Schweigeminute

Um 12 Uhr stand Berlin still

Der 13. August 1961 war der tiefste Einschnitt in der Geschichte Berlins seit 1945. Heute – genau 50 Jahre später – stoppten punkt 12 Uhr Busse und Bahnen für eine Schweigeminute - und viele Berliner hielten inne.

Mit einer Schweigeminute ist am Samstag in Berlin der Opfer des Mauerbaus gedacht worden. Um 12.00 Uhr läuteten Kirchenglocken, Busse und Bahnen stoppten kurz, Menschen hielten inne. Opferverbände hatten zu der Schweigeminute aufgerufen. Zum Gedenken an die Maueropfer wehten am Samstag Flaggen auf Halbmast. An der ganzen Stadt hielten die Menschen kurz inne - am Mauermuseum am früheren Grenzkontrollpunkt Checkpoint Charlie wie auch beim zentralen Gedenken in der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße.

Bundespräsident Christian Wulff hatte dort kurz zuvor in seiner Gedenkrede dazu aufgerufen, weltweit für Demokratie und Menschenrechte einzutreten. Die Erinnerung an das Unrecht der Mauer mahne dazu, diejenigen nicht allein zu lassen, die für Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte kämpften, sagte das Staatsoberhaupt. Wulff erinnerte auch an den Fall der Mauer 1989. Das Ende der Teilung Deutschlands könne Mut machen. Die Mauer sei nicht gefallen, sondern umgestürzt worden. Auch jetzt seien Veränderungen erreichbar und noch mehr wirkliche Freiheit in Deutschland möglich. Dazu gehöre auch, Zuwanderer besser zu integrieren und für alle in der Gesellschaft noch mehr Entfaltungsmöglichkeiten zu schaffen.

Merkel sieht Mauer als weltweite Mahnung für Freiheitskampf

Bundeskanzlerin Angela Merkel erinnerte ganz persönlich an den Mauerbau. Die CDU-Vorsitzende sagte: „Ich selbst, die ich 1961 sieben Jahre alt war, erinnere mich des Schreckens, den der Mauerbau auch in meiner Familie auslöste. Auch wir wurden gewaltsam von Tanten und Großeltern getrennt. Umso unvergesslicher bleibt mir, wie glücklich der Fall dieses entsetzlichen Bauwerkes uns Deutsche 1989 schließlich gemacht hat. Dieses Erlebnis hat meinem und Millionen von Leben eine Wendung zum Guten gegeben. Es wird mich immer leiten“, sagte Merkel in Berlin.

Die Bundeskanzlerin bezeichnete das Unrecht des Mauerbaus als weltweite Mahnung, für Freiheit und Demokratie zu kämpfen. Wir dürfen den 13. August 1961 und das Leid, das er über Millionen von Menschen gebracht hat, nie vergessen. Das Unrecht des Mauerbaus mahnt uns bis heute, bei uns zu Hause und weltweit für Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte einzutreten“, sagte Merkel.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) dankte den DDR-Bürgerrechtlern und osteuropäischen Freiheitsbewegungen. „Sie haben den Weg zur Überwindung der Teilung geebnet.“ Besonders dankte er dem früheren sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow. Die DDR sei ein Unrechtsstaat gewesen, betonte der SPD-Politiker. Der 13. August 1961 sei der traurigste Tag in der jüngeren Geschichte der Stadt gewesen.

Vor 50 Jahren, am 13. August 1961, begann der Bau der menschenverachtenden Grenze auf Befehl der DDR-Führung unter Walter Ulbricht. Damit wurde die deutsche Teilung zementiert, die erst am 9. November 1989 zu Ende ging. Durch das DDR-Grenzregime starben mindestens 136 Menschen an der Berliner Mauer.

Gedenken an Maueropfer in der Kapelle der Versöhnung

Seit Mitternacht wurden in der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße die Biografien von Maueropfern gelesen und Kerzen entzündet. In der Kapelle auf dem früheren Todesstreifen erinnerten frühere Bürgerrechtler und Angehörige an die Menschen, die bei Fluchtversuchen ums Leben kamen.

Etwa 50 Zuhörer verfolgten in der nach der Wende errichteten Kapelle die Geschichten von Mauertoten wie Chris Gueffroy, der am Grenzzaun erschossen wurde, und Winfried Freudenberg, der mit einem selbst gebastelten Ballon über West-Berlin in den Tod stürzte. Im Publikum saßen auch junge Menschen, die beim Fall der Mauer 1989 noch Kinder waren.

Debatte über Mauer-Aussagen der Linkspartei-Chefin

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) forderte indes, „Gedankenlosigkeit und auch Unkenntnis“ zu Teilung und Mauerbau zu überwinden. Darüber sollte in Schulen und Familien mehr gesprochen werden. Der SPD-Politiker warnte vor einer Verklärung der DDR: „Für Unrecht, für die Verletzung der Menschenreche, für Tote durch Mauer und Stacheldraht gibt es keine guten Gründe.“ Er habe kein Verständnis für die Relativierung der Schrecken der Mauer. „Die Berliner Mauer war und bleibt eine Schande, und das muss deutlich gesagt werden“, so Wowereit.

Zu dem Jahrestag war der Streit um die Haltung der Linkspartei zum Mauerbau neu aufgeflammt. In der Linkspartei betrachten manche den Mauerbau primär als Folge des Zweiten Weltkriegs und nicht als politische Entscheidung der Führungen von Sowjetunion und DDR. Linke-Vorsitzende Gesine Lötzsch war vor diesem Hintergrund wegen ihrer Äußerungen zum Mauerbau heftig kritisiert worden. FDP und CDU werfen insbesondere Linkspartei-Chefin Gesine Lötzsch eine Verhöhnung der Opfer vor.

Wowereit wird neben Wulff sowie Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und der früheren DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier bei der Gedenkveranstaltung ab 10.00 Uhr sprechen. Kanzlerin Merkel steht nicht auf der Rednerliste.

An der Bernauer Straße wird auch der zweite Abschnitt einer Mauer-Erinnerungslandschaft auf dem einstigen Grenzstreifen eröffnet. Die Bernauer Straße galt als Symbol der Teilung, weil die Häuser zum Osten gehörten und der Bürgersteig im Westen lag.

Protest gibt es in der Hauptstadt zudem gegen eine geplante Kundgebung der rechtsextremistischen NPD an dem Gedenktag. Laut Polizei sind Gegendemonstrationen angemeldet.