Zwischen 1945 und 1975

Misshandelte Heimkinder sollen entschädigt werden

Auch für DDR-Heimkinder, die misshandelt wurden, plant Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) eine finanzielle Entschädigung. Zudem soll in der Hauptstadt eine Beratungsstelle für Opfer eingerichtet werden.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) plant, auch ostdeutsche Opfer der Heimerziehung finanziell zu entschädigen. Dazu sollen „ähnlichen Instrumente“ zum Tragen kommen, wie diese bereits für Betroffene in den alten Bundesländer beschlossen seien, sagte er am Freitag.

Anlass für Zöllners Vorstoß ist die Vorstellung der Studie „Heimerziehung in Berlin – West 1954-1975, Ost 1945-1989“. Sie beleuchtet und vergleicht die Erziehungspraxis in Heimen während der deutschen Teilung. Vor allem was Einrichtungen in der DDR betrifft, näherten sich die Experten einem noch größtenteils unaufgearbeiteten Geschichtskapitel. Erste Forschungsergebnisse zeigen, dass Kinder in Ostberliner Einrichtungen vergleichbare, grausame Erlebnisse geschildert haben, wie sie bisher aus Westberliner Kinderheimen bekannt geworden waren. Durch Stasi-Unterlagen, Erinnerungsliteratur und neue Medienberichte hätten sich neue Forschungsmöglichkeiten aufgetan, die nun genutzt wurden.

Die 256-Seiten-starke Studie vereint drastische Schilderungen in Betroffenen-Protokollen und wissenschaftliche Analysen von Psychologen, Pädagogen oder Politikwissenschaftlern. Anders als in den alten Bundesländern seien in Berlin die Mehrzahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen in öffentlichen Einrichtungen untergebracht gewesen, sagte der Berliner Soziologe Jürgen Gries. 800.000 Heimkinder gab es in Westdeutschland (1945-1975) und 120.000 in der DDR (1945-1989).

Isolation, Übergriffe, Schläge

Die Studie dokumentiert viele dramatische Fälle aus staatlichen und kirchlichen Einrichtungen. Von Essenszwang, Isolation, sexuellen Übergriffen, Redeverbot oder Schlägen ist die Rede. Laut Studie leiden bis heute fast alle Betroffene unter den psychischen Folgen der Misshandlungen. Genannt werden viele Einrichtungen, unter anderem das Kinderheim Königsheide, der Jugendwerkhof Schenkendorf bei Königs-Wusterhausen, das Paul-Wenzel-Heim in Wannsee oder das Haus Conradshöhe in Tegel.

„Die Zusammenstellung der Situation in Berliner Heimen in West und Ost ist erst der Beginn der Aufarbeitung“, sagte Zöllner. Der Bericht sei ein „erster Versuch der Annäherung“ an diese schwierige Thematik. Keineswegs erhebe er den Anspruch der „objektiven Gesamtaufarbeitung“. Der differenzierte Blick auf West und Ost sei wichtig. Es gebe eine „gemeinsame Überschrift“, aber doch sehr unterschiedliche Verhältnisse.

Auch ein Fonds für den Osten

Zöllner resümierte: Die gesellschaftliche Entwicklung in der Jugendhilfe in Ost und West verlief unterschiedlich, dennoch finde sich viel Vergleichbares, was erlittenes Leid und Unrecht des Einzelnen im Alltag der Heimerziehung angeht. Berlin will deshalb eine „Stelle zur Information, Beratung und Unterstützung ehemaliger Heimkinder“ einrichten. Die Erkenntnisse sollen bei der Entschädigung berücksichtigt werden. „Auch für den Osten bietet sich ein Fonds an“, sagte Zöllner.

Für Westdeutsche Opfer wurde das Recht auf Entschädigung bereits auf den Weg gebracht. Am 7. Juli hat der Bundestag eine Entschädigungsmöglichkeit für ehemalige deutsche Heimkinder auf den Weg gebracht. Sie geht auf die Initiative ehemaliger Heimkinder zurück, die sich 2006 an den Petitionsausschuss des Bundestages gewandt hatten. Sie gilt für Kinder und Jugendliche, die im Westen zwischen 1949 und 1975 in kommunalen und kirchlichen Einrichtungen Unrecht und Misshandlung erlebt haben. Die Entschädigung soll über einen bundesweiten Fonds in Höhe von 120 Millionen Euro finanziert werden. Zöllner fordert, dass die Entschädigung für Betroffene aus dem Osten nach dem gleichen Modell und nach den gleichen Maßstäben erfolgen solle.

Der Staatssekretär im Familienministerium, Josef Hecken (CDU), hatte bereits angekündigt, dass die Gespräche zwischen der Regierung, den Ländern und den Kirchen vor dem Abschluss stünden. Bis Anfang 2012 werde man Regelungen zur Entschädigung getroffen haben. Zeitgleich werde die Regierung einen Gesetzentwurf einbringen, der die Nichtanrechnung der Entschädigung auf Sozialleistungen garantiere.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.