Teenager-Affäre

Boetticher schrieb "Hunderte E-Mails und SMS"

Wegen einer Beziehung zu einer 16-Jährigen ist Schleswig-Holsteins CDU-Landeschef Christian von Boetticher zurückgetreten. Die junge Frau, heute 17, sagte, es sei Liebe gewesen. Und berichtet von gemeinsamen Tagen in einem Düsseldorfer Hotel.

Neun Monate vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein ist der CDU-Spitzenkandidat Christian von Boetticher über eine Affäre mit einer Minderjährigen gestolpert. Boetticher trat am Sonntagabend vom Amt des Landesvorsitzenden seiner Partei zurück und steht als Nachfolger von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) nicht mehr zur Verfügung.

"Wir hatten Sex"

Die damals 16-jährige Geliebte des CDU-Politikers ist inzwischen 17 Jahre alt, lebt in Düsseldorf und äußerte sich nun gegenüber der Boulevardzeitung „Express“ . Von Boetticher habe ihr „Hunderte Mails und SMS“ geschrieben. Kennen gelernt hatten sich der 38 Jahre alte Politiker und der Teenager bei Facebook. Mehrere Monate habe es dann ein erste persönliches Treffen gegeben, „im Steigenberger in Düsseldorf, wo wir Sex hatten“, zitiert der „Express“ die junge Frau: „Zwei Tage lang blieben wir im Hotel.“

Der „Express“ nennt die 17-Jährige „Kathie S.“ und zitiert sie weiter mit den Worten: „Es war Liebe. Ich kann bis heute nichts Schlechtes über Christian sagen. Schließlich steckt hinter dem Politiker auch nur ein Mensch mit Gefühlen.“ Sie vermute, dass jemand, der sich an Boetticher habe rächen wollen das Verhältnis zwischen dem Spitzenkandidaten und dem Teenager bekannt gemacht habe.

Im Frühjahr 201 soll die Beziehung der beiden beendet gewesen sein. Dann aber erschienen am Sonntag mehrere Berichte über den unverheirateten Boetticher und seine junge Geliebte. Der Spitzenkandidat der CDU Schleswig-Holstein trat daraufhin am Boetticher am Sonntagabend zurück – für die Partei ein Problem, sie verlor Landeschef und den potenziellen Nachfolger von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) auf einen Schlag.

Carstensen hatte der „Bild am Sonntag„ gesagt, er habe Boetticher empfohlen, „sehr offen und sehr offensiv mit diesen Gerüchten umzugehen“. „Ich bin davon überzeugt, dass Christian von Boetticher auch aus diesen Gesprächen die richtigen Schlüsse ziehen wird“, ergänzte Carstensen.

Die stellvertretende CDU-Landesvorsitzende Angelika Volquartz sagte, diese Liebesbeziehung sei zwar „unstrittig rechtlich zulässig gewesen“, erklärte Volquartz. „Christian von Boetticher hat aber deutlich gemacht, dass er die moralische Komponente falsch eingeschätzt hat.“

Was das Gesetz sagt

Tatsächlich sind sexuelle Beziehungen zu Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren laut Paragraf 182 des Strafgesetzbuches nur dann strafbar, wenn eine Zwangslage der minderjährigen Person ausgenutzt wird – was hier nach Angaben von Boettichers Geliebten nicht der Fall war. Besonderes Augenmerk legt der Gesetzgeber darauf, ob ein Erwachsener ein Erziehungs-, Ausbildungs- oder Betreuungsverhältnis zu Minderjährigen ausnutzt. Möglich sind Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren.

Strafbar ist zudem bezahlter Sex mit Minderjährigen. Dazu heißt es im Gesetz: „Ebenso wird eine Person über achtzehn Jahren bestraft, die eine Person unter achtzehn Jahren dadurch missbraucht, dass sie gegen Entgelt sexuelle Handlungen an ihr vornimmt oder an sich von ihr vornehmen lässt.“

Geht es um Kinder unter 14 Jahren, sind sexuelle Handlungen laut Paragraf 176 strafbar. Die Freiheitsstrafe kann hier von sechs Monaten bis zu zehn Jahren betragen. Wird der Fall als besonders schwer eingestuft, sollte die Strafe dem Strafgesetzbuch zufolge nicht unter einem Jahr liegen. Bestraft werden auch Anweisungen an Jungen und Mädchen unter 14 Jahren, sexuelle Handlungen an einem Dritten vorzunehmen.

Volquartz verwies darauf, dass sich von Boetticher öffentlich entschuldigt und die Konsequenzen gezogen habe. „Diese Konsequenzen dienen seinerseits vor allem dem Schutz seiner Privatsphäre.“ In einer Erklärung auf der Website der CDU Schleswig-Holstein heißt es, von Boetticher habe "die moralische Komponente falsch eingeschätzt".

Rücktritt - nach drei Monaten als Spitzenkandidat

Bei seiner Rücktrittserklärung am Sonntagabend hatte sich von Boetticher zu seiner damaligen Liebesbeziehung bekannt und von einem „politischen Fehler“ gesprochen. „Ich habe zu diesem Zeitpunkt keinerlei Beziehung zu einer anderen Frau gepflegt, so dass man nicht von einer Affäre sprechen kann“, erklärte er. Das Verhältnis zu dem Teenager stammt aus der Zeit vor Boettichers Nominierung zum Spitzenkandidaten.

Boetticher war erst vor drei Monaten zum Spitzenkandidaten für die Wahl im Mai 2012 nominiert worden. Im September 2010 wurde er zum Landesvorsitzenden gewählt und damit Nachfolger von Carstensen, als dessen Kronprinz er seit langem galt. Die Landtagsfraktion führt von Boetticher seit 2009. In Schleswig-Holstein wird am 6. Mai 2012 vorzeitig ein neuer Landtag gewählt, weil das alte Wahlrecht vom Landesverfassungsgericht als verfassungswidrig eingestuft worden war.

Derzeit regiert in Schleswig-Holstein die CDU zusammen mit der FDP. In der Großen Koalition mit der SPD, die im Sommer 2009 geplatzt war, hatte von Boetticher den Posten des Landwirtschaftsministers inne. Der Jurist und Reserveoffizier der Bundeswehr war zudem zwischen 1999 und 2004 Europaabgeordneter.

Der aktuellsten Umfrage vom Mai zufolge war die CDU mit 33 Prozent nur noch knapp stärkste Partei im Norden. Dicht dahinter lag die SPD mit 31 Prozent. Drittstärkste Kraft wären die Grünen mit 22 Prozent. Der CDU-Koalitionspartner FDP musste der Erhebung zufolge sogar um den Wiedereinzug in den Kieler Landtag bangen. Die Liberalen kamen nur auf vier Prozent.

Wirtschaftsminister gilt als Favorit

Als Favorit für die neue Führungsrolle in der Nord-CDU gilt dabei Wirtschaftsminister Jost de Jager. Allenfalls Außenseiterchancen werden Landtagspräsident Torsten Geerdts eingeräumt.

Dienstagabend trifft sich nun der erweiterte Landesvorstand der Nord-CDU in Kiel. Dem Gremium gehören neben den verbliebenen Mitgliedern des Landesvorstands auch die Kreischefs der Partei an. Denkbar ist, dass de Jager neben der Spitzenkandidatur auch den Landesvorsitz übernimmt. Dies würde vermutlich aber nicht sofort erfolgen. In der Union gibt es Überlegungen, Boettichers Nachfolger erst am 4. November auf dem Listenparteitag wählen zu lassen.

Der Landesschatzmeister der schleswig-holsteinischen CDU, Hans-Jörn Arp, mahnt eine rasche Lösung zur Boetticher-Nachfolge an. Beim Treffen am Dienstag müsse ein Fahrplan beschlossen werden, damit die CDU ganz schnell handlungsfähig werde, sagte Arp dem Sender NDR Info. Die Menschen müssten sehen, dass die CDU zwar einen ihrer größten Hoffnungsträger verloren habe, aber weiter regierungsfähig sei. Konkret zur Nachfolge wollte sich Arp nicht äußern.

Auch FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki forderte eine schnelle Entscheidung. „Die CDU muss den Vorfall intern klären und schnell eine Lösung finden“, sagte er dem „Hamburger Abendblatt“. Dann werde auch die FDP reagieren.

Harter Schlag für die CDU

Für die gemeinsam mit der FDP in Kiel regierende Nord-CDU ist die Entwicklung ein Dreivierteljahr vor der Wahl ein harter Schlag. Zwar gab es parteiintern immer wieder auch Kritik an von Boettichers Führungsstil, aber mit seiner Kür zum Spitzenkandidaten Anfang Mai schien für ihn alles klar zu sein. Der 64-jährige Carstensen hatte auf eine weitere Bewerbung verzichtet. Von Boetticher sollte am 4. November in Lübeck als Spitzenkandidat offiziell bestätigt werden.

Eine Umfrage im Mai sah die CDU noch knapp vor der SPD, die mit dem Kieler Oberbürgermeister Torsten Albig als Spitzenkandidat die Wahl ansteuert. Albig setzt auf ein Bündnis mit den Grünen, wofür die Chancen nach derzeitigem Stand gut stehen.

Aus dem Skandal um seinen Konkurrenten will Albig keinen politischen Vorteil ziehen. „Mir steht es nicht zu, das Privatleben von Herrn Boetticher zu beurteilen“, sagte er dem „Handelsblatt“. „Uns als SPD geht es darum, die nächste Landtagswahl zu gewinnen. Wir gewinnen, wenn wir uns gut aufstellen.“