Deutschlandtrend

Deutsche verlieren Vertrauen in Kanzlerin Merkel

Die ohnehin ausgeprägte Unzufriedenheit mit der schwarz-gelben Koalition wächst. Nur noch 45 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit von Kanzlerin Angela Merkel zufrieden. Die klaren Worte von Peer Steinbrück loben die Bürger hingegen.

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Eine Mehrheit der Bürger fühlt sich durch die Verhältnisse derzeit in Deutschland „eher beunruhigt“. 57 Prozent äußern sich entsprechend, wie der Deutschlandtrend von Infratest Dimap für die ARD-„Tagesthemen“ ergab. Dies ist der höchste Wert seit fünf Jahren. Mit 39 Prozent ist die Zuversicht deutlich geringer ausgeprägt. Vor allem mit der Politik sind die Deutschen unzufrieden. Befragt wurden gut 1000 Bürger.

Die ohnehin ausgeprägte Unzufriedenheit mit der schwarz-gelben Koalition wächst. Selbst die Anhänger der Regierungsparteien sind von der Bundesregierung unter Angela Merkel (CDU) und Philipp Rösler (FDP) alles andere als begeistert. Drei von vier Bürgern (74 Prozent) sind mit der Koalition nicht zufrieden. Vor zwei Monaten äußerten sich 70 Prozent derart. Nur ein Viertel der Befragten (25 Prozent) äußert sich über die Regierung zufrieden, im Juni waren es 21 Prozent.

Während sich die Wähler der Oppositionsparteien erwartungsgemäß negativ über die Regierung äußern, sieht es bei Anhänger der FDP ähnlich aus. Mehr als drei von vier Wählern der Liberalen (76 Prozent) sind unzufrieden mit der Berliner Koalition. Klagen über mangelnde Erfolge der Partei gibt es schon länger. Auch der Amtsantritt des Parteivorsitzenden Rösler, der zu „liefern“ versprochen hatte, hat daran nichts geändert.

FDP würde an Prozent-Hürde scheitern

Zufriedener, wenngleich auch wenig begeistert von der Koalition, positionieren sich die Anhänger der CDU/CSU – eine Folge der Tatsache, dass die Union die Politik der Regierung maßgeblich bestimmt und die Ansprüche ihrer pragmatischen Anhänger weniger ambitioniert sind als die der FDP. Immerhin 57 Prozent der Unionswähler äußern sich zufrieden über die Regierung, 43 Prozent sind unzufrieden.

Wäre am kommenden Sonntag Bundestagswahl, würde die FDP mit vier Prozent den Wiedereinzug in den Bundestag verpassen. Im Juli lag sie bei fünf Prozent, bei der Bundestagswahl 2009 hatte sie 14,6 Prozent erzielt. Die Union erreicht unverändert 32 Prozent. Die SPD legt um zwei Punkte auf 28 Prozent zu und vergrößert damit den Abstand zu den Grünen (unverändert 23 Prozent). Die Linke kommt weiter auf acht Prozent. SPD und Grüne zusammen schaffen mit 51 Prozent den höchsten Wert seit 2000. Sie besäßen damit eine komfortable Mehrheit im Parlament.

Die Liste der beliebtesten Politiker wird von zwei Christdemokraten angeführt: Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Je 57 Prozent der Bürger sind mit ihrer Arbeit zufrieden. Damit stoßen de Maizière und Schäuble auf beachtliche Zustimmung auch bei Anhängern der Oppositionsparteien. Während Schäuble (Jahrgang 1942) wohl den Höhepunkt seiner politischen Karriere überschritten hat, wird de Maizière (Jahrgang 1954) mittelfristig als möglicher Kanzler(-kandidat) der Union gehandelt.

Die Ränge drei und vier bei den beliebtesten Politiker nehmen SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier (54 Prozent, plus drei Punkte) und der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (53 Prozent, minus einen Punkt) ein. Beide Männer kommen als Kanzlerkandidaten der SPD für die nächste Bundestagswahl infrage. Nach einem wochenlangen „Steinbrück-Hype“ überholt jedoch Steinmeier nunmehr Steinbrück.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erfahren eine Zustimmung von jeweils 45 Prozent. Während von der Leyens Wert stabil bleibt, verliert Merkel an Ansehen und erreicht ihr Jahrestief. Noch im Juli lag sie bei einer Zustimmung von 49 Prozent. Auf den folgenden Rängen liegen Umweltminister Norbert Röttgen (CDU, 42 Prozent, minus fünf), Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin (41 Prozent, minus fünf) und SPD-Chef Sigmar Gabriel (36 Prozent, minus eins). Auf eine Zustimmung von jedem vierten Bürger stoßen der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler (28 Prozent, plus eins), Linke-Fraktionschef Gregor Gysi (27 Prozent, minus vier) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP, 24 Prozent, minus zwei).

Bei einer Direktwahl des Kanzlers, die das Grundgesetz nicht vorsieht, hat Ex-Bundesfinanzminister Steinbrück die besten Chancen. Bei einem Duell mit Amtsinhaberin Merkel käme diese auf 38 Prozent, das ist ein Prozentpunkt mehr als im Juli. Für den Sozialdemokraten Steinbrück würden 46 Prozent (minus zwei) votieren. Ähnlich ginge eine Direktwahl zwischen Merkel und Oppositionsführer Steinmeier aus. Hier erfährt Merkel eine Zustimmung von 40 Prozent (plus eins), für Steinmeier würden sich 44 Prozent (plus eins) entscheiden.

Eine Mehrheit der Bürger spräche sich für Merkel aus, sollte sie in einem Wettbewerb mit dem grünen Fraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin stehen. Hier käme Merkel auf 56 Prozent, Trittin erhielte 23 Prozent. Immerhin jeder vierte Anhänger der Grünen würde für Merkel als Kanzlerin votieren.

Hohe Sympathie für die SPD

Steinbrück genießt in der Bevölkerung hohe Sympathiewerte – unter anderem, weil er „klar sagt, was er denkt, und kein Blatt vor dem Mund nimmt“. Diese Aussage unterstützen mehr als zwei Drittel der Befragten. Ein fast ebenso hoher Anteil sieht im Alter Steinbrücks – er ist Jahrgang 1947, sieben Jahre älter als Kanzlerin Merkel – keinen Hinderungsgrund, Regierungschef zu werden. 50 Prozent sagen: „Er hat das Format, der nächste Bundeskanzler zu werden“, während 43 Prozent dieser Aussage widersprechen.

Knapp zwei Jahre nach ihrer historischen Wahlniederlage stößt die SPD auf eine hohe Sympathie. 47 Prozent der Befragten wünschen sich, dass sie die Regierung führt. Bei der Wahl 2009 hatte sie – mit 23 Prozent – nicht einmal die Hälfte dieses Zuspruchs erfahren. Nur 39 Prozent plädieren für eine Koalition unter Unionsführung.