Boettichers Rücktritt

Teenager-Affäre lässt CDU-Führung implodieren

Die CDU-Schlewig-Holsteins hat ihren Spitzenkandidaten verloren - neun Monate vor der Landtagswahl. CDU-Landeschef Christian von Boetticher gab zu, eine Beziehung zu einer 16-jährigen gehabt zu haben. Und trat zurück. Dienstag will die Nord-CDU entscheiden, wie es weitergehen soll.

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Neun Monate vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein ist der CDU-Spitzenkandidat Christian von Boetticher über eine Affäre mit einer Minderjährigen gestolpert. Boetticher trat am Sonntagabend vom Amt des Landesvorsitzenden seiner Partei zurück und steht als Nachfolger von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) nicht mehr zur Verfügung. Das teilte die stellvertretende Landesvorsitzende Angelika Volquartz nach einer Sitzung des geschäftsführenden Landesvorstandes mit.

Der 40-jährige und unverheiratete Boetticher reagierte mit seinem Rücktritt auf das Bekanntwerden einer kurzzeitigen Affäre mit einer 16-Jährigen, die Presseberichten zufolge im Frühjahr 2010 beendet worden sein soll. Diese Liebesbeziehung sei zwar „unstrittig rechtlich zulässig gewesen“, erklärte Volquartz. „Christian von Boetticher hat aber deutlich gemacht, dass er die moralische Komponente falsch eingeschätzt hat.“ Dafür habe er sich öffentlich entschuldigt und daraus die Konsequenzen gezogen. „Diese Konsequenzen dienen seinerseits vor allem dem Schutz seiner Privatsphäre.“ In einer Erklärung auf der Website der CDU Schleswig-Holstein heißt es, von Boetticher habe "die moralische Komponente falsch eingeschätzt". Am Dienstagabend soll der erweiterte Landesvorstand der Partei entscheiden, wie es nun weitergehen soll.

Boetticher war erst vor drei Monaten zum Spitzenkandidaten für die Wahl im Mai 2012 nominiert worden. Im September 2010 wurde er zum Landesvorsitzenden gewählt und damit Nachfolger von Carstensen, als dessen Kronprinz er seit langem galt. Die Landtagsfraktion führt von Boetticher seit 2009. In Schleswig-Holstein wird am 6. Mai 2012 vorzeitig ein neuer Landtag gewählt, weil das alte Wahlrecht vom Landesverfassungsgericht als verfassungswidrig eingestuft worden war.

Derzeit regiert in Schleswig-Holstein die CDU zusammen mit der FDP. In der Großen Koalition mit der SPD, die im Sommer 2009 geplatzt war, hatte von Boetticher den Posten des Landwirtschaftsministers inne. Der Jurist und Reserveoffizier der Bundeswehr war zudem zwischen 1999 und 2004 Europaabgeordneter.

Der aktuellsten Umfrage vom Mai zufolge war die CDU mit 33 Prozent nur noch knapp stärkste Partei im Norden. Dicht dahinter lag die SPD mit 31 Prozent. Drittstärkste Kraft wären die Grünen mit 22 Prozent. Der CDU-Koalitionspartner FDP musste der Erhebung zufolge sogar um den Wiedereinzug in den Kieler Landtag bangen. Die Liberalen kamen nur auf vier Prozent.

Als Favorit für die neue Führungsrolle in der Nord-CDU gilt dabei Wirtschaftsminister Jost de Jager. Allenfalls Außenseiterchancen werden Landtagspräsident Torsten Geerdts eingeräumt.

Dienstagabend trifft sich der erweitertete Landesvorstand der Nord-CDU in Kiel. Dem Gremium gehören neben den verbliebenen Mitgliedern des Landesvorstands auch die Kreischefs der Partei an. Denkbar ist, dass de Jager neben der Spitzenkandidatur auch den Landesvorsitz übernimmt. Dies würde vermutlich aber nicht sofort erfolgen. In der Union gibt es Überlegungen, Boettichers Nachfolger erst am 4. November auf dem Listenparteitag wählen zu lassen.

Für die gemeinsam mit der FDP in Kiel regierende Nord-CDU ist die Entwicklung ein Dreivierteljahr vor der Wahl ein harter Schlag. Zwar gab es parteiintern immer wieder auch Kritik an von Boettichers Führungsstil, aber mit seiner Kür zum Spitzenkandidaten Anfang Mai schien für ihn alles klar zu sein. Der 64-jährige Carstensen hatte auf eine weitere Bewerbung verzichtet. Von Boetticher sollte am 4. November in Lübeck als Spitzenkandidat offiziell bestätigt werden.

Ministerpräsident Carstensen hatte der „Bild am Sonntag„ gesagt, er habe Boetticher empfohlen, „sehr offen und sehr offensiv mit diesen Gerüchten umzugehen“. „Ich bin davon überzeugt, dass Christian von Boetticher auch aus diesen Gesprächen die richtigen Schlüsse ziehen wird“, ergänzte Carstensen. Der erweiterte CDU-Landesvorstand will in seiner nächsten Sitzung am Dienstag über die weiteren Schritte entscheiden.

FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki forderte eine schnelle Entscheidung. „Die CDU muss den Vorfall intern klären und schnell eine Lösung finden“, sagte er dem „Hamburger Abendblatt“. Dann werde auch die FDP reagieren. Eine Umfrage im Mai sah die CDU noch knapp vor der SPD, die mit dem Kieler Oberbürgermeister Torsten Albig als Spitzenkandidat die Wahl ansteuert. Albig setzt auf ein Bündnis mit den Grünen, wofür die Chancen nach derzeitigem Stand gut stehen.

Aus dem Skandal um seinen Konkurrenten will Albig keinen politischen Vorteil ziehen. „Mir steht es nicht zu, das Privatleben von Herrn Boetticher zu beurteilen“, sagte er dem „Handelsblatt“. „Uns als SPD geht es darum, die nächste Landtagswahl zu gewinnen. Wir gewinnen, wenn wir uns gut aufstellen.“