „Verdens Gang“ rief Sie drei Tage nach den Angriffen zum neuen Landesvater aus. Das haben Sie überhaupt nicht gemocht. Warum?

Jens Stoltenberg: Weil ich glaube, dass die Aufmerksamkeit denen zukommen sollte, die sie verdienen. Wir dürfen nicht eine Sekunde vergessen, dass es sich um die dreht, die ihr Leben verloren haben, die schwer verletzt wurden, die grausame Dinge erlebt haben; und alle Angehörigen. Das sind Tausende von Menschen.

Morgenpost Online: Waren Sie überrascht über die Aufmerksamkeit rund um Ihre Person?

Jens Stoltenberg: Ich bin dankbar für die Wärme und Fürsorge, die die Leute zeigen, aber noch mal: Es geht hier nicht um mich.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich persönlich unsicherer seit dem 22.Juli?

Jens Stoltenberg: Nein. Ich fühle mich sicher – weil wir in einem Land leben, dass sich unter den sichersten Ländern der Welt befindet, und die Polizei mich beschützt.

Morgenpost Online: Es wurden ziemlich kritische Fragen gestellt zum Polizeieinsatz damals. Gibt es überhaupt etwas, das Sie jetzt dazu sagen können, bevor die Untersuchungskommission ihren Bericht vorgelegt hat?

Jens Stoltenberg: Nein. Es sind so ernste Fragen, dass das falsch wäre. Aber wir werden nicht auf den Schlussbericht der Kommission warten, wenn es schnellen Bedarf für Änderungen gibt.

Morgenpost Online: Muss Norwegen künftig mit einem höheren Sicherheitsniveau leben?

Jens Stoltenberg: Das wird laufend bewertet werden. Aber wir müssen uns erinnern, dass es bereits ein umfassendes Anheben der Sicherheit gegeben hat, als ich zum ersten Mal Ministerpräsident wurde. Das war vor elf Jahren. Damals hatte ich noch gar keine Leibwächter. Als Gro Harlem Brundtland Ministerpräsidentin war, wurde ihr Büro von Samen besetzt. Selbst Länder, die ein wesentlich höheres Sicherheitsniveau als Norwegen haben, konnten sich nicht gegen den Terror schützen wie London, New York oder Madrid.

Morgenpost Online: „Es gibt ein Norwegen vor dem 22.Juli und eines nach dem 22.Juli“, sagten Sie eine Woche nach dem Terror. Wie wird Norwegen sich verändern?

Jens Stoltenberg: Aus dem Bösen wächst etwas Gutes. Wir haben bereits gesehen, dass das Volk für seine Grundwerte aufsteht. Es beweist die große innere Stärke, dass das ganze Volk auf die Straße geht und sowohl Wärme als auch menschliche Sorge vermitteln kann. Es unterstützt Norwegen als demokratisches offenes Land, wo niemand sich fürchten muss und seine Meinung sagen kann.

Morgenpost Online: Aber wie wird das Ereignis künftig den politischen Arbeitsalltag prägen?

Jens Stoltenberg: Der Ton wird ein wenig behutsamer sein. In jedem Fall werden wir über Einwanderung und das multikulturelle Norwegen diskutieren. Davon abgesehen haben wir Demokratie als eine Selbstverständlichkeit angenommen. Ich glaube, dass viele sie jetzt stärker wertschätzen und sich in ihr beteiligen werden.

Morgenpost Online: Hat der 22.Juli Ihr politisches Verständnis verändert?

Jens Stoltenberg: Er hat die Erkenntnis verstärkt, wie wichtig unsere Demokratie ist; dass wir sagen können, was wir wollen, auch umstrittene Dinge, ohne Angst haben zu müssen.

Morgenpost Online: Sollte die Meinungsfreiheit deswegen ausgeweitet werden, indem man die Verbote für hasserfüllte Äußerungen abmildert?

Jens Stoltenberg: Diese Begrenzungen haben ziemlich wenig praktische Bedeutung. Es geht nicht um Paragrafen, sondern um die Fesseln, die man sich selbst anlegt. Ich meine, dass die Leute sicher sagen sollen, was sie meinen, aber die Einzelnen haben eine Verantwortung, ob sie andere verletzen.

Morgenpost Online: Im Internet werden die Überlebenden von Utøya angeklagt, dass sie mehr hätten machen müssen, um den anderen zu helfen. Wie soll man sich dazu verhalten?

Jens Stoltenberg: Ich habe das selbst nicht gesagt, aber viele haben das erwähnt. Zuallererst meine ich, dass wir glücklich sein sollten über alle, die überlebt haben. Wir, die wir nicht da waren, können es uns nicht vorstellen, wie unübersichtlich es auf der Insel war und wie schwierig es war, etwas für die anderen zu tun.

Morgenpost Online: Möchten Sie etwas zu den Überlebenden von Utøya sagen, die Schuld empfinden?

Jens Stoltenberg: Es gibt nur einen, der Schuld hat: der Täter. Alle Versuche, anderen eine Teilschuld zu geben, verringern seine Verantwortung. Wir dürfen nie vergessen, dass der Täter die Verantwortung und die Schuld trägt für alle Leben, die verloren gingen.

Morgenpost Online: Spüren Sie persönlich Verantwortung, weil es in Ihrer Amtsperiode als Ministerpräsident passierte?

Jens Stoltenberg: Ich spüre Verantwortung für alles, was wir tun und für alles, was wir nicht getan haben, um uns gegen diese Angriffsart zu verteidigen, weil ich Ministerpräsident von Norwegen bin. Deswegen war ich so viel wie möglich bei denen, die getroffen worden sind, habe die Trauer einer ganzen Nation vermittelt, aber auch die Initiative ergriffen, dass wir die ehrliche und ungeschminkte Wahrheit erfahren über das, was am 22.Juli passierte.

Morgenpost Online: Waren Sie in irgendeiner Weise naiv vor dem Terrorangriff?

Jens Stoltenberg: Es ist viel zu früh, das zu sagen. Aber nach so einem blutigen Angriff wäre es merkwürdig, wenn wir nicht irgendetwas finden, was wir in der Zukunft anders machen müssen.

Morgenpost Online: Vor 200.000 Norwegern versprachen sie auf dem Rathausplatz in Oslo drei Tage nach dem Anschlag auf das Regierungsviertel und dem Massaker auf Utøya: „Nie mehr 22.Juli.“ Wie können Sie dieses Versprechen halten?

Jens Stoltenberg: Das ist ein großes Ziel, das eine versammelte Nation hat. Ich kann nicht ausschließen, dass wir noch einmal Terror in Norwegen erleben werden. Eine solche Garantie kann ich nicht geben. Aber wir müssen tun, was wir können, um das zu vermeiden. Durch Sicherheitsmaßnahmen und durch das Schaffen einer guten Gemeinschaft und guter Einstellungen.

Jens Stoltenberg: Das Interview erscheint zeitgleich in der norwegischen Zeitung „Aftenposten“.