Mauer-Jahrestag

Schmerzliches Erinnern an das geteilte Berlin

Hunderte Berliner verfolgten die zentrale Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag der Mauer entlang der Bernauer Straße. Bundespräsident Wulff forderte Unterstützung für die, "die für Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte kämpfen".

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Gedenken an den Berliner Mauerbau

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In ganz Deutschland gedachten am Sonnabend die Menschen des 50. Jahrestags des Mauerbaus am 13.August 1961. Bundespräsident Christian Wulff rief dazu auf, weltweit für Demokratie und Menschenrechte einzutreten. „Die Erinnerung an das Unrecht der Mauer mahnt uns, diejenigen nicht allein zu lassen, die für Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte kämpfen“, sagte Wulff auf der zentralen Gedenkveranstaltung an der Gedenkstätte in der Bernauer Straße.

An der Veranstaltung nahmen neben dem Bundespräsidenten auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) und Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) teil. Zu den geladenen Gästen gehörte auch die DDR-Dissidentin Freya Klier, die Angehörigen des letzten Maueropfers, Chris Gueffroy, sowie weitere Opferangehörige und Widerständler. Entlang der Bernauer Straße folgten mehrere Hundert Berliner der Gedenkstunde.

Bundeskanzlerin Merkel bezeichnete das Unrecht des Mauerbaus vor 50 Jahren als weltweite Mahnung, für Freiheit und Demokratie zu kämpfen. „Wir dürfen den 13. August 1961 und das Leid, das er über Millionen von Menschen gebracht hat, nie vergessen“, sagte Merkel, die nicht selbst auf der Gedenkfeier sprach. „Das Unrecht des Mauerbaus mahnt uns bis heute, bei uns zu Hause und weltweit für Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte einzutreten.“ Der Mauerfall 28 Jahre später sei für sie persönlich ein Erlebnis gewesen, das sie immer leiten werde. „Dieses Erlebnis hat meinem und Millionen von Leben eine Wendung zum Guten gegeben. Es wird mich immer leiten.“

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) dankte den DDR-Bürgerrechtlern und osteuropäischen Freiheitsbewegungen. „Sie haben den Weg zur Überwindung der Teilung geebnet.“ Besonders dankte er dem früheren sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow. Die DDR sei ein Unrechtsstaat gewesen, sagte der SPD-Politiker. Der 13. August 1961 sei der traurigste Tag in der jüngeren Geschichte der Stadt gewesen. Wowereit rief dazu auf, die Erinnerung an die Zeit der Teilung aufrecht zu erhalten. Jüngere sollten ihre Eltern und Großeltern nach der Mauerzeit befragen. „Sie alle sind Zeitzeugen“, sagte Wowereit am Rande der Gedenkstunde.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) wandte sich gegen eine Verklärung und Verharmlosung der DDR-Geschichte. Es müsse noch mehr Aufklärung geleistet werden. Die DDR sei ohne Zweifel ein Unrechtsstaat gewesen. Gerade den früheren Bürgerrechtlern sei man es schuldig, die „Dinge beim Namen zu nennen und die Wahrheit zu sagen“.

Der Berliner Bischof Markus Dröge rief zu einem stärkeren Eintreten für die Menschenrechte auf. „Während wir der Berliner Mauer gedenken, dankbar, dass sie gefallen ist, fordern andere Mauern ihre Opfer“, sagte Dröge in der Berliner Kapelle der Versöhnung zum Gedenken an die mindestens 136 Mauertoten. Als Beispiel nannte er die Mauer zwischen Israel und Palästina, die Grenze zwischen den USA und Mexiko und die Außengrenzen Europas, die Flüchtlinge abhalten sollen.

50 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer brauche es einen „Schulterschluss aller, die für die allgemeinen und unteilbaren Menschenrechte einstehen und für den Wert einer offenen Gesellschaft kämpfen“, sagte der Bischof. Zudem rief er dazu auf, sich niemals mit Mauern abzufinden, auch nicht mit „Mauern in den Köpfen“.

Vielerorts wehten am Sonnabend Flaggen auf Halbmast.

Neben der zentralen Gedenkstunde in der Bernauer Straße fanden zahlreiche weitere Veranstaltungen statt. Am Checkpoint Charlie wurde mit Kreuzen der Maueropfer gedacht. Unweit davon an der Gedenkstelle des Maueropfers Peter Fechter wurden Kränze niedergelegt. An der Gedenkstätte Berliner Mauer fanden den ganzen Tag über Diskussionsrunden mit Zeitzeugen statt.

Alle Festredner auf der Gedenkstunde würdigten auch den 9. November 1989, an dem die Zeit der Teilung beendet wurde. „Die Mauer fiel nicht, sie wurde umgestoßen“, sagte Bundespräsident Wulf. Es sei dem Mut der Demonstranten in den ostdeutschen Städten zu verdanken, dass die Teilung überwunden werden konnte.

Seit Mitternacht wurden am Sonnabend in der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße die Biografien von Maueropfern verlesen und Kerzen entzündet.

Die Bernauer Straße galt als Symbol der Teilung, weil die Häuser zum Osten gehörten, der Bürgersteig aber bereits im Westen lag. Hier spielten sich nach dem Mauerbau dramatische Fluchtszenen ab. Menschen seilten sich aus ihren Wohnungen in den Westen ab, oder sprangen in von der Feuerwehr bereit gestellte Sprungtücher. Entlang des ehemaligen Todesstreifens verweisen 26 Infostelen und 22 großformatige Fotos an den umliegenden Häuserwänden auf gegrabene Fluchttunnel und später abgerissene Grenzhäuser.

Mit rund 28 Millionen Euro von Land, Bund und Europäischer Union entsteht auf dem früheren Todesstreifen an der Bernauer Straße auf einer Fläche von 4,4 Hektar eine Erinnerungslandschaft unter freiem Himmel. Sie kann Tag und Nacht besichtigt werden. Am Sonnabend wurde gleichzeitig der zweite Abschnitt eröffnet. Bis Ende 2012 soll der Gedenkort komplett fertiggestellt sein.

Besucher können sich das historische Gelände entlang eines original erhaltenen Weges auf einer Länge von 1,3 Kilometern erschließen. Einst patrouillierten hier DDR-Grenzposten. Auf etwa 200 Metern sind Originalteile der Mauer stehengeblieben. Ein etwa 70 Meter langer Abschnitt präsentiert sich als nationales Denkmal. Im zweiten Abschnitt der Gedenklandschaft steht die Zerstörung der Stadt durch den Mauerbau im Mittelpunkt.

Schweigeminute mit Pannen

Bundesweit waren die Bürger zu einer Schweigeminute um 12 Uhr aufgerufen. Als vielerorts die Kirchenglocken zum Gedenken läuteten, war die Schweigeminute auf der zentralen Gedenkstunde allerdings bereits beendet. Fünf Minuten vor zwölf hatten die Ehrengäste hier mit ihrer Schweigeminute begonnen. In weiten Teilen Berlins war von dem Schweigen in Erinnerung der Maueropfer wenig zu spüren. Viele Touristen wussten gar nichts von dem Gedenktag. Eigentlich hätten auch um 12 Uhr S- und U-Bahnen sowie Busse und Trams für fünf Minuten stehen bleiben sollen. Aber vor allem an zentralen Plätzen wie dem Alexanderplatz oder dem Potsdamer Platz lief der öffentliche Nahverkehr ohne Unterbrechung.