Luther-Botschafterin

Käßmann – da sitzt sie nun und kann nicht anders

Margot Käßmann hat vorgeführt, wie hoch man im freien Fall steigen kann. Für ihre neue Aufgabe als Luther-Botschafterin ist kaum jemand so geeignet wie sie.

Foto: Reto Klar

Nun ist aber mal gut mit dem ewigen Käßmann-Bashing! Was haben wir uns nicht alles anhören müssen, seit sie vor fast anderthalb Jahren alkoholisiert eine rote Ampel in Hannover überfahren hat. Noch nie ist so viel Häme und Spott über einen Menschen ausgekübelt worden, der einen Fehler gemacht und die Verantwortung für sein Verhalten übernommen hat.

Ohne Wenn und Aber, ohne irgendwelche mildernden Umstände für sich zu reklamieren. Wäre nicht die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche angeschickert von der Polizei am Steuer eines Autos erwischt worden, sondern, zum Beispiel, der Vorsitzende eines Fußballclubs, ein TV-Moderator oder ein Topmodel, wäre längst Gras über die Sache gewachsen.

Nicht so bei Margot Käßmann, bei der alles, was sie seit jenem Februartag tut oder unterlässt, darauf untersucht wird, ob und in welchem Zusammengang es mit dem „Ereignis“ steht, ob es dazu dienen soll, sie zu rehabilitieren, ihr zu einem Comeback in der EKD oder wenigstens einer eigenen Show auf Arte zu verhelfen.

Der mediale Hype um Margot Käßmann ist mit der Aura eines gefallenen Engels allein nicht zu erklären. Die gehen auf Tauchstation und warten, bis ihnen die Flügel wieder nachgewachsen sind. Käßmann dagegen führt vor, wie hoch man im freien Fall steigen kann. Nun ist sie auch noch designierte Lutherbotschafterin .

Die zierliche Frau mit der Liza-Minelli-Frisur nimmt ihre Ernennung von ihrem Nachfolger entgegen, Präses Nikolaus Schneider, Vorsitzender des Rates der EKD. Er freue sich, sagt Schneider, dass Margot Käßmann „ab dem kommenden Frühjahr wieder offiziell ein Amt in der Evangelischen Kirche in Deutschland bekleiden wird“, der Rat der EKD habe „einstimmig beschlossen“, Margot Käßmann zur „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 zu berufen“, um den Vorbereitungen „auf dem Weg zum großen Jubiläum weitere Kraft und weiteren Schwung zu verleihen“.

Das klingt, als würde der Vorsitzende eines Bundesligavereins die Ernennung eines neues Trainers bekannt geben, der die Mannschaft auf die nächste WM vorbereiten soll. Wenn Margot Käßmann im Frühjahr kommenden Jahres ihr Amt als „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ antritt, wird sie fünfeinhalb Jahre Zeit haben, um… was zu tun?

„Um dieses Feuer und diese Begeisterung für die EKD zu transportieren und zu kommunizieren“, dank ihrer Fähigkeit, „die Sprache und den Geist Martin Luthers fromm, fröhlich, frisch und frei in den Alltag zu übersetzen…“

Personalie Käßmann verursachte "Irritationen"

Nikolaus Schneider ist ein freundlicher und jovialer Mann. Während er spricht, schaut er Margot Käßmann wohlwollend von der Seite an, wie ein Vater, der seiner Tochter zum bestandenen Abitur gratuliert. Um bei der Gelegenheit auch daran zu erinnern, dass sie schon immer ein besonders begabtes Kind gewesen sei. „Es hat mich beeindruckt, wie couragiert du im Jahre 2003 im ZDF als ‚Patin‘ von Martin Luther aufgetreten bist.“

Das war in der Show „Unsere Besten“, in der ZDF-Zuschauer die zehn größten Deutschen aller Zeiten wählen konnten. Adenauer kam auf Platz eins, gefolgt von Luther und Karl Marx.

Damals war Margot Käßmann noch Bischöfin der Hannoverschen Landeskirche, hatte sich aber bereits, ohne es zu ahnen, als „Botschafterin für das Reformationsjubiläum im Jahre 2017“ qualifiziert. Da sitzt sie nun und kann nicht anders.

Schneider räumt ein, dass es im Zusammenhang mit dieser Personalie „Irritationen“ gegeben habe, vor allem in der Mitteldeutschen Kirche, aber die seien jetzt vom Tisch. „Alle werden offen und konstruktiv mit Frau Käßmann zusammenarbeiten."

Käßmann schmückt die Kirche, ist aber unberechenbar

An dieser Stelle zu fragen, ob es außer Frau Käßmann auch noch andere Bewerber oder Kandidaten für den neu geschaffenen Botschafter-Posten gegeben habe, ist ein wenig unhöflich, es muss aber sein. Nein, habe es nicht, sagt Schneider, andererseits sei es auch „nicht so gewesen, dass wir uns gesagt haben, Frau Käßmann ist da, jetzt suchen wir eine Aufgabe für sie, so war es nicht“. Alle ernsthaften Überlegungen, versichert Schneider, seien „allein mit Frau Käßmann vorangetrieben worden – und mit niemandem sonst“.

So, das wäre geklärt. Die Berufung von Frau Käßmann zur „Botschafterin“ war alternativlos. Man habe keine Aufgabe für sie maßgeschneidert, aber sie war die Einzige, die in das Kostüm gepasst habe. Diese Erklärung wiederum passt gut zu den Gerüchten, es habe in den Kirchen Unmut über Frau Käßmanns Alleingänge gegeben, deswegen habe man überlegt, wie man sie in die kirchliche Arbeit einbinden, einfacher gesagt: an die kurze Leine nehmen könnte.

Denn einerseits ist sie ein Aktivposten, den man gut gebrauchen kann, andererseits unberechenbar wie eine „loose cannon“, ein Pulverfass, das über ein Schiffsdeck hin und her rollt und jeden Moment explodieren kann.

Margot Käßmann füllt die größten Säle, ist bekannt wie Heidi Klum, aber nach einigen ihrer extrem öffentlichkeitswirksamen Auftritte, wie zur Lage in Afghanistan oder der Frage, ob man mit den Taliban beten sollte, hat es doch einen „Erklärungsbedarf“ gegeben.

Auch für diese heikle Situation findet Nikolaus Schneider die richtigen Worte: „Der Begriff Botschafter signalisiert eine Anbindung und eine Freiheit. Der Botschafter genießt das Vertrauen der Regierung…“

Luther-Botschafterin ist ein Titel ohne Mittel

Das ist eine schöne, beinahe idyllische Arbeitsplatzbeschreibung, die freilich immer noch nichts darüber sagt, was Margot Käßmann als „Botschafterin“ tun wird, außer „die Sprache und den Geist Martin Luthers fromm, fröhlich, frisch und frei in den Alltag zu übersetzen…“, was sie schon immer getan hat, als Pastorin, als Bischöfin und auf eigene Faust.

Man werde ihr, sagt Schneider, eine Mitarbeiterin zur Seite stellen und die Reisekosten erstatten, das sei schon alles. Sie werde kein eigenes Budget haben. Er könnte auch sagen: „Es ist ein Titel ohne Mittel.“ Aber das wäre undiplomatisch.

Margot Käßmann macht das offenbar nichts aus. Sie weiß: Den Leuten, denen sie aus dem Herzen spricht, ist es egal, ob sie als Frau Käßmann oder als Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum den Saal betritt. Sie sagt: „Ich kann mich vor Einladungen, zu reden, zu predigen…“, tritt dann auf die protestantische Demutsbremse und fährt fort: „...da gibt es sehr viele.“

Kirche legt Käßmann an eine kurze Leine - Warum macht sie mit?

Sie werde immer wieder fragen: „Wie steht es um Gerechtigkeit – in unserem Land, auf der Welt?“ Und: „Was bedeutet es, Frieden zu stiften?“ Also: Käßmann as usual. „Frau Käßmann soll sich nicht verbiegen, sie soll sie sein, sie soll authentisch sein“, sagt Nikolaus Schneider.

Doch je entschiedener er und seine Mitstreiter versichern, die Kirche werde Frau Käßmann gewähren lassen, umso klarer wird es, dass sie das Gegenteil meinen. Es sind Treueschwüre, die zu dick aufgetragen werden. Käßmann ihrerseits ist viel zu klug, um nicht zu merken, auf was für ein Spiel sie sich einlässt. Warum macht sie es?

Die Evangelische Kirche wird als eine ökumenisch-moralische Anstalt wahrgenommen, ist aber, genauso wie der DGB, der BDI und der Bauernverband, eine Interessenvertretung. Daran gibt es nichts auszusetzen, man sollte es nur nicht übersehen.

Wie ein Catering-Unternehmen, das sowohl an Fleischesser wie Vegetarier liefert, muss auch eine Kirche, wenn sie nicht zu einer Sekte verkommen will, die einen und die anderen bedienen: die Pazifisten und die Bellizisten, die Konservativen und die Progressiven, sogar die Ungläubigen.

Käßmann bietet Raum für Projetktionen von Jean d’Arc bis Mutter Beimer

Und da ist Margot Käßmann die ideale Besetzung für alle Fälle. Diejenigen, die sie lieben, mehren ihren Ruhm. Die sie nicht ausstehen können, tun das auch. Sie polarisiert, bietet zugleich aber Raum für alle möglichen Projektionen, von Jean d’Arc bis Mutter Beimer.

Margot ist für alle da. Sie kann bei „Anne Will“ ebenso überzeugend auftreten wie auf einer Frühgeborenen-Station. Sie muss sich nicht verbiegen, sie ist, wie sie ist. Käme sie morgen auf die Idee, auf dem „Traumschiff“ zu predigen, würde der Kapitän sofort seine Kabine für sie räumen.

Dass sie für kleine Eitelkeiten anfällig ist, macht sie den Menschen nur sympathischer. Der Titel der EKD-„Botschafterin“ ist beinahe so belanglos wie ein „Dr. jur.“, der von der Uni Bayreuth verliehen wurde. Aber er befördert die Trägerin in eine höhere Spielklasse, dorthin, wo der Boxer Vitali Klitschko, der Vizepräsident des AvD, Baron Freiherr Othmar von Diemar, der Entertainer Alfred Biolek, die Unternehmerin Ute Ohoven und die Moderatorin Sabine Christiansen Gutes tun und darüber reden – als „SonderbotschafterInnen“ der Unesco und anderer UN-Organisationen. In diesem Milieu hat eine Bischöfin i.R. bis jetzt gefehlt.

„Margot Käßmann und Martin Luther – das klingt gut“, sagte Nikolaus Schneider bei der Vorstellung der Botschafterin zum Lutherjahr 2017. Es ist eine klare Ansage. Fünf Jahre Käßmann und ein Jahr Luther.