Vergewaltigungsvorwurf

Strauss-Kahn ist frei - nicht freigesprochen

Lügt die Frau, die Dominique Strauss-Kahn Vergewaltigung vorwirft? Der Prozess steht vor dem Aus und der Franzose feiert seine Freiheit in New York. Doch von einem Comeback ist er noch weit entfernt.

Dominique Strauss-Kahn tat am Freitagabend, was ein Franzose eben tut, wenn er ein Stück Freiheit wiedererlangt hat. Er ging gut essen. Mit seiner Ehefrau Ann Sinclair und einem befreundeten Ehepaar gönnte er sich im Restaurant Scalinatella, einem mäßig überteuerten Italiener auf der Upper East Side, Pasta mit schwarzen Trüffeln, eine Flasche Brunello di Montalcino und ein Stück Cheesecake zum Dessert. Um neugierigen Blicken zu entgehen, hatte sich die Dinner-Gesellschaft ins Souterrain des Restaurants zurückgezogen. Beim Verlassen des Lokals lächelte ein entspannter Strauss-Kahn den wartenden Fotografen zu, bevor er in einem schwarzen Geländewagen entschwand.

Befreit zu wirken bedeutet nicht freigesprochen zu sein, gewinnend lächeln zu können noch nicht, den Prozess gewonnen zu haben. Der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Aspirant auf die französische Präsidentschaft hat einen Etappensieg errungen – rehabilitiert ist er nicht. Die US-Medien legten am Sonnabend Wert darauf, dem Publikum zu erklären, dass selbst eine mehrfach der Lüge überführte Belastungszeugin bei ihrem Vergewaltigungsvorwurf die Wahrheit sagen könnte – selbst wenn sie, wie nun die boulevardeske „New York Post“ meldet, einmal als Prostituierte gearbeitet haben sollte. Aber es könnte schwer werden, den Geschworenen solche Differenzierungen zu verkaufen. Erst recht, seitdem das Zimmermädchen im Sofitel gestehen musste, auch zum Ablauf der mutmaßlichen Vergewaltigung gelogen zu haben.

Die 32 Jahre alte Frau aus Guinea (ihr Name Nafissatou Diallo wird in US-Medien nirgendwo genannt, die französische Illustrierte „Paris Match“ präsentiert sogar ein vermeintliches Foto von ihr) hatte sich nach der angeblichen Tat in Strauss-Kahns Suite eben nicht auf dem Flur versteckt und dann ihre Kollegen um Hilfe gebeten. Sie hatte zunächst ein anderes Zimmer gereinigt und war in die Suite zurückgekehrt, um diese zu reinigen. Ihre Vorgesetzten verständigte sie erst danach. Noch schwerer wiegt, dass die Frau, von Bekannten als hart arbeitende, verwitwete Asylantin, fromme Muslimin und Mutter einer 15-jährigen Tochter beschrieben, Kontakt zu Kriminellen hatte und dazu wohl die Absicht, sich an dem Vorfall zu bereichern.

Am Telefon erzählte sie einem im Gefängnis einsitzenden Afrikaner in ihrem Heimatdialekt am Tag nach dem mutmaßlichen Vergewaltigungsversuch: „Mach' dir keine Sorgen, dieser Typ hat viel Geld. Ich weiß, was ich tue.“ Nach Angaben der „New York Times“ liegt der Inhalt dieses in einem afrikanischen Dialekt geführten Telefongesprächs erst seit Mittwoch vor. Erst zu diesem Zeitpunkt sei es übersetzt gewesen – mehr als sechs Wochen, nach der Aufzeichung. Richter Michael Obus blieb bei der kaum fünf Minuten währenden Verhandlung am Freitag nichts anderes übrig, als den Hausarrest von Strauss-Kahn aufzuheben. Allerdings unter der Auflage, sich für den nächsten Prozesstermin am 18. Juli in den Vereinigten Staaten zur Verfügung zu halten. „Es gibt keinen Grund, zu einer schnellen Urteilsverkündung zu kommen“, sagte Obus.

Das sehen Strauss-Kahn und seine Ehefrau anders; sie feierten die Entfesselung wie einen Freispruch und ließen blau-weiß-rote Luftballons und eine aufblasbare Freiheitsstatue in ihr Haus in Manhattan liefern. Am 4. Juli begehen die Amerikaner ihren Nationalfeiertag, zehn Tage später feiert Frankreich den Sturm auf die Bastille; so lange dürften bei Strauss-Kahn die Ballons fliegen. In den US-Medien bekommt der Ex-IWF-Chef weder Entschuldigungen noch Kränze geboten. Selbstzweifel, ob die „mitleidlose, grausame, öffentliche Verbrennung“ („The New Yorker“) eines Mannes, der als Schürzenjäger bekannt war, nicht als Vergewaltiger, ethisch zu rechtfertigen sei, gibt es vereinzelt. In der „New York Daily News“ ließ Kolumnistin Joanna Molly hingegen ihrem Frankreichhass freien Lauf: „Okay, die Glaubwürdigkeit des Opfers ist wacklig wie ein dreibeiniger Stuhl, aber ihre Schwäche als Zeugin ändert nichts an der Tatsache, dass der geile Franzose (ist das nicht doppelt gemoppelt?) seine DNS auf ihrer Uniform hinterließ.“ Andere bemerken angewidert, selbst der für Strauss-Kahn günstigste Fall wäre ein Abgrund an Verworfenheit und Geschmacklosigkeit: einen Mann von Macht, der ein Zimmermädchen zum Sex verführe, wählten normale Nationen nicht zum Präsidenten.

Doch in Frankreich zeigt man durchaus Sensibilität: Da wurde der Kontrast bemerkt zwischen dem entspannten Restaurantgast Strauss-Kahn und dem, was der Anwalt des angeblichen Opfers, Kenneth Thompson, sagte: Nach der Anhörung am Freitag hatte Thompson in einer improvisierten Pressekonferenz vor dem New Yorker Gericht dem Staatsanwalt Feigheit vorgeworfen und noch einmal die angeblich forensisch belegten Spuren des sexuellen Gewaltaktes drastisch beschrieben. Seine Mandantin erhalte die Vorwürfe aufrecht, so Thompson. Der sexuelle Kontakt sei keinesfalls einvernehmlich gewesen. Es gebe Fotos von Verletzungen an der Vagina, welche der Angreifer verursacht habe.

Thompsons Worte dämpften die Hochstimmung, die am Freitagmorgen noch unter manchen DSK-Anhängern in Frankreich geherrscht hatte. Die Aussicht auf ein Verfahren, in dem mit Fotos von Vagina-Verletzungen darüber gestritten wird, ob es um freiwilligen oder erzwungenen Sex geht, ließen die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr Strauss-Kahns in den Präsidentschaftswahlkampf schnell schwinden.

Am Freitagmorgen, nur wenige Stunden nachdem die „New York Times“ die sensationelle Wendung des Falles gemeldet hatte, herrschte zunächst beinahe Euphorie: Die sozialistische Politikerin Michèle Sabban forderte sogleich, die Vorwahlen für die Nominierung der Sozialisten anzuhalten, damit Strauss-Kahn noch teilnehmen könne, falls das Verfahren in Kürze eingestellt werde. Der ehemalige Kulturminister Jack Lang wollte eine Rückkehr des einstigen Favoriten auf die Präsidentschaft 2012 ebenfalls nicht ausschließen und wünschte sich, dass Strauss-Kahn bald wieder „eine Hauptrolle in der französischen Politik spiele.“ Strauss-Kahns engste politische Gefolgsleute wie die Abgeordneten Jean-Christophe Cambadélis und Claude Bartolone zeigten Genugtuung: „Eine Sache freut mich besonders – neben der Hoffnung, die Dominique Strauss-Kahn, Ann Sinclair und die ganze Familie nun wieder spüren: das Gesicht, das Nicolas Sarkozy heute gemacht haben muss und mit ihm gesamte Rechte, die mit dieser Affäre die sozialistische Partei moralisch erledigen wollte“, sagte Bartolone.

Zurückhaltender äußerte sich die sozialistische Parteivorsitzende Martine Aubry, die erst am vergangenen Dienstag ihre Kandidatur erklärt hatte. Sie spreche „als Freundin von Dominique“ und freue sich „von ganzem Herzen“ über die Nachrichten aus den USA, so Aubry. Die Wahrheit sei ein Stück vorangekommen. Nun wünsche sie sich, dass sie weiter voranschreite, fügte sie hinzu.

Fragen, ob das Voranschreiten der Wahrheit Einfluss auf die sozialistische Kandidatenfindung habe, wich sie aus. Dass die vollständige Wahrheit nun herauskommen möge, wünschte sich auch die ehemalige sozialistische Kandidatin Ségolène Royal, die im übrigen drei Tage nach der Wahl von Christine Lagarde zu Strauss-Kahns Nachfolgerin an der Spitze des IWF mit der verwunderlichen Einzelmeinung hervortrat, das wichtigste sei, die „vollständige Rehabilitierung von Dominique Strauss-Kahn beim Internationalen Währungsfonds“. Pikanterweise besucht Royal am Sonntag Strauss-Kahns politische Heimat Sarcelles und trifft dort in einem lange zuvor verabredeten Termin mit dessen Nachfolger als Bürgermeister zusammen.

Der dritte prominente sozialistische Präsidentschaftsbewerber François Hollande sagte derweil, er könne sich vorstellen, den Bewerbungsschluss für die sozialistischen Vorwahlen, der bislang auf den 13. Juli terminiert ist, aufzuschieben. Strauss-Kahns nächste Anhörung in New York ist für den 18. Juli vorgesehen. Auch ein Anmeldeschluss Ende Juli oder gar Ende August sei für ihn vorstellbar, sagte Hollande, der derzeit in Umfragen vor Aubry liegt. Lediglich am Vorwahltermin am 8. Oktober müsse festgehalten werden, findet Hollande.

Dominique Strauss Kahns französischer Anwalt Jean Veil sagte unterdessen, sein Mandant werde sich zu einer möglichen politischen Zukunft nicht äußern, bevor er von sämtlichen Vorwürfen entlastet sei und nach Frankreich zurückkehren könne. Dann werde er sprechen. Für die Sozialisten ist dieses Szenario Drohung und Verheißung zugleich. Denn ein freigesprochener Strauss-Kahn, der nach Frankreich zurückkehrt, nähme den Bewerbungen der mittlerweile erklärten Kandidaten Martine Aubry und François Hollande Wind aus den Segeln. Dennoch ist zweifelhaft, ob Strauss-Kahn nach dieser Affäre wieder ein aussichtsreicher Kandidat werden könnte. Selbst wenn es nicht zu einer Anklage käme, bliebe die Frage, wie präsidiabel ein Bewerber wäre, der in seiner Freizeit Zimmermädchen wohl zumindest rustikal vernascht.

Die überraschende Wendung seines Verfahrens mag eine gute Nachricht für Dominique Strauss-Kahn sein, die Sozialisten stellt sie vor ein strategisches Dilemma. Auch im Élysée-Palast scheint man sich daher bislang nicht vor einer Rückkehr Strauss-Kahns zu fürchten. Offiziell hat sich Präsident Nicolas Sarkozy stets bedeckt gehalten. Lediglich am Rande des G-8-Gipfes in Deauville merkte er an, er sei „schockiert“ von zahlreichen Kommentaren über diese „sehr traurige Geschichte.“ Ansonsten betonte der Élysée-Palast stets, dass die Unschuldsvermutung gelte und man die amerikanische Justiz ihre Arbeit machen lassen solle. Diese Linie bekräftigte nun auch Premierminister François Fillon, der sich derzeit in Indonesien aufhält. Hinter vorgehaltener Hand geben Berater des Präsidenten jedoch zu verstehen, man begreife die neueste Wendung des Falls nicht als „Umkehrung der Ereignisse vom 15.Mai“. Die erschütterte Glaubwürdigkeit der Klägerin bedeute nicht, „dass die Ereignisse nicht stattgefunden hätten.“ Im Élysée hält man offenbar zwei Szenarien für denkbar: „Entweder er wird völlig entlastet und tritt noch an, dann sind wir gewappnet. Oder er wird freigesprochen ohne entlastet zu sein, dann wird es unangenehm für die Sozialisten.“ Die Kandidatur von Martine Aubry werde dadurch zum „Nicht-Ereignis“, so der Sarkozy-Berater.

Worüber derweil in Paris relativ wenig gesprochen wird, ist die Frage, ob Strauss-Kahn, wenn er denn wirklich in naher Zukunft von den Vorwürfen entlastet werden sollte, überhaupt noch die Lust verspürt, sich in einen französischen Präsidentschaftswahlkampf zu stürzen.